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Nachruf - Helen Schloss ist im Alter von 96 Jahren in New York verstorben / Sie war eine der letzten Zeitzeuginnen der Verfolgung und Vertreibung jüdischer Mitbürger

Ihre Seel’ sei aufgenommen in den Bund

Von 
Kurt Glöckler, Albrecht Lohrbächer
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Die Schwestern Gertrud (v. l.) und Herta (Helen) Schloss 1929 in Schwetzingen. © Stadtarchiv

Schwetzingen/New York. Was in vielen Gedenkansprachen in letzter Zeit immer wieder erwähnt wurde, ist der Verlust der Zeitzeugen. Dieser Abschied von jenen, die jüdisches Leben am Ort erlebten und gestalteten, Leid und Vertreibung aus der Heimat sowie den Neuanfang im Unbekannten bewältigen mussten, steht nun auch für Schwetzingen wieder an. In den letzten Tagen des Monats Juni ist in New York Helen F. Schloss im Alter von 96 Jahren gestorben. Sie gehörte zu den letzten Überlebenden der Verfolgung, die vor dem Beginn der in den Vernichtungslagern endenden Ermordung der Juden aus Schwetzingen fliehen und so ihr Leben retten konnten.

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Geboren wurde Helen Schloss am 17. Dezember 1924 in Heidelberg, aufgewachsen ist sie als Friede Herta bei ihrer Familie in der Schwetzinger Kurfürstenstraße, zusammen mit der ein Jahr älteren Schwester Paula Gertrud. Sie besuchte die Schule in Schwetzingen, den israelitischen Religionsunterricht bei Lehrer Heinrich Bloch, den Gottesdienst im Betsaal der Gemeinde im Schloss an der Hand der Großmutter Sophie Springer aus der Bruchhäuser Straße.

Das Mädchen konnte kaum zehn Jahre alt werden, als am Ort und in der Schule Juden beleidigt und angegriffen, ihre Geschäfte boykottiert und sie nach und nach aus der Öffentlichkeit hinausgedrängt wurden. Ab 1935 war an einen Schulbesuch in einer öffentlichen Schule nicht mehr zu denken. So fuhren die Schwestern nach Heidelberg zur Klasse für die jüdischen Schüler bei Lehrer Hermann Durlacher.

Auswanderung geplant

Zugleich schmiedeten die Eltern Auswanderungspläne. Hilfreich dabei war der Bruder von Mutter Hermine, geborene Springer, Alex Springer. Er war bereits im Jahr 1929 in die USA ausgewandert, wohnte in New York und konnte für die Familie Hugo Schloss bürgen, wenn sie nach der Einreise in die USA versorgt werden müssten. Damit konnten sie einen Pass beantragen und letztlich nach der Auflösung des Haushalts die Reise von Antwerpen mit dem Schiff nach New York antreten.

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Nahe der Freiheitsstatue empfing sie auf Ellis Island der Bruder, Schwager und Onkel Alex Springer. Den beiden Schwestern, die sich nun Gertrude und Helen nannten, gelang das Einleben weit besser als den Erwachsenen, die mit ihren ausgeübten Berufen oft schlecht Fuß fassen konnten und in Aushilfsjobs nur wenig verdienten.

Bald eröffnete sich zwar die Möglichkeit, Anträge auf Wiedergutmachung zu stellen, aber das Verfahren war mühsam, benötigte Hilfe aus dem fernen Herkunftsland und war zudem seelisch sehr belastend. Es gelang trotz dieser Erfahrungen im Laufe der 1960er Jahre manchen ehemaligen Schwetzingern, die Verbindung zur Herkunft wieder aufzunehmen. Einen wesentlichen Impuls gab dabei das Projekt der Klasse 7/8 mit ihrem Religionslehrer Albrecht Lohrbächer, das in Zusammenarbeit mit der Stadt Schwetzingen zu einem ersten Gedenkstein am Eingang zum ehemaligen Betsaal im Schloss in der Zeyherstraße im Jahr 1978 führte.

2007 zuletzt in Schwetzingen

Dazu lud die Stadt Schwetzingen auch die noch lebenden ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger ein. In den Folgejahren gab es mehrere solcher Treffen, denen auch die Schwestern Schloss folgten. Helen Schloss selbst kam noch einmal im Jahr 2007 nach Schwetzingen, um die von ihr gestiftete Gedenkplatte für Tante und Onkel Lucie und Albrecht Springer auf dem israelitischen Friedhof niederzulegen.

Seitdem ließ sie sich bei vielfältigen telefonischen Kontakten über den großen Teich gerne zu ihrer Familiengeschichte befragen, stellte Fotos zur Verfügung, die zum Teil im Stadtarchiv verwahrt werden, und versäumte nie, sich für das zu interessieren, was in Schwetzingen vor sich geht.

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Zu ihrem 90. und 95. Geburtstag empfing sie mit Nina Bröer, einer ehemaligen Schülerin des Hebel-Gymnasiums, die in der Nähe ihres letzten Wohnortes im Osten New Yorks lebte, eine Botschafterin aus Schwetzingen, die ihr im Auftrag von Oberbürgermeister Dr. René Pöltl herzliche Glückwünsche überbrachte. Mit solchen versöhnlichen Erinnerungen, die nicht zuletzt ihrer Bereitschaft zu verdanken waren, einen neuen Anfang nach schmerzlichen Erfahrungen zu wagen, mag sie ruhig aus dieser Welt gegangen sein.

So ist Helen Schloss jetzt nach jüdischer Tradition „verbunden mit den Vätern und Müttern“, auch mit ihrer Schwester Gertrud (Paula). Wir trauern zusammen mit ihrer Cousine Marte Springer in Antwerpen und wünschen, wie es auch auf ihrem Grabstein verzeichnet sein wird: „Ihre Seel’ sei aufgenommen in den Bund des ewigen Lebens.“

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