Zeugen Jehovas - Gemeindeältester Horst Brockel über Onlinegottesdienste in Corona-Zeiten und weise Worte aus der Bibel Im Zeichen des Weltsystemwechsels

Von 
Marco Montalbano
Lesedauer: 
Der Königreichssaal der Zeugen Jehovas befindet sich in der Robert-Bosch-Straße 7. Derzeit sind die Tore verschlossen. © Mon

„Ich habe noch ein Handy ‚mit Kurbel‘, das liegt grade ausgeschaltet neben mir“, scherzt Horst Brockel (81), hiesiger Gemeindeältester der Zeugen Jehovas. Auch wenn alles Teamarbeit sei, wie er betont, laufen die „digitalen Fäden“ der Gemeinschaft unter anderem bei ihm zusammen. Er spricht wie ein Profi von Video-Konferenzdiensten über das Internet und „Breakout-Sessions“.

Gedenkfeier erinnert an Opfergruppe

Die Zeugen Jehovas stehen an diesem Mittwoch, 27. Januar, als Opfergruppe im Mittelpunkt des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Landtag von Baden-Württemberg.

Die Zeugen Jehovas wurden vom Nazi-Regimes aufgrund ihres Glaubens, ihres Gewissens und der daraus folgenden Weigerung, das Regime zu unterstützen, gefolgt, gejagt und getötet.

Wer sich dem Gedenken anschließen möchte, kann über den Link www.ltbw.de/gedenken teilnehmen. Ab 8.30 Uhr wird mit verschiedenen digitalen Beiträgen an die Verfolgten des Nationalsozialismus gedacht. Es gibt zudem Musik und Fachvorträge. zg

AdUnit urban-intext1

Die großen christlichen Kirchen feiern aktuell Gottesdienste, die wegen der Pandemie starken Einschränkungen unterliegen, nur digital. Dafür haben sie sich neue Konzepte und Wege überlegt. Die Zeugen Jehovas, die in Baden-Württemberg seit 2015 den Status einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts haben und damit den anderen kirchlichen Gemeinschaften gleichgestellt sind, gehen diesen Weg schon ein bisschen länger. Seit März 2020 treffen sie sich nur noch über das Internet, ihre Königreichssäle bleiben seitdem geschlossen. Wir sprachen mit Horst Brockel darüber, wie und ob Gottesdienst und Glaubensgemeinschaft „ausschließlich online“ funktionieren können.

Herr Brockel, Sie führen alle Ihre Treffen seit März 2020 komplett online durch. Warum? Und wie klappt es?

Horst Brockel: Der Staat rät wegen Corona konsequent von jeder Art von Treffen ab und wir sind gesetzestreu. Bei uns werden Sie keine „Querdenker“ finden, wir treffen uns noch nicht mal privat. Die Bedrohung durch das Virus besteht weiterhin und wir haben eine Teilnehmerzahl an Glaubensbrüdern und -schwestern bei unseren Treffen von 100 Prozent. Da könnten keine Abstandsregeln eingehalten werden. Online klappt es einwandfrei.

AdUnit urban-intext2

Wie sieht das genau aus, auch was die Hardware angeht?

Brockel: Nicht alle von uns Älteren hatten ein internetfähiges Handy oder Tablet, das ist jetzt anders. Alle haben die nötige Hardware. Jüngere Glaubensbrüder unterstützen bei Bedarf die älteren. Zur Not fährt auch mal einer hin und hilft vor Ort. Wir nutzen die Videokonferenz-Plattform „Zoom“, da haben wir sogar überregionale Konferenzen mit über 300 Teilnehmern abgehalten. Wer sprechen will, hebt einfach die „blaue Hand“ und kommt dann dran. Nur die menschliche Nähe, das Persönliche bei realen Treffen, das wird schon sehr vermisst.

AdUnit urban-intext3

War das alles für Sie persönlich nicht schwierig zu lernen?

AdUnit urban-intext4

Brockel: Ich habe Ihnen ja von meinem „Kurbelhandy“ erzählt (lacht) – ja, es fiel mir zuerst nicht leicht, später schon. Man muss sich nur damit beschäftigen und die Zeugen Jehovas waren übrigens schon immer fortschrittlich. 1922 gab es unsere ersten Radiosendungen, ab 1924 sogar von einer eigenen Rundfunkstation aus und 1933 Predigten über transportable Grammophone. Das war damals bahnbrechend.

Und was hat es mit den „Breakout-Sessions“ auf sich?

Brockel: Nach den digitalen Treffen diskutieren viele noch untereinander in kleineren Gruppen von bis zu sechs Personen. Das nennt man „Breakout-Sessions“.

Was halten Sie von den Corona-Maßnahmen und haben Sie eine Theorie zur Pandemie?

Brockel: Vieles finde ich sinnvoll, manches nicht. Wieso der Schlossgarten zu ist, wir dann aber zusammengepfercht im Bus stehen, ist einfach nicht nachvollziehbar. Meine Theorie? Die steht in der Bibel, ab Matthäus 24 Vers 3: „Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine [Jesu] Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen?“, worauf er Zeichen nennt, die dem „Ende des Weltsystems“ vorausgehen. Eine Pandemie kann ein Zeichen sein. Danach könnte eintreten, was auch Sie als guter Katholik im Vaterunser beten: „Dein Reich komme“ – also ein Systemwechsel zu Gottes Königreich. Im Universum ist alles so harmonisch, dass auch Wissenschaftler immer wieder sagen, dass dies unmöglich Zufall sein kann und dass der Gedanke an einen Schöpfer da sehr naheliegt. Auf gut Deutsch: „Von nix kommt nix.“ Gott existiert – alles Weitere steht in der Bibel, man muss nur nachlesen.

Wann wird es wieder „reale“ Treffen geben?

Brockel: Erst wenn sie wieder uneingeschränkt möglich sind. Vorher nicht.

Freier Autor Freier Journalist für die Region Rhein-Neckar. Davor Pressereferent bis zum Wechsel auf die „andere Seite“. Studium der Politikwissenschaft. In Vergangenheit lange als Texter für die Wirtschaft tätig. Mitglied der Autorengruppe Literatur Offensive Heidelberg.