Evangelische Kirche

Kindergottesdienst in Schwetzingen widmet sich der Lebensrealität von Blinden

Bei der Kinderkirche im Melanchthonhaus ging es anhand der Jahreslosung „Du bist ein Gott, der mich sieht“ weniger um die Bibel als um Blinde. Smartphones waren dabei eine große Hilfe.

Von 
Stefan Kern
Lesedauer: 
Karin Gschwind erklärt den Kindern ihre Welt als blinder Mensch. © Juliane Groß

Schwetzingen. Bei der Kinderkirche im Melanchthonhaus ging es anhand der Jahreslosung „Du bist ein Gott, der mich sieht“ weniger um die Bibel als um Blinde. Dafür lud Juliane Groß vom Kinderkirchenteam Karin Gschwind ein. Von Geburt an blind, versuchte sie, den rund 30 Kindern einen Eindruck davon zu verschaffen, wie Blinde die Welt wahrnehmen. Und, um es gleich vorwegzunehmen, damit faszinierte Gschwind die Kinder.

Nouki, ein Collie, ist sechs Jahre alt und hat vor allem die Aufgabe, sie um Hindernisse zu führen. © Juliane Groß

Was in Teilen natürlich auch an ihrem Blindenhund „Nouki“ lag, der sich nur zu gerne streicheln ließ. Aber auch die Erzählungen Gschwinds machten auf die Kinder sichtlich Eindruck. Es ist eine andere Welt, in die sich hineinzuversetzen nicht leicht ist. Auf die Frage eines Jungen, was sie denn sehe, ob alles schwarz sei, sagte sie, dass Menschen, die von Geburt an blind seien, nicht schwarz sähen, sondern Nichts. Es gebe nicht einmal eine Vorstellung von Schwarz.

Es war die erste Kinderkirche im laufenden Jahr und sie bescherte Groß und ihrem Team gleich einen Rekord. „So viele Kinder waren es noch nie.“ Der Stuhlkreis musste denn auch gleich mehrfach erweitert werden. Die Kinder waren neugierig und die Fragen prasselten auf Gschwind nur so ein. Von wie alt der Hund sei, was sie arbeite und was ein Blindenhund eigentlich mache, über wie sie fahre, sich morgens anziehe und Frühstück mache bis wann sie wisse, dass sie über die Straße gehen könne und wie das mit dem Smartphone gehe, deckten die 30 Kinder einen beeindruckenden Fragenkatalog ab. Und so konzentriert sie hier Fragen stellten, so konzentriert hörten sie dann auch zu.

Kindergottesdienst in Schwetzingen: Hund „Nouki“ ist treuer Begleiter

Nouki, ein Collie, ist sechs Jahre alt und hat vor allem die Aufgabe, sie um Hindernisse zu führen. Vor einer Treppe oder einem Bordstein bleibt er stehen und signalisiere ihr damit ein Hindernis. Ganz wichtig war Gschwind, dass der Hund nicht abgelenkt werden darf, wenn er im Geschirr ist: Kein Streicheln, keine Leckerlies, nicht einmal ansprechen sollte man den Hund. Wenn sie nicht zu Fuß unterwegs ist, zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit beim Diakonischen Werk in Heidelberg, nutzt die in Leimen wohnende Gschwind vor allem den öffentlichen Nahverkehr. Nach dem richtigen Bus oder der Straßenbahn muss sie fragen, auf die Zeit könne man sich ja nicht immer verlassen.

Das Zubereiten des Frühstücks oder auch der anderen Mahlzeiten bereitete ihr nie Schwierigkeiten. Man kenne sich in den eigenen vier Wänden aus, wisse wo das Geschirr oder das Bügelbrett sei. Mit einem Schmunzeln erklärte sie, dass blind sein manchmal auch etwas Entspannendes habe. „Ich sah nie die Unordnung in den Zimmern meiner drei Kinder.“ Ein Segen seien die digitalen Geräte. Gerade Smartphones bedeuteten mit ihrer Vorlesefunktion eine enorme Erleichterung im Alltag.

Wie die Welt für Blinde aussieht, konnten die Kinder auch ganz praktisch erfahren. An vier Stationen ging es um Spiele, um Bücher, die Schrift, das Ertasten von Kleidung oder Schleifen binden. Ausgestattet mit einer Augenbinde machten sich die Kinder auf in die Welt der Blinden. Der Tastsinn kann einiges kompensieren, aber es dauert ein wenig. Es ist überhaupt erstaunlich, wie sehr die anderen Sinne in den Vordergrund drängen, wenn das Sehen „ausgeschaltet“ ist.

Kirche, die etwas bedeutet, muss Anschluss schaffen, Neugierde wecken, die Welt größer machen und vor allem den Gemeinsinn über alle Grenzen und Gräben hinweg stärken – und genau das gelang hier sehr eindrücklich.

Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.

Mehr zum Thema

Schwetzingen Blindenhund in der Kirche

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Kindertheater „Unter Drachen“ am Jungen Nationaltheater Mannheim vermittelt das Thema Tod

Veröffentlicht
Mehr erfahren

UN-Bericht Alle 4,4 Sekunden stirbt ein junger Mensch unter 24 Jahren

Veröffentlicht
Mehr erfahren