Im Interview - Heike Hoffmann überrascht mit einem mutigen Projekt / Vor allem die Beethoven-Konzerte sollen nun doch stattfinden „Kleine“ Festspiele im Oktober

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Jürgen Gruler
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Erinnerungen an bessere Tage: Vergangenes Jahr um diese Zeit wurden die Festspiele feierlich eröffnet – derzeit ist nicht mal der Schlossgarten geöffnet. © www.elmar-witt.de, dpa

Heike Hoffmann (kleines Bild) wartete lange – erst als klar war, dass Veranstaltungen dieser Größe verboten werden, der Schlossgarten geschlossen werden muss und eine Kontaktsperre wegen Corona nicht mehr zu vermeiden ist, sagte die Künstlerische Leiterin die Schwetzinger SWR Festspiele ab, die eigentlich jetzt am Freitag, 1. Mai, mit der Premiere des Beethoven-Musiktheater-Projekts „Force & Freedom“ hätten beginnen sollen.

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Die Tage danach waren mit Zimmerstornierungen, Ticketrückgaben und Vertragsauflösungen mit den Künstlern gefüllt und mit der Frage, was auf ein anderes Jahr geschoben werden könnte – oder auf den Herbst 2020. Ja, Sie lesen richtig, denn Heike Hoffmann will mit ihrem Festspielteam diesen Herbst ein abgespecktes Festspielprogramm auf die Bühne bringen. Das bestätigte sie am Dienstag auf Anfrage unserer Zeitung in einem exklusiven Interview.

Wie kam es zur Idee, im Herbst die Festspiele auflodern zu lassen?

Heike Hoffmann: Nun, nachdem wir zur Absage der Festspiele für den Mai gezwungen waren und schnell klar wurde, welch gravierende Auswirkungen die Pandemie nicht nur für die beteiligten Künstler, das Publikum, sondern für unser kulturelles Leben, ja unser ganzes soziales Miteinander insgesamt zeigen würde, stand natürlich die Frage: Was kann man machen? Gar nichts zu tun, ist ja selten eine gute Option.

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Zuallererst haben wir gemeinsam mit dem Freundeskreis der Schwetzinger Festspiele eine Spendenaktion zugunsten der freiberuflichen Künstler, die ja von den flächendeckenden Absagen wirklich existenziell betroffen sind, initiiert. Bis heute sind fast 25 000 Euro zusammengekommen, die wir nun als Ausfallhonorare an diese Gruppe unserer Künstler auszahlen können.

Und im Radio gibt’s auch einen gewissen Ersatz . . .

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Hoffmann: SWR 2 wird – und das finde ich wirklich großartig – auf das Fehlen aktueller Mitschnitte und Übertragungen aus Schwetzingen mit einer umfangreichen Retrospektive von musikalischen Höhepunkten aus der 60-jährigen Festspielgeschichte reagieren. Der Schwetzinger Mai findet also in diesem Jahr vor allem im Radio statt. Die Mitarbeiter unseres kleinen Festspielteams haben sich darüber hinaus vorgenommen, zur Festspielzeit auch auf unserer Homepage und auf unserem Facebook-Kanal virtuelle Festspiele zu veranstalten. Viele Künstler haben schon zugesagt, dabei mitzumachen. Ich bin gespannt, was da zustande kommt und empfehle, regelmäßig die Seiten zu besuchen.

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Ja, und die nächste Idee war: Warum wollen wir nicht später im Jahr die Festspiele – wenigstens teilweise – nachholen? Gibt es freie Termine in den Räumlichkeiten des Schwetzinger Schlosses und wenn ja, passen diese zu den terminlichen Möglichkeiten unserer Künstler? Dieses Zeitfenster hat sich dann glücklicherweise in der zweiten Oktoberhälfte gefunden.

Was erwartet die Klassik-Musikfreunde?

Hoffmann: Wir werden in der Zeit vom 19. bis 29. Oktober ein hochkarätiges Programm von Konzerten im Rokokotheater und im Mozartsaal anbieten können. Einige unserer Künstler haben dafür andere Engagements verschoben, Probenzeiten und Reiseplanungen wurden umorganisiert. Auch dank der Hilfe von Intendantenkollegen und des Engagements von Agenturen ist es gelungen, etliche der ursprünglich für Mai geplanten Konzerte – vornehmlich aus dem Beethoven-Zyklus – zu retten. Dass dies so möglich sein würde, habe ich anfangs selbst nicht zu hoffen gewagt. Geplant ist, das vollständige Programm am 8. Juni zu veröffentlichen.

Wer gibt Ihnen den Glauben daran, dass die Veranstaltungen dann im Oktober auch tatsächlich stattfinden können?

Hoffmann: Hoffnung und Optimismus! Wir erleben ja nun glücklicherweise seit einigen Tagen schon erste Lockerungen der Einschränkungen und können wohl davon ausgehen, dass wir bis Oktober um einiges weiter sind auf dem Weg zur Normalität. Wir planen ja keine Massenveranstaltungen und unsere Gesellschaft braucht Kultur und Bildung derzeit mehr denn je, und vielleicht mehr als offene Möbelhäuser.

Gibt’s auch szenische Auftritte?

Hoffmann: Nein, leider nicht. Dafür steht einfach nicht genug Zeit für die Vorbereitung vor Ort zur Verfügung. Aber ich kann verraten, dass es gelungen ist, die Eröffnungsproduktion „Force & Freedom“ mit „Nico and the Navigators“ – die Schwetzinger Zeitung hatte ja schon von der Probenarbeit berichtet – ins kommende Jahr zu schieben. Die Oper „L’Isola d’Alcina“ von Giuseppe Gazzaniga, eine Ausgrabung aus der Schwetzinger Operngeschichte, werden wir voraussichtlich 2022 realisieren, sodass die bereits geleistete Probenarbeit nicht umsonst war.

Ab wann und wo gibt es Tickets für die Veranstaltungen?

Hoffmann: Derzeit planen wir den Start des Vorverkaufs für den 3. August. Denjenigen, die bereits für den Mai Tickets erworben hatten, räumen wir ab 13. Juli ein Vorkaufsrecht ein. Wir werden diese Besucher – soweit uns die Adressen bekannt sind – dazu persönlich kontaktieren. Das ist uns wichtig, immerhin waren bereits mehr als 11 000 Tickets verkauft, die inzwischen zurückerstattet wurden.

Auf was freuen Sie sich am meisten?

Hoffmann: Am meisten freue ich mich darauf, wieder unter Menschen zu sein. Mein Team nicht nur in der Videokonferenz zu treffen, mit Künstlern zusammenzusitzen und Ideen zu entwickeln. Die Spannung und Atmosphäre eines gefüllten Konzertsaales endlich wieder zu erleben. Schwetzingen im Oktober wird sicher ganz anders sein als im Mai, aber in diesen für uns alle so verstörenden Zeiten auch etwas ganz Besonderes.

Chefredaktion Jürgen Gruler ist Chefredakteur der Schwetzinger Zeitung.