AdUnit Billboard
Abschiedsbrief - Kurt Glöckler, der die jüdische Historie erforscht, schreibt zur Rückgabe der Torarolle

Kurt Glöckler schreibt zur Rückgabe der Schwetzinger Torarolle

Lesedauer: 

Schwetzingen. Am Tag nach der Einkehr der „Schwetzinger Torarolle“ in ihre neue Heimat in der Synagoge in Heidelberg jähren sich zum 83. Mal die Stunden der größten Verletzung jüdischer Frömmigkeit in Schwetzingen. Nazis stürmten das Zimmer in der Wohnung der Familie Mathilde Springer in der Heidelberger Straße 12, in dem sich die wenigen noch in Schwetzingen zurückgebliebenen Gemeindeglieder zum Gottesdienst versammelt hatten. Am Donnerstagmorgen des 10. November 1938 schleppten sie die Einrichtung und die Schriftrolle, die die fünf Bücher Mose enthielt, auf die Straße und zündeten alles an.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Jedoch sollte dieses im Gottesdienst und im Leben der Schwetzinger Juden wertvollste, ja heilige Buch nicht vollständig im Feuer aufgehen. Ein bescheidenes Fragment blieb in der Asche übrig, ohne Mantel und Schmuck, die aus ungegerbtem Leder bestehenden und zusammengenähten Blätter wurden durch die Hitze zusammengebacken. Wer auch immer diesen Überrest einer ursprünglich über sieben Meter langen und 60 Zentimeter hohen Schriftrolle an sich nahm, kann man nur vermuten. Jedenfalls taucht er im Sammlungsbestand historischer Stücke im Rathaus auf, in dem sich auch beschlagnahmte, also geraubte hebräische Schriften und Dokumente befanden. Das Licht der Öffentlichkeit erblickte das Fragment in den Städtischen Sammlungen im Karl-Wörn-Haus, als dort auch eine Abteilung zur jüdischen Geschichte eingerichtet wurde.

Intensiver mit der „Schwetzinger Schriftrolle“ beschäftigte sich eine Arbeitsgruppe der Evangelischen Jugend unter Leitung von Gemeindediakon Reinhold Weber. Eine erste Phase führte die Teilnehmenden auf den Jüdischen Friedhof, zu den Wohnplätzen mit den Geschichten ihrer jüdischen Bewohner und zum Karl-Wörn-Haus. Dort zeigte ihnen die damalige Leiterin Susanne Bährle das Fragment der Thorarolle. Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass noch Brandspuren zu sehen waren und vom kunstvoll geschriebenen hebräischen Text einige Zeilen lesbar waren.

Es handelte sich um das 27. Kapitel aus dem 1. Buch Mose, wo in den Versen 8-25 die Geschichte von Jakob und Esau, hier von der Erschleichung des Erstgeburtssegens durch Jakob, erzählt wird. Der Rabbiner Jona Pawelczyk-Kissin bestätigte dass die Gemeinde noch am Shabbat zuvor, also am 5. November den zugedachten Abschnitt vorgetragen bekam.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Nun gilt es, in Schwetzingen Abschied zu nehmen von diesem Zeichen des Glaubens einer intakten jüdischen Gemeinde, die es nicht mehr gibt, von einem Hinweis auf die Zerstörung und Auslöschung und von einer dauernd sichtbaren Mahnung. Mit der Übergabe an die Jüdische Kultusgemeinde in Heidelberg ist die „Schwetzinger Schriftrolle“ nun eingekehrt in eine lebendige jüdische Glaubens- und Lebensgemeinschaft. Begleiten soll sie ein „Abschiedsbrief“ aus der Gruppe von Jugendlichen, die sich vor 15 Jahren mit ihr beschäftigte: „. . . Shabbat für Shabbat hat sie Hinweise gegeben für ein Leben im Glauben nach den Weisungen Gottes – bis zu jener Brandnacht, in der feindliche Hände nach ihr griffen. Das wird in Schwetzingen nicht vergessen sein. Daran erinnert unser Gedenkstein in der Zeyherstraße . . . Ihr sollt erfasst werden vom Jubel über das Geschenk der Tora. Mazel tov – alles Gute!“ So endet Glöcklers Brief.

Mehr zum Thema

Jüdische Kultusgemeinde

Stadt Schwetzingen gibt Reste der Torarolle zurück

Veröffentlicht
Von
Jürgen Gruler
Mehr erfahren
Gedenken

Synagogenräume in Schwetzingen

Veröffentlicht
Von
zg
Mehr erfahren
Gedenken

Novemberpogrom in Schwetzingen

Veröffentlicht
Von
zg
Mehr erfahren
AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1