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70 Jahre Schwetzinger SWR Festspiele

Leiterin Heike Hoffmann über die besondere Atmosphäre der Schwetzinger Festspiele

Hoffmann spricht über Opern, Konzerte und Weltstars, die in Schwetzingen zu Gast sind.

Von 
Jürgen Gruler
Lesedauer: 
Gartenmusik heißt es wieder am Sonntag, 15. Mai, wenn an verschiedenen Standorten im Park musiziert wird. Die Teilnahme ist übrigens kostenlos. © SWR/ElmarWitt

Die Schwetzinger SWR Festspiele werden dieses Jahr 70 Jahre alt. Mit der Uraufführung von Johannes Kalitzkes neuer Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ geht’s am Freitag in die Vollen. Bis zum 28. Mai sind unter dem Motto „Arkadien“ 47 hochkarätige Veranstaltungen aus den Sparten Oper und Konzert mit zahlreichen international renommierten Künstlern zu erleben. Residenzkünstler sind die Geigerin Isabelle Faust und der Pianist Alexander Melnikov. Wir haben im Vorfeld mit der Künstlerischen Leiterin Heike Hoffmann (kleines Bild) gesprochen.

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© SWR/Elmar Witt

Die Festspiele werden so alt wie Baden-Württemberg. Und sie wurden damals ja bewusst im badischen Landesteil installiert. Welche Bedeutung hat das heute noch?

Heike Hoffmann: Damals hat man der Kultur seitens der Politik offenbar eine integrierende und versöhnende Kraft zugetraut. Seit der Festspielgründung vor 70 Jahren hat sich die Welt natürlich weitergedreht und heute zeichnet sich die Rhein-Neckar-Region durch eine große Dichte hochkarätiger kultureller Veranstaltungen aus. Dennoch finde ich es wichtig, an die – letztlich politisch begründeten – Anfänge zu erinnern und besonders an die herausragende Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der ja bis heute Hauptgesellschafter der Schwetzinger Festspiele ist und die Konzerte in alle Welt überträgt. Wir haben uns zum Jubiläum etwas dazu einfallen lassen – einen Audio-Parcours im Schlossgarten. An acht Stationen im Broderie-Parterre kann man die Festspielgeschichte – thematisch geordnet – hörend nachvollziehen. Und wer das lustwandelnd im Garten oder in Ruhe zu Hause nachhören will, lädt sich die Beiträge einfach per QR-Code aufs Smartphone.

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Was bedeutet es für Sie und Ihr Team, endlich wieder richtige Festspiele zur Spargelzeit im blühenden Schlossgarten zu veranstalten?

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Hoffmann: Obwohl wir ja zweimal im Oktober eine verkürzte zweiwöchige Festspielausgabe mit Konzerten gemacht haben, die auch vom Publikum trotz der schwierigen Bedingungen sehr gut angenommen wurde, freuen wir uns natürlich ungemein, dass wir nun endlich wieder zur angestammten Zeit im Frühjahr in Schwetzingen sein und auch ein opulentes Programm mit szenischen und konzertanten Produktionen anbieten können. Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn auch das Programm zum 70-jährigen Festspieljubiläum – von langer Hand vorbereitet – der Pandemie zum Opfer gefallen wäre. Für einige im Team sind das nun die ersten „richtigen“ Festspiele und entsprechend groß ist die Vorfreude, aber auch die Spannung. Und natürlich ist es schön, sich endlich wieder persönlich zu begegnen, alle haben wohl die Videokonferenzen gründlich satt. Auch die Künstlerinnen und Künstler freuen sich riesig – endlich wieder Schwetzingen mit Spargel und Fliederduft!

Diesmal sind je gleich drei szenische Aufführungen im Programm. Welche empfehlen Sie ganz besonders?

Hoffmann: Als Festspielleiterin kann ich da nur antworten: alle drei natürlich! Die Uraufführung einer neuen Oper wird natürlich immer mit besonderer Spannung erwartet, in der Premiere kulminiert ein jahrelanger Prozess der Entwicklung und Vorbereitung: Endlich kommen alle Elemente – Musik, Darsteller, Bühne, Inszenierung – zusammen. Und nach den Proben der letzten Wochen, immer mit der Sorge „hoffentlich steckt sich nicht auf den letzten Metern noch jemand an!“, kann ich sagen, dass das eine ganz besondere, sehr eigenwillige Arbeit ist und die Übertragung des komplexen Romans von Per Olov Enquist mir sehr gelungen scheint. Die Premiere der komischen Oper „L’Isola d’Alcina“ von Giuseppe Gazzaniga ist ja im Grunde auch so etwas wie eine Uraufführung. Das Werk wurde 1773 in Schwetzingen gegeben und ist wie so vieles in Vergessenheit geraten. Wir haben dieses fulminante Stück, das den bekannten Mythos von der Zauberin Alcina gründlich auf die Schippe nimmt, mithilfe des Forschungszentrum Hof/Musik/Stadt ausgegraben und kooperieren bei der Produktion mit dem Ensemble „L’Arte del Mondo“ und dem Oldenburgischen Staatstheater, das sich schon länger für dieses Werk interessiert hatte. Auch hier wird seit einigen Wochen geprobt, leider mit einigen Coronabedingten Ausfällen im Sängercast. Das ist schon eine extreme Herausforderung für das Regieteam und wir werden wohl bis zur letzten Minute zittern. Und schließlich „Force & Freedom“, von „Nico and the Navigators“ und dem Kuss-Quartett als Auftragswerk der Schwetzinger Festspiele ursprünglich zum Beethoven-Jubiläum entwickelt und zweimal pandemiebedingt verschoben. Ich habe am 14. April die Uraufführung in Berlin besucht und kann sagen, dass sich diese faszinierende Arbeit nochmals weiterentwickelt hat und in bestürzender Weise auch als eine künstlerische Reaktion auf die Pandemieerfahrung zu verstehen ist. Also, lange Rede kurzer Sinn: Alle drei Produktionen lohnen sich unbedingt.

Zurück zur Premiere von „Kapitän Nemos Bibliothek“. Wie wird das Zusammenspiel von Puppen und Menschen auf uns wirken?

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Hoffmann: Ich habe in den letzten Wochen mit zunehmender Begeisterung die Proben besucht und bin fasziniert, welche Wirkung das Zusammenspiel der Puppen mit den Sängerdarstellern hat. Die fast lebensgroßen Puppen, die die beiden Knaben im Kindesalter verkörpern und von jeweils zwei Puppenspielern geführt werden, gewinnen eine absolut menschliche Dimension in der Interaktion mit den Sängern. Dieses Zusammenspiel zwischen Darstellern und Puppen in der sogenannten offenen Spielweise wird ja am Puppentheater Halle gepflegt und deshalb haben wir die Regie auch in die Hände von Christoph Werner, des Intendanten dieser großartigen Einrichtung, gelegt, der mit der Ausstatterin Angela Baumgart, der Puppenbauerin Louise Nowitzky und der Videokünstlerin Conny Klar eine vielschichtige und stimmige Lesart in einem atmosphärisch dichten Raum entwickelt hat. Gesungen und musiziert wird auf allerhöchstem Niveau, der Komponist – selbst am Dirigentenpult – ist sehr glücklich mit den Sängerinnen und Sängern und den Instrumentalsolisten des „Ensemble Modern“. Letzteres ist übrigens erstmals bei einer Schwetzinger Opernproduktion dabei.

Sonst sind ja schon früh viele Konzerte ausverkauft gewesen, da hat sich in der Pandemie doch etwas verändert. Es gibt noch Tickets zu vielen Veranstaltungen. Spüren Sie eine Zurückhaltung oder gibt es gar eine Veränderung hin zu Events im Streaming oder Fernsehen?

Hoffmann: Ja, wie alle Kultureinrichtungen spüren auch wir eine deutliche Zurückhaltung und Verunsicherung des Publikums. Ich glaube, es ist nicht in erster Linie das Ausweichen in den digitalen Raum – das spielt sicher auch eine Rolle – sondern vielmehr die Sorge, sich nun – da fast alle Maßnahmen trotz hoher Inzidenzen ausgelaufen sind – doch noch anzustecken. Daher vielleicht an dieser Stelle der Hinweis, dass zu allen Veranstaltungen in den Innenräumen Maskenpflicht besteht. Wir möchten unserem Publikum einen sicheren Veranstaltungsbesuch ermöglichen und haben uns daher der Regelung der Schlossverwaltung durch ihr Hausrecht angeschlossen. Bei aller Freude, dass es nun endlich weitergeht: Die Schäden, die die Pandemie auch im Kulturbereich hinterlassen hat, sind groß und werden uns vermutlich noch eine Weile beschäftigen.

Arkadien – der Sehnsuchtsort ist ja das Motto der 70. Schwetzinger Festspiele. Wie inszenieren Sie das im Schlossgarten?

Hoffmann: Der Garten selbst ist ja Arkadien, ein Ort, wo Mensch und Natur im harmonischen Einklang sind, und eigentlich eine grandiose Bühne, die wir auch für Veranstaltungen nutzen. Die international renommierte Klangkünstlerin Christina Kubisch hat sich mit der „Türken-Mode“ im 18. Jahrhundert und dem hochaktuellen Thema der kulturellen Aneignung auseinandergesetzt und eine Klanginstallation für den Garten der Moschee entwickelt, die während der gesamten Festspielzeit zu erleben ist und jeweils zur vollen Stunde beginnt. Zu unserer nun schon traditionellen Gartenmusik am Sonntag, 22. Mai, ab 15 Uhr begrüßen wir ein Ensemble von jungen Musikerinnen und Musikern, die an der Hochschule für Musik Saar studieren. Wir beginnen im Seepferdchengarten mit Mozart und enden mit Strawinsky im Obstgarten, wo dann – bei hoffentlich schönem Wetter – eine Kaffeetafel für die Gäste aufgebaut ist. Gern möchte ich noch zum Vortrag des Gartenhistorikers Hans von Trotha am Samstag, 14. Mai, um 16 Uhr im Kammermusiksaal einladen, der unter dem Titel „Paradise lost“ die vielfältigen Bezüge zwischen Gartenkunst und Literatur, Film, Malerei und Musik erläutert. Die genannten Veranstaltungen sind übrigens kostenfrei, nur ein Ticket für den Park wird benötigt.

Sie haben ja wieder eine Reihe von Weltstars nach Schwetzingen eingeladen. Auf wen freuen Sie sich ganz besonders?

Hoffmann: Ich freue mich auf alle eingeladenen Solisten und Ensembles, aber es ist natürlich schön, dass Künstlerinnen und Künstler, die zweifellos das Etikett Weltstar verdienen, immer wieder gern der Einladung nach Schwetzingen folgen. Zwei, die auf allen großen Konzertbühnen zu Hause sind, können wir als Residenzkünstler mit jeweils drei verschiedenen Programmen begrüßen: die Geigerin Isabelle Faust und den Pianisten Alexander Melnikov. Der große Klaus Maria Brandauer war 2017 erstmals hier mit einem umjubelten „Sommernachtstraum“ und sagte mir danach, hier würde er gern mal was zu Mozart machen. Nun endlich hat es geklappt! Musikalisch sekundiert vom bestens bekannten Grau Schumacher Piano Duo liest er aus Briefen von Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart und zeigt den Weg vom Wunderkind zum großen Komponisten. Und dass man hier zu den Matineekonzerten die Crème de la Crème der Streichquartette erleben kann, hat sich ja inzwischen herumgesprochen. Oder Julia Lezhneva, die wunderbare Sopranistin, die eigens für unser Konzert vergessene Arien aus dem Repertoire der Mannheimer Schule einstudiert hat. Aber eigentlich ist es unfair, nur einige Namen herauszugreifen, denn wir erwarten ausnahmslos herausragende Interpreten und Interpretinnen.

Welche spannenden musikalischen Grenzgänge gibt es denn 2022?

Hoffmann: Zu den „Grenzgängern“ dieses Festspieljahrgangs gehören der Mandolinenspieler Avi Avital (Israel) und der Cellist Giovanni Sollima (Italien), das Ensemble Constantinople mit dem Koraspieler Ablaye Cissoko (Senegal), der Schlagzeuger Sonny Troupé (Gouadeloupe) mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras und den Jazzmusikern Raphael Imbert Pierre-Francois Blachard (alle Frankreich), La Fonte Musica (Italien) mit der Tänzerin Nuria Sala Grau (Spanien), das Ensemble „A nocte temporis“ schließlich spielt irische Folk- und Kunstmusik. Wer will, kann in vier Festspielwochen viele faszinierende musikalische Kulturen kennenlernen.

Infos und Gewinnspiel: Tickets gibt’s im Kundenforum unserer Zeitung am Schlossplatz (Mo-Fr von 8-12 und 13-17 Uhr). Wir verlosen exklusiv 3 x 2 Karten für die Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ am Montag, 2. Mai, um 19 Uhr im Rokokotheater. Füllen Sie zur Teilnahme das Formular auf unserer Webseite mit dem Stichwort Festspiele aus. Einsendeschluss ist Freitag, 29. April, 12 Uhr.

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Chefredaktion Jürgen Gruler ist Chefredakteur der Schwetzinger Zeitung.

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