Kleine Planken - Mahnwache für die Ermordeten von Hanau / Totenglocken läuten / Egzon Fejzaj liest Namen der Opfer vor / Demokratischer Schulterschluss „Liebe für alle – Hass für keinen“

Von 
Volker Widdrat
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Gemeinsam gegenhalten: In Schwetzingen kommen um die 250 Menschen zusammen, um den Opfern von Hanau zu gedenken und ein Zeichen gegen rechts zu setzen. © Lenhardt

Der Kreisverband der Linken Rhein-Hardt, die SPD-Ortsvereine Schwetzingen, Ketsch und Brühl, die Jungsozialisten (Jusos) Rhein-Neckar, die Grünen, die FDP Ketsch und die „Omas gegen rechts“ hatten zu der Solidaritätsveranstaltung gegen rechten Terror aufgerufen. Zu einer Mahnwache für die Opfer von Hanau fanden sich am Sonntagabend etwa 250 Menschen auf die Kleinen Planken ein.

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Pfarrer Steffen Groß läutete die Totenglocke der evangelischen Stadtkirche, bevor der Vorsitzende der Juso-Arbeitsgemeinschaft, Egzon Fejzaj, die Teilnehmer der Kundgebung, unter ihnen der SPD-Landtagsabgeordnete Daniel Born und zahlreiche Gemeinderäte der umliegenden Orte, begrüßte und die Namen der Ermordeten von Hanau verlas.

Die brutale terroristische Gewalttat mache sie unendlich traurig, sagte Neza Yildirim vom SPD-Ortsverein Schwetzingen: „Nichts kann uns den Schmerz nehmen. Nazis sind nicht mehr nur ein ostdeutsches Problem. Wir müssen alle konsequent gegen rechts vorgehen.“ Der Rhein-Neckar-Kreis sei geprägt von einer bunten Vielfalt. Die Zivilgesellschaft sei aufgefordert, sich gegen rechte Gewalt zu positionieren. „Wir stehen zusammen“, rief Yildirim und zum ersten Mal brandete Applaus auf. „Lassen wir uns nicht einschüchtern, stehen wir einig gegen Rassismus und Gewalt“, zitierte sie das Bibelwort „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“.

Baumann: Ihr seid nicht allein

Hanna Matuschek von der Linken Rhein-Hardt erzählte, wie sie von der unfassbaren Gewalttat erfahren habe. In den sozialen Netzwerken hätten viele Menschen ihre Angst bekundet, dass unter den Opfern ihre Kinder oder Freunde sein könnten. Matuschek las aus einem Tweet vor, in dem eine Frau ihrem jüngeren Bruder rät, nicht mehr in die Moschee und in eine Shisha-Bar zu gehen. Viel zu lange werde in Deutschland ein Diskurs über und nicht mit Menschen geführt, knöpfte sich die Linken-Politikerin das rechtsextreme Vokabular der AfD vor: „Rassismus und Hass münden in Gewalt.“ Dadurch seien die Menschen in Hanau ermordet worden.

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Der Bevollmächtigte des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Dr. Andre Baumann, zeigte sich erschüttert und wütend. Bei der schrecklichen Tat des Rechtsterroristen seien geliebte Menschen ihren Familien entrissen worden. „Wir müssen das Geschwür des Rechtsextremismus bekämpfen, dazu sind wir alle aufgerufen. Böse Worte bereiten böse Taten vor“, rief Baumann. Den Mitbürgern mit Migrationshintergrund versicherte er: „Ihr seid nicht allein, ihr gehört zu Deutschland.“ Eine weitere Verharmlosung des Rechtsterrorismus sei nicht mehr hinzunehmen: „Wir sind mehr, wir sind das Volk.“

Rassistisches Gedankengut müsse endlich geächtet werden, forderte Tanja Hilton von den „Omas gegen Rechts“. Viele Menschen hätten in Deutschland Angst um ihr Leben, wollten das Land verlassen, in dem sie groß geworden sind. „Die geistigen Brandstifter töten, man muss sie ausgrenzen.“

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Der Ketscher FDP-Gemeinderat Chris Brocke meinte, der Angriff habe nicht nur den Toten gegolten, „sondern unserer Gesellschaft“. Die Freiheit des Einzelnen müsse mit der Sicherheit aller kombiniert werden: „Wir dürfen nicht resignieren, sondern müssen uns solidarisieren.“ Die Gesetze seien gegen alle Extremisten anzuwenden, appellierte Brocke an die Teilnehmer der Mahnwache, „gegenseitig auf uns zu achten und uns von Respekt leiten zu lassen“.

AfD lieferte ideologische Munition

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Für Florian Reck von der Linksjugend Rhein-Neckar reicht es nicht, Betroffenheit zu zeigen. Die AfD sei eine Partei in „faschistoider Tradition“ und Mithelferin dieser grausamen Morde gewesen. Die rechtsextreme Partei teste bewusst immer wieder Grenzüberschreitungen aus, für Demokraten verbiete sich jegliche Zusammenarbeit. „Wir wissen, woher der Hass kommt: Die AfD hat die ideologische Munition für diese mörderische Tat geliefert“, klagte Reck an. „Wenn ich euch ansehe, sehe ich viele anständige Menschen, die nicht bereit sind, zu resignieren“, rief er der Versammlung zu: „Steht für eine demokratische Gesellschaft ein!“

Der Ketscher SPD-Gemeinderat Moses Ruppert richtete die solidarischen Grüße der CDU aus. Er erzählte von einer Frau, die vor der Shisha-Bar in Hanau auf niederträchtigste Weise erschossen worden war. Ein Sohn habe dadurch seine Mutter verloren: „Das macht mich unglaublich traurig.“ Er sprach allen Angehörigen sein aufrichtiges Mitgefühl aus und machte zugleich Hoffnung: „Wir alle können unsere Mitmenschen direkt beeinflussen, indem wir ihnen mit Liebe und Respekt begegnen und ihnen mit Empathie gegenübertreten. Liebe übertrifft alles“, sagte Ruppert.

„Liebe für alle – Hass für keinen“ stand auf dem Transparent, das die Vertreter der Ahmadiyya Muslim Gemeinde vor dem Lutherhaus hochhielten. Auf ihren T-Shirts stand zu lesen: „Wir sind alle Deutschland“. Das Schlusswort der Mahnwache war Egzon Fejzaj vorbehalten. Das 20-jährige Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Migration und Vielfalt Rhein-Neckar möchte keine Angst hier haben, wenn er mit seinen Freunden in einer Shisha-Bar abhängt: „Wir alle werden hier gebraucht.“

Freie Autorenschaft Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter.