Mozartfest - Wie das Vogler-Quartett mit Nikolaus Friedrich zusammen eine Uraufführung mit Werken eines klassischen Meisters verzahnt Macks neue Komposition bejubelt

Von 
Markus Mertens
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Das Vogler-Quartett ist beim Konzert im Jagdsaal bestens aufgelegt. Der Künstlerische Leiter der Mozartgesellschaft, Nikolaus Friedrich (r.), ist als Solist dabei. © Mertens

Vielleicht war es genau diese Matinee, die das Mozartfest noch brauchte, um von einem Jahrgang zuverlässiger Qualität zum Ereignis zu werden. Denn auch, wenn es vermeintlich nur eineinhalb Stunden sind, die im Jagdsaal des Schwetzinger Schlosses das ganz große Rad drehen sollen: Sie kommen mit Macht und Emphase daher.

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Der Grund dafür sitzt auf dem Podium und gibt den ausverkauften Reihen an einem sonnigen Sonntagvormittag allen Anlass zu wonnevollem Jubel. Denn wenn das Vogler-Quartett seine Hand an Mozart legt, ist das Ergebnis keine ehrfürchtige Dienerschaft: Hier wird gestaltet. Mozarts Streichquartett Nr. 11 in Es-Dur wird so bereits zum Auftakt ein Ausrufezeichen kammermusikalischer Hochkultur.

Namensgeber Tim Vogler führt sein Regiment an der Geige zwar straff, aber niemals verkrampft. Sein Spiel ist eines von Pointe und Entschlossenheit, das sich ganz selbstverständlich auf seine Mitspieler überträgt. Wegweisend das subtile Vibrato, mit dem Bratschist Stefan Fehlandt im Andante aufhorchen lässt, endlos schön die spielwitzigen Koloraturen, die Stephan Forck dem Klang am Cello eingraviert.

Beifall, Begeisterung, schließlich: Bangen. Denn hier kommt der Künstlerische Leiter Nikolaus Friedrich und mit ihm das waghalsige Experiment, eine gewaltige Uraufführung mit Werken des klassischen Meisters zu verzahnen.

Wild und polyphon

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Doch der Plan geht nicht nur auf: Er wird mit Bravour zelebriert. Zum einen, weil sich der zeitgenössische, in Speyer geborene Komponist Dieter Mack mit der Auftragskomposition „Suara-Suara“ („Stimme“) mit der Bassettklarinette ein historisches Instrument zum Protagonisten erwählt hat. Zum anderen, weil man sein Werk nicht als expressive Revolution beschreiben darf und sollte. Gewiss: In den 18 Minuten und 34 Sekunden dieses Stückes mischen sich wilde Tonstürme mit einer polyphonen Rhythmik, die selbst den erfahrenen Klarinettensolisten Friedrich an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit bringen. Und doch: Ein Umsturz ist das nicht.

Immer wieder gesellen sich historische Anspielungen in die Partitur, kühlen indonesische Meditationen die hitzige Raserei merklich herunter und sorgen so für Momente des Durchatmens, auch für das Ensemble. Macks Werk ist somit tatsächlich weit mehr als ein artistisches Experiment, wie es die musikalische Moderne sonst zeitgenössisch so gerne vorführt, nein, hier wird über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten einer Stimme sinniert, die sich während des Stücks durchaus auch lautlich bemerkbar macht.

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Wie stilvoll klassische Zupfarbeit und das dumpfe Klarinettenfiepen eines schier endlos gehaltenen Tons harmonisiert werden, muss einem so erst einmal gelingen – kompositorisch, aber auch in der konkreten Aufführungssituation. Kein Wunder, dass das Publikum, das von routinierten Klassikhörern bis zum musikalischen Nachwuchs reicht, geschlossen zu enthusiastischem Jubel ausholt – und den Schlussakkord doch noch gar nicht gehört hatte.

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Denn selbstverständlich ist es Mozart, der nach dem ersten auch das letzte Wort behalten muss und darf. Das Streichquartett Nr. 18 in A-Dur wird dabei weit mehr als nur ein Schlussakkord. So selbstverständlich das furios aufspielende Ensemble diesem Werk eine kultivierte Vollmundigkeit abfordert, die nie in falsche Schwärmereien verrutscht: Es ist Geist des großen Komponisten, der diese 90 Minuten in ihrer mutigen Setzung unverkennbar prägt.

Nicht nur, weil es Mozart selbst war, der in seiner Zeit anfänglich als Anachronist galt, um langsam eine Handschrift zu entwickeln, mit der er vom Proletariat bis zum Geldadel alle faszinierte, sondern wie er es tat: Furchtlos, überzeugt und zu allem entschlossen. Es scheint, als habe Mozart mit diesen Werten auch diesen Vormittag samt seiner neuen Klanglichkeit aufs Herzlichste in seine Arme geschlossen. Denn wenn es drei Prädikate gibt, mit denen man das Spiel des Vogler-Quartetts samt Nikolaus Friedrich treffend bezeichnen könnte, sind es sie: Furchtlosigkeit, Überzeugung und Brillanz.

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