AdUnit Billboard
Landgericht

Prozess nach Angriff am Bahnhof: „Knast ist die Hölle auf Erden“

Muss der 21-jährige Haupttäter ins Gefängnis oder gibt es gerade noch Bewährung? Das Verfahren gegen Mittäter wurde eingestellt.

Von 
Volker Widdrat
Lesedauer: 
Symbolbild. © dpa

Schwetzingen. Im Prozess gegen zwei junge Männer (21 und 19), die in der Nacht des 19. Juni vergangenen Jahres in der Schwetzinger Bahnhofanlage einen damals 18-Jährigen mit Schlägen und einem Tritt gegen den Kopf schwer verletzt haben (wir berichteten), stellte die Strafkammer des Landgerichts Mannheim am Mittwoch das Verfahren gegen den 19-Jährigen ein. Der Beschuldigte habe bei der körperlichen Auseinandersetzung nur einen Schlag gegen einen weiteren Geschädigten gesetzt. Durch die einmonatige Untersuchungshaft und die bis heute andauernde polizeiliche Meldepflicht habe er bereits „erhebliche Konsequenzen seines Verhaltens erfahren“, führte der Vorsitzende Richter Dr. Joachim Bock in dem Beschluss mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft aus. Eine Entschädigung für die Haftzeit bekomme er aber nicht.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Der 19-Jährige musste am dritten Verhandlungstag in den Zeugenstand. Er machte aber vom Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch, so sein Verteidiger Ekkart Hinney.

Gegen den 21-Jährigen Haupttäter wurde weiterverhandelt. Eine 47-jährige Kriminalkommissarin berichtete von den Vernehmungen der ursprünglich drei Angeklagten, bei deren Familien es Wohnungsdurchsuchungen gegeben hatte. Während der Befragungen sei rausgekommen, dass der 21-Jährige seinem Opfer „wie gegen einen Ball“ an den Kopf getreten habe. In einem Chat habe er geäußert, dass der 18-Jährige „drei stabile Bretter von mir bekommen hat“. Die jungen Männer hatten am Tag nach der Tat sogar ein Video angefertigt, auf dem noch die Blutspuren auf dem Zebrastreifen zur Unterführung zu sehen waren. „Wir machen Schwetzingen unsicher“, hatte einer dazu gegrölt.

Es hätte schlimmer kommen können

Eine Fachärztin der Rechtsmedizin Heidelberg erläuterte die Verletzungen des 18-Jährigen, der bei der Attacke Schürfwunden, Schmerzen an der Halswirbelsäule sowie Einblutungen in die Stirnbeinhöhle davongetragen hatte. Der lineare Bruch über der Augenhöhle könnte sowohl vom Sturz auf den Asphalt als auch vom Fußtritt herrühren. Es habe die Gefahr von Blutungen im Gehirn bestanden, eine akute Lebensgefahr allerdings nicht, so die Rechtsmedizinerin.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Das Gericht, das nun von einer Alleintäterschaft des 21-Jährigen ausgeht, nahm den bereits geschlossenen Vergleich zwischen dem Angeklagten und dem Geschädigten zu Protokoll. Der Mann zahlt seinem Opfer 5000 Euro Schmerzensgeld, ein Teil davon ist bereits überwiesen. Außerdem muss er für sämtliche Schäden sowie die anfallenden Anwaltsgebühren aufkommen.

Oberstaatsanwalt Frank Höhn rückte in seinem Plädoyer vom ursprünglichen Vorwurf des versuchten Totschlags ab. Der Aufhänger des Streits sei eine „verbale Entgleisung“ gegen ein Mädchen gewesen. Die Auseinandersetzung sei in eine „massive Eskalation der Gewalt“ gemündet. Ein Messer, wie vom Angeklagten und seinen Freunden damals gemutmaßt worden war, habe dabei keine Rolle gespielt. Der Geschädigte habe keine andere Wahl gehabt, als sich dem Kampf zu stellen. Es habe keine Notwehrlage vorgelegen, die Aggression sei eindeutig vom Angeklagten ausgegangen. Der alkoholisierte Mann habe mit „äußerst brutalem Vorgehen gegen eine wehrlose Person“ einmal gegen den Kopf zugetreten. Es blieben aber Zweifel, ob die schwere Kopfverletzung davon herrühre – daher forderte der Anklagevertreter eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und sechs Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung.

„Das war haarscharf“, richtete Nebenkläger-Vertreter Thomas Franz mahnende Worte an den Angeklagten. Der 21-Jährige habe Glück gehabt, dass nichts Schlimmeres passiert sei. Er habe seinem Opfer, das ihm in der Verhandlung mit bemerkenswerten Worten die Hand ausgestreckt habe, sehr viel zu verdanken. „Auf Sie kommen viele Kosten zu. Bei einem schlimmeren Ausgang hätten Sie Ihr ganzes Leben lang gezahlt“, meinte der Rechtsanwalt, der sich der Forderung des Staatsanwaltes anschloss.

Verteidiger Dr. Maximilian Seyderhelm ging ebenso von gefährlicher Körperverletzung aus. Sein Mandant habe in jener Nacht „spontan beschlossen, sich auf eine Schlägerei einzulassen“. Bei dem Fußtritt sei kein Tötungsvorsatz zu erkennen und keine konkrete Lebensgefahr zu erwarten gewesen. Das Verhalten des Geschädigten vor Gericht habe seinen Mandanten sehr beeindruckt: „Er zeigt echte Unrechtseinsicht und Reue. Die Untersuchungshaft unter Corona-Bedingungen belastet ihn. Er hat seine Lektion gelernt.“ Man könne von einer positiven Sozialprognose ausgehen. Er beantragte eine zweijährige Bewährungsstrafe und die Aufhebung des Haftbefehls. Die siebenmonatige Untersuchungshaft habe ihn sehr mitgenommen, erklärte der 21-Jährige in seinem Schlusswort: „Knast ist die Hölle auf Erden.“ Er habe aus seinem Fehler gelernt und viele Pläne geschmiedet: „Ich möchte künftig für meine Familie da sein.“

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Mehr zum Thema

Nach Angriff am Bahnhof

Drei Verdächtige wegen versuchten Totschlags in Haft

Veröffentlicht
Von
Michael Ströbel
Mehr erfahren

Freier Autor Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter.

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1