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Im Interview

Schuldnerberater: „Ausmaß der Pandemie noch nicht abschätzbar“

Von 
Volker Widdrat
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Schwetzingen. Bund, Länder und Kommunen in Deutschland haben wegen der Corona-Pandemie Schulden in Milliardenhöhe angehäuft. Viele Menschen sind privat in finanzielle Not geraten. Wie bekommen die Schuldnerberatungsstellen das zu spüren? Darüber haben wir mit Stefan Dugeorge, dem Referatsleiter für Soziale Dienste beim Caritasverband für den Rhein-Neckar-Kreis, gesprochen.

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Stefan Dugeorge. Bild: Caritas © Volker Widdrat

Herr Dugeorge, wie kommen Sie bei der Schuldnerberatung mit Menschen, die in finanzielle Not geraten sind, in Kontakt?

Stefan Dugeorge: Häufig nehmen die Betroffenen erst in akuten wirtschaftlichen Notlagen Kontakt zu unseren Beratungsstellen auf, zum Beispiel wenn der Strom abgestellt, die Wohnung gekündigt oder das Konto gepfändet wurde. Unsere Mitarbeiter erleben die Betroffenen dann oft verzweifelt und mit großen Existenzängsten. Problematisch war, dass häufig dringend benötigte Sozialleistungen viel zu spät bewilligt wurden. In den ersten Monaten der Pandemie kam es zudem zu Irritationen bei den kontoführenden Banken, die nicht darüber informiert waren, dass die Corona-Finanzhilfen nicht gepfändet werden dürfen. Wir haben vermehrt Menschen beraten, die infolge der Corona-Pandemie ihre Selbstständigkeit aufgeben mussten oder ihren Arbeitsplatz verloren haben. Es haben sich außerdem viele EU-Bürger an uns gewandt, die im Hotel- und Gastronomiegewerbe tätig waren und von heute auf morgen ihr Einkommen und manchmal sogar ihre Unterkunft in den Betrieben verloren haben.

Können Sie beziffern, wie viele Privathaushalte im Rhein-Neckar-Kreis derzeit überschuldet sind?

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Dugeorge: Leider liegen uns dazu keine belastbaren Zahlen vor. Über die Schuldnerberatungsstellen unseres Verbands wurden im Jahr 2020 rund 350 überschuldete Menschen, teilweise auch über einen längeren Zeitraum, beraten.

Schulden sind oft ein Tabuthema. Wie kann die Schuldnerberatung konkret helfen?

Dugeorge: Wir informieren in unserer Schuldnerberatung sehr umfassend, das heißt auch zu verbraucher- und sozialrechtlichen Fragen, geben notwendige Hilfestellungen und entwickeln gemeinsam einen Weg aus den Schulden. In vielen Fällen können wir den Betroffenen Ängste nehmen und sie motivieren, sich der eigenen Überschuldung zu stellen. Viele können wir allein durch die Information zum bestehenden gesetzlichen Pfändungsschutz beruhigen. In der ersten Phase bieten wir meist Beratung und Hilfe zur Existenzsicherung an oder bei der Beantragung von Sozialleistungen. Im weiteren Beratungsverlauf überprüfen wir zum Beispiel Gläubigerforderungen, verhandeln mit den Gläubigern, erarbeiten einen Haushaltsplan und entwickeln eine Sanierungsstrategie. Für einen Teil der Schuldner ergreifen wir vorbereitende Maßnahmen zur Eröffnung des Verbraucherinsolvenzverfahrens. Unser Ziel ist es, die Überschuldung zu überwinden und Voraussetzungen für ein Leben ohne Schulden zu schaffen.

Noch ist ein Ende der Pandemie nicht in Sicht. Sind die Folgen in ihrem ganzen Ausmaß überhaupt schon abzuschätzen?

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Dugeorge: Das ganze Ausmaß ist aus unserer Sicht noch nicht abschätzbar, zumal Anfragen zur Schuldnerberatung oftmals erst mit zeitlicher Verzögerung eintreten.

Wie sieht es bei den Erwerbstätigen mit ohnehin schon niedrigeren Einkommen aus?

Dugeorge: Bei Erwerbstätigen im Niedriglohnsektor, die bereits ergänzende bedarfsabhängige Sozialleistungen erhalten, richtet sich die Höhe der staatlichen Leistungen nach dem tatsächlichen Monatsverdienst. Das heißt, die bestehenden Sozialleistungen können aufgestockt und Corona-bedingte Einschnitte entsprechend ausgeglichen werden. Bei Betroffenen im Niedriglohnsektor, die bislang keine Sozialleistungen beziehen und diese aus Unwissenheit, Scham oder Überforderung nicht beantragen, können dagegen Einkommensverluste sehr schnell dazu führen, dass der Lebensunterhalt nicht mehr sichergestellt werden kann. Auch unabhängig von Corona besteht in dieser Zielgruppe oft die Problematik, dass mit dem zur Verfügung stehenden Einkommen die Schulden nicht mehr zurückgezahlt werden können, ohne den Lebensunterhalt zu gefährden.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Arbeit der Schuldnerberatungsstellen?

Dugeorge: Zahl und Umfang unserer Beratung zu sozialrechtlichen Fragen und möglichen Hilfestellungen haben deutlich zugenommen, da ein Großteil der Betroffenen auf Sozialleistungen angewiesen ist und bislang nicht mit dem sozialen Sicherungssystem vertraut ist. Auch sind hier immer wieder Fragen zur Arbeitsplatzsuche Inhalt der Beratungen.

Welche sozialpolitischen Maßnahmen wären notwendig, um Hilfe für die Betroffenen sicherzustellen?

Dugeorge: Für den Bereich der Schuldnerberatung sind unseres Erachtens folgende Maßnahmen notwendig: Einbeziehung der Solo-selbstständigen in die einzelnen Sozialversicherungszweige, Erhöhung des Mindestlohns, Erhöhung der Leistungen des Arbeitslosengelds II oder der Grundsicherung bei Alter und Erwerbsminderung sowie Aufstockung des Kurzarbeitergelds. Dringend erforderlich wäre außerdem die Schaffung von preisgünstigem Wohnraum.

Inwieweit sind Soloselbstständige und Freiberufler von Überschuldung bedroht?

Dugeorge: Im Verlauf der Pandemie sahen sich viele Selbstständige gezwungen, ihre Geschäftstätigkeit zumindest vorläufig einzustellen. Aus unterschiedlichen Gründen konnten die Einnahmeausfälle nicht oder nur zum Teil durch Corona-Finanzhilfen ausgeglichen werden, die in einigen Fällen leider auch verspätet ausgezahlt wurden. Vor dem Hintergrund der laufenden Betriebskosten hatte und hat dies nicht nur die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens, sondern auch den Verlust des Einkommens für den eigenen Lebensunterhalt und des Krankenversicherungsschutzes zur Folge.

Wie stark sind die Anfragen bei den Schuldnerberatungsstellen der beiden Träger in Weinheim, Wiesloch, Schwetzingen, Sinsheim und Eberbach in letzter Zeit gestiegen?

Dugeorge: Seit Beginn dieses Jahres verzeichnen wir aktuell eine Steigerung der Beratungsanfragen von rund 20 Prozent.

Der Kreis hat in einem ersten Schritt befristet bis Ende dieses Jahres zusätzliche Finanzmittel für zwei Personalstellen der Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes und des Caritasverbands zur Verfügung gestellt. Was hat es damit auf sich?

Dugeorge: In der neuen „Konzeption zur Schuldnerberatung im Rhein-Neckar-Kreis“ ist bereits die Öffnung der Schuldnerberatung für alle überschuldeten Privathaushalte ab Januar 2022 vorgesehen. Vor dem Hintergrund des erhöhten Beratungsbedarfs auch angesichts der Auswirkungen der Corona-Pandemie hat sich der Rhein-Neckar-Kreis im Vorgriff dafür entschieden, für das restliche Jahr 2021 die kreisweite Schuldnerberatung von Caritas und Diakonie personell aufzustocken.

Die Aktionswoche Schuldnerberatung hatte das Motto „Der Mensch hinter den Schulden“, was wollten Sie damit ausdrücken?

Dugeorge: Verschuldung und Überschuldung ist häufig weit mehr als nur ein finanzielles Problem, sondern betrifft alle Lebensbereiche und erfordert eine ganzheitliche Beratung. Uns geht es immer um die Menschen hinter den Schulden. Aus diesem Grund verstehen wir unser Beratungsangebot als „Soziale Schuldnerberatung“.

Freier Autor Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter.

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