Aufbruch 2016

Sklaverei im Islam betrachtet

So sieht es der Historiker Reinhard Karst

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zg
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„Sklaverei ist ein System, in dem Menschen als Eigentum anderer betrachtet und insofern als reine Ware behandelt werden,“ erklärte der Historiker Reinhard Karst in seinem Vortrag auf der Mitgliederversammlung der Initiative Aufbruch 2016: Und: „Sie können deshalb wie jede andere Ware gekauft und verkauft werden.“ Dieses System habe es zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben, die einzige Ausnahme sei der moderne Westen seit der Französischen Revolution. Aus naheliegenden Gründen halte er es für wichtig, auch das Verständnis der Sklaverei im Islam zu untersuchen, obwohl dieses Thema in der öffentlichen Diskussion tabu sei.

Ein großes Hindernis für die Ächtung der Sklaverei im Islam – Saudi-Arabien und Jemen hätten sie erst in den 1960er Jahren verboten – sei die Tatsache, dass der göttlich verehrte Religionsstifter Mohammed selbst Sklaven besessen und sich sehr massiv im Sklavenhandel engagiert habe. Der Legende nach habe er bei seinem Tode 86 Sklaven in die Freiheit entlassen, was bedeute, dass die Legende ihm einen großen Reichtum an Sklaven zugeschrieben habe, so erläutert es Karst.

Das Hauptreservoir für Sklaven sei Afrika gewesen, das schon sehr früh in den Handel einbezogen worden sei. Im Jahr 667, also 35 Jahre nach dem Tode Mohammeds, hätten islamische Heere den Tschad-See erreicht. In der Folgezeit seien islamische Staaten vom Atlantischen bis zum Indischen Ozean errichtet worden, die letzten Endes vom Sklavenhandel gelebt hätten. Im Lauf von anderthalb Jahrtausenden seien 17 bis 19 Millionen Afrikaner in islamische Zentren gebracht worden, um dort die üblichen Dienste eines Sklaven zu leisten. Besonders berüchtigt seien Sklavenjagden in Ostafrika gewesen, denen erst die deutsche Kolonialherrschaft ein Ende gesetzt habe, so Karst weiter.

Piraterie im Mittelmeer

Werde schon über diese dunklen Punkte in der Geschichte des Islam wenig gesprochen, so sei völlig unbekannt, dass der islamische Sklavenhandel sich auch jahrhundertelang auf Europa erstreckt habe. Ein Beispiel seien die Barbareskenstaaten – also Marrakesch/Marokko, Algier, Tunis und Tripolis, deren Geschäftsgrundlage die Piraterie im westlichen Mittelmeer gewesen sei. Die erbeuteten Europäer seien zum Teil Unterpfänder für Lösegeldforderungen gewesen, zum größeren Teil aber direkt in die Sklaverei verkauft worden. Zwischen 1580 und 1820 seien schätzungsweise 1,3 Millionen Europäer auf diese Weise versklavt worden.

Wie denkt der Islam heute über die Sklaverei? Laut Historiker Karst habe der türkische Reformer Fethullah Gülen zugestanden, dass Sklaverei ein großes Unrecht sei und einen eklatanten Verstoß gegen die Menschenrechte darstelle: „Damit unterscheidet er sich von vielen Muslimen und besonders von den Islamisten, die Sklaverei für eine selbstverständliche und nicht infrage zu stellende Institution halten. Im kurzlebigen Islamischen Staat in Syrien und im Irak ist denn auch sofort die Sklaverei wieder eingeführt worden“, so Karst in seinem Vortrag.

Jedoch, so sagt Karst über Gülen, sei im Islam die Sklaverei eine menschenfreundliche Einrichtung gewesen. Sie habe vor allem dazu gedient, die versklavten Menschen dem Islam zuzuführen. Allein zum Islam übergetretene Sklaven hätten die Freiheit erlangen können. Das bedeute aber nicht, dass die Konversion die Freiheit garantiert habe: „Selbst bei Gülen muss man leider feststellen, dass von Schuldbewusstsein und Reue in Bezug auf die Sklaverei im Islam keine Rede sein kann“, schloss Karst seinen Vortrag, der danach noch eifrig im Mitgliederkreis diskutiert wurde. zg