Orangerie - Kanarienzucht- und Vogelschutzverein erklärt bei Schau, dass man Wellensittiche auch trainieren kann / Werke von Wolfram Gothe als künstlerischer Kontrast Tannenzweige sind ihre süßen Saftspender

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Markus Mertens
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Emanuele Izzo (v. l.) und Paul Wiesler vom Vogelschutzverein zeigten neugierigen Besuchern in der Orangerie nicht nur diese prächtigen Bourkesittiche. Neben zahlreichen Tieren sind auch Werke von Wolfram Gothe zu sehen. © Mertens

Eines kann man über die Schau am vergangenen Wochenende in der Orangerie des Schwetzinger Schlosses nicht sagen: Dass sie konventionell gewesen wäre. Denn wenn der Kanarienzucht- und Vogelschutzverein bei bestem Herbstwetter zu seiner Ausstellung lockt, meint er damit keineswegs nur den Blick auf Vögel aus aller Herren Länder, sondern auch den mutigen Zugriff künstlerischer Natur.

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Doch von vorn: Der Vogelzüchter und Vereinsvorsitzende Paul Wiesler begrüßte die interessierten Gäste schon am frühen Morgen mit aufmerksamer Freundlichkeit. Denn wenn es um sein Lieblingsthema, die Vogelwelt, geht, ist der Mann aus Oftersheim ganz in seinem Element – und wartete mit so mancher Information auf, die selbst Spezialisten vom Fach kaum bekannt ist. So lernten die Besucher, dass Wellensittiche etwa darauf trainierbar sind, sich den süßlichen Saft der Tannenzweige durch fleißiges Zermahlen zwischen dem Schnabel selbst zu sichern, beschreibt er eine Nahrungsergänzung, die nicht nur bei den herrlich roten Sittichen, sondern auch bei den weniger kräftigen Schimmelvögeln voll zur Geltung kommt. Letztere tragen ihren Namen nicht, weil sie dem Verfall preisgegeben wären, sondern vielmehr, weil sich die Farbe – ganz wie beim Pferde-Schimmel – ins Weißliche ausbleicht: Eine Kür unter den Züchtern, für die nicht zuletzt der vereinseigene Weltmeister Kurt Körner gleich in mehreren Disziplinen bekannt ist.

Draußen überwintern

Weniger bekannt dagegen ist, dass gleich mehrere Vogelrassen durchaus auch im Winter draußen leben können – wenn man sie rechtzeitig darauf konditioniert. „Natürlich kann man die Vögel nicht bei minus zehn Grad einfach nach draußen setzen, aber wer die Tiere im Herbst auf die kühle Jahreszeit vorbereitet, hat da keine Schwierigkeiten“, wie Wiesler im Gespräch betonte. Ein Vogel wie der Mexikanische Karmingimpel etwa, der auch aus seiner ursprünglichen Heimat Frost gewohnt ist, brauche nur einen warmen Schlafplatz und etwas Nahrung, um zurechtzukommen. Womit man gleich noch einem Klischee begegnet, dem der Vorsitzende mit Erfahrung und Information entgegentritt. „Das Gerücht ist weit verbreitet, dass der Vogel dumm ist und nicht weiß, was er tut – das Gegenteil ist richtig. Der Vogel ist ein Gewohnheitstier wie der Mensch. Entscheidend ist, wie man sich mit ihm abgibt.“

Wiesler dementierte nicht, dass Überpopulationen von Vögeln wie dem Grünen Halsbandsittich, die vor Jahren durch unkontrollierte Freilassungen von Menschen in Deutschland heimisch wurden, bisweilen auch zu einer echten Plage werden können – und doch sprechen die Geschichten, die der Kenner seiner Szene zu erzählen hatte, eine durchweg positive Sprache. Die Anekdote einer älteren Frau, die ihre Vögel mit inniger Aufmerksamkeit erzieht und dafür Artigkeit erntet, ist nur eine von zahllosen weiteren, die sich in der Schönheit der jungen Flieger widerspiegelt.

Bunte Eigenarten

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Da sind die Europäischen Grünfinken, die mit ihrem sattgrünen Kragen richtig leuchten, die Zebrafinken, die mit ihrem schwarz-weiß-gestreiften Oberkörper ganz im Kontrast zu den gefärbten Federn stehen und schließlich die prachtvoll bunte australische Gouldamadine, die gerne auch einmal mit grünem Haupt, gelber Brust und blauem Federkleid daherkommt. Dass sie alle ihre Eigenarten haben, steht außer Zweifel – wie weit jedoch die Spannbreite zwischen den ganz ruhigen Bourkesittichen und den wild umherflatternden Kanarienvögeln wirklich reicht, schien vielen kaum bekannt.

Packend, ja, fast unverschämt daher kamen die drastischen Bilder des Rohrhofer Künstlers Wolfram Gothe, die den ornithologischen Reichtum der Schau mit visueller Gnadenlosigkeit kontrastierten. Vom expressiven Klaus Kinski über die Klofrau, die in der finsterbraunen Kabine ihr Dasein fristet, bis hin zur „Herrscherin im Mutantenreich“, die sich allen finsteren Begierden längst geöffnet hat, prangten farbgewaltige Zeichnungen und Malereien an den Wänden, die Schönheit konfrontativ zur Disposition stellend. Doch auch, wenn man bei der Beschreibung solcher Bilder zwischen fleischlicher Lust und moralischem Verfall selten ins Schwärmen gerät: In die Sinne brannten sich diese Erfahrungen ein – ganz ohne Zweifel.

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