Amoklauf in Winnenden: Bedrückte Stimmung an den hiesigen Gymnasien und Realschulen / Schulleiter besprechen Krisenpläne "Was ist, wenn das hier bei uns passiert?"

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Ralph Adameit

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Fassungslos - dieses Wort hört man immer wieder, wenn vom Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden die Rede ist. An Schulen in ganz Deutschland herrscht Fassungslosigkeit, Bestürzung und Trauer über die Tat des 17-jährigen Tim K. Und Nachdenklichkeit. "Was ist, wenn das hier bei uns passiert?", spricht Schulleiterin Renate Mayer den Gedanken aus, der derzeit viele Menschen beschäftigt. Wie an der Carl-Theodor-Schule war der Amoklauf gestern an fast allen weiterführenden Schulen in unserem Verbreitungsgebiet das beherrschende Thema.

Gedenktisch im Eingangsbereich

Rektorin Mayer begann den gestrigen Schultag mit einer Durchsage, in der sie ihrer eigenen Betroffenheit Ausdruck verlieh und die Schüler darauf hinwies, wie wichtig ein gutes Schulklima ist. Den Lehrern empfahl sie, sich Zeit für die Fragen der Jugendlichen zu nehmen. Im Eingangsbereich der Carl-Theodor-Schule steht ein Tisch mit einer Kerze, wo Schüler bei Bedarf ihre Gedanken zu Papier bringen können.

Renate Mayer hat in ihrer Schullaufbahn schon viel erlebt, auch Bombendrohungen in der Hochphase des RAF-Terrors. Einige Trittbrettfahrer seien darunter gewesen, umso furchtbarer sei es, dass so etwas in die Tat umgesetzt werde.

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Das ist das Schlimme an so einer Bluttat: Die Fassungslosigkeit, das Nicht-begreifen-Können, gepaart mit Machtlosigkeit. Wie wohl alle Kollegen kann auch Mayer nicht ausschließen, dass so etwas auch im Berufsschulzentrum möglich ist. Schon alleine auf Grund der Masse an Schülern: "Wir haben hier 1350 Schüler, zusammen mit der Erhart-Schott-Schule sogar über 2000." Vor einiger Zeit sei ein Jugendlicher auffällig geworden. Nach einem Hinweis eines Mitschülers habe eine Überprüfung durch die Polizei stattgefunden, die glücklicherweise eine akute Bedrohung ausschließen konnte. Mayer will den Vorfall nicht dramatisieren - die Erfahrung zeige jedoch, dass man in bestimmten Situationen, etwa bei einem Schulverweis, besonders sensibel reagieren müsse.

"Irgendwie beklemmend"

Dr. Adalbert Nessel, Direktor des Hebel-Gymnasiums, erfuhr am Mittwoch bei einer Direktoren-Konferenz in Philippsburg vom Unglück in Winnenden. "Die Kollegen waren alle geschockt, es herrschte eine seltsame Stimmung", berichtet er. Zum ersten Mal fand ein Amoklauf in einer Schule in Baden-Württemberg statt. Gestern Morgen kamen SMV-Vertreter zu Dr. Nessel und baten ihn, eine Gedenkminute auszurufen - diesem Wunsch kam er gerne nach. Im Unterricht sprachen Lehrer und Schüler über den Amoklauf. "Als ich in die Schule gekommen bin, war das schon ein komisches Gefühl, irgendwie beklemmend", so die Neuntklässlerin Janina Schmelz gegenüber unserer Zeitung.

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In allen Schulen gibt es inzwischen einen so genannten Kriseninterventionsplan (siehe gesonderter Artikel). "Hoffentlich brauchen wir ihn nie", wünscht sich verständlicherweise Dr. Nessel. Wie an den meisten Schulen hat sich der Hebel-Schulleiter noch gestern mit dem Kollegium besprochen, wie sich wer im Ernstfall zu verhalten hat.

Lautsprecherdurchsagen sinnvoll?

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Gerade im Hebel-Gymnasium mit seinen drei Gebäudetrakten (Alt- und Neubau sowie Mensa) könnte es im Ernstfall (und bei einer Warnung) auf Sekunden ankommen. Dr. Nessel will sich in den nächsten Tagen Gedanken drüber machen, ob es sinnvoll ist, für den Fall eines Amoklaufs vorab einen Code zu vereinbaren. "Frau Koma kommt" (Koma heißt rückwärts Amok) habe der Direktor der Albertville-Realschule in Winnenden über die Lautsprecheranlage durchgegeben, berichtete eine Schülerin dem ZDF. "Angenommen, der Täter ist in der Mensa - dann ist es eventuell sinnvoller, in den anderen Gebäudeteilen eine klare Warnung und Anweisung über Lautsprecher rauszugeben", so Dr. Nessel.

Die Möglichkeit, gezielt in einzelnen Klassenräumen eine Lautsprecherdurchsage zu machen, gibt es allerdings nicht an allen Schulen. An der Brühler Marion-Dönhoff-Realschule hat man daher für den Fall der Fälle ein spezielles Läuten vereinbart, das nur die Lehrkräfte kennen. "Wir wollen schließlich keine Panik verbreiten", sagt Rektor Bernhard Gantner. Gestern fand dort eine Schulversammlung mit einer 15-minütigen Gedenkfeier statt. Gantner erklärte den Schülern, dass von ihnen erwartet werde, gerade jetzt die Gemeinschaft zu pflegen und "nicht mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, der angeblich irgendwie gefährlich sein könnte", so Gantner. Sein Hockenheimer Kollege Jürgen Wolf berichtete von einer gedrückten Stimmung an der Theodor-Heuss-Realschule: "Wir machen uns alle Sorgen, dass so etwas überhaupt möglich ist." Keine Schule weltweit sei vor so einer Tat gefeit.

Am Hockenheimer Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium spricht Schulleiter Joachim Kriebel von "tiefer Trauer" und der Frage nach dem "Warum?". Die Handlungsabläufe im Fall einer Amoklage am Gauß habe man in der Gesamtlehrerkonferenz und in Zusammenarbeit mit der Hockenheimer Polizei besprochen. Zum Thema Warnung hat er eine klare Meinung. "Wir würden Klartext reden", so Kriebel. Laut Experten könne ein Amokläufer ohnehin entsprechende Lautsprecherdurchsagen nicht einordnen.

Heute Gedenkstunde am Gauß

Am Gauß-Gymnasium findet - genau wie in Eppelheim - heute für alle Schüler eine von der Fachschaft Religion organisierte Gedenkstunde statt. Kinder und Jugendliche aller Klassenstufen sollten gemeinsam innehalten, wünscht sich Kriebel, der sich - wie wohl viele Schüler, Eltern und Lehrer - die Frage stellt: "Ist so etwas auch hier möglich?" Eine Antwort hierauf kann keiner geben.

Verhalten bei einem Amoklauf

Keiner weiß, was in den Köpfen solcher Täter vor sich geht - und keiner weiß, wie er selbst bei einem Amoklauf reagiert. Auch der Heidelberger Polizeisprecher Harald Kurzer kann nur vage Tipps geben. "Schüler und Lehrer sollten sich einschließen, sich von Türen und Fenstern fernhalten und die Handys ausschalten." Auf keinen Fall solle man - wie etwa bei einem Feueralarm - versuchen, nach draußen zu gelangen. Zu groß sei die Gefahr, dem Täter über den Weg zu laufen. Sich verbarrikadieren und abwarten heißt im Ernstfall die Devise. Binnen kürzester Zeit seien bei einem Amoklauf polizeiliche Einsatzkräfte vor Ort.

Was bleibt, ist der Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen. "Der junge Mann muss in einer schlimmen Notsituation gewesen sein", glaubt die Schwetzinger Schulleiterin Renate Mayer. Es bleibe die Hoffnung, dass ein "wertschätzender Umgang" zwischen Lehrern und Schülern und zwischen den Jugendlichen untereinander hilft, dass es niemals zu einer solchen Tat kommt. "Die Schulen müssen dafür aber auch mehr Zeit für die Prävention bekommen", sagt sie nachdenklich.