Talk im Hirsch - Satire-Autorin, Linguistin, Krebsforscherin und Kuratorin berichten aus ihren Fachgebieten / Hass im Netz, Ernährungstipps und konservierte Leichen Wie Sie 100 Jahre alt werden können

Von 
Sabine Zeuner
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„Frauen, die forschen“ mit Moderator Rolf Kienle (Mitte): Satire-Autorin Franziska Polanski (von links), Linguistin Dr. Eva Gredel, Krebsforscherin Professor Ingrid Herr und Dr. Angelina Whalley vom Institut für Plastination. © Zeuner

„Sprechen wir über Ernährung, Sprache, Körper und Hunde“, Moderator Rolf Kienle bringt gleich zu Beginn die Inhalte des aktuellen Talk im Hirsch, der „guten Stube“ Schwetzingens, auf den Punkt. Zum lockeren Dialog hat sich Kienle vier Frauen eingeladen, die trotz der unterschiedlichen Forschungswelten, in denen sie sich bewegen, eines eint: In irgendeiner Weise sind sie dem facettenreichen Leben auf der Spur.

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Wie, das erklären die Krebsforscherin Professor Ingrid Herr, Dr. Angelina Whalley vom Institut für Plastination, die Linguistin Dr. Eva Gredel und die Satire-Autorin Dr. Franziska Polanski, im sehr gut besuchten Palais Hirsch auf die gezielten Fragen des Gastgebers. „Sind es die Gene, die dafür sorgen, dass wir fit bleiben und alt werden?“, fragt Kienle herausfordernd die Krebsforscherin. „Das ist die landläufige Meinung, stimmt nur bedingt, zu etwa zehn Prozent“, startet sie die Ausführung, darüber, dass der Lebensstil entscheidenden Einfluss auf die Lebensdauer und -qualität hat.

Schnell ist sie bei Dan Büttner, dem amerikanischen Journalisten, angekommen, der der Sache mit den vielen über 100 Jahre alten Menschen an fünf Orten dieser Welt auf den Grund gehen wollte. „In Costa Rica, Japan, Kalifornien, Griechenland und auf Sardinien liegen diese ‚blauen Zonen‘“, schildert sie. Es gibt neun Gemeinsamkeiten der Menschen, die dort leben. Sie würden sich etwa viel bewegen; sie essen wenig; Bohnen sind eines der Hauptnahrungsmittel; es gibt wenig Fleisch – „etwa fünf Portionen im Monat“; sie rauchen nicht; Alkohol genießen sie in Maßen, „von uralten Reben“; halten Mittagsschlaf. Die weiteren Faktoren wären, dass sie nicht, wie in unseren Breitengraden üblich, im Alter aufs Abstellgleis kommen, sondern weiterhin ihre Position und Aufgabe in der Familie, im Freundeskreis und sozialen Umfeld behalten und der Glaube. „Die Religion gibt Hoffnung und Zuversicht, wird in Gemeinschaft ausgeübt“, fasst die Fachfrau zusammen. Zudem beeinflussen Lebensmittel die Gesundheit – Gemüse und Obst, Vollkorn, wenig Fleisch, sei die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, sagt Herr. „In Pflanzen sind gute Stoffe gegen Krebs drin, gute Öle, die Zubereitung und die Menge spielen zudem eine zentrale Rolle, kein Zucker“, stellt die Krebsforscherin fest. Sie glaube nicht, man könne Krebs komplett in den Griff kriegen, „aber beeinflussen kann man ihn schon.“

Kunststoff ins Gewebe

Die Plastination von lebenden Organismen – Menschen und Tieren – ist das Metier von Dr. Angelina Whalley. Ihren Mann Gunther von Hagens hatte sie im Studium in einem Sezierkurs kennengelernt, „auch an diesem Ort kann es menscheln“, beantwortet sie lächelnd seine entsprechende Frage von Rolf Kienle. Der legt nach: „10 Millionen Menschen in Deutschland haben die Körperwelten-Ausstellungen besucht, 98 Prozent fanden sie gut, man weiß ja, worauf man sich einlässt.“ Whalley dazu: „Laien haben nie im Leben die Chance ins Innere ihres Körpers zu schauen, das ermöglicht ihnen aber die Köperwelten-Ausstellung – in den Plastinationen entdeckt man sich selbst.“

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Was die Absicht Gunther von Hagens gewesen sei, der die Plastination entdeckte? „Gunther musste in der Assistenzarztzeit viele Nierenschnitte präparieren und wunderte sich darüber, dass man diese in Blöcke aus Acrylglas eingoss, anstatt nur die entstandene Scheibe“, im Vakuum fand von Hagens die Technik, die das mit einem speziellen Kunststoff, der direkt ins Gewebe eingelagert wird, ermöglichte. Ziel sei immer die gesundheitliche Aufklärung, schildert Angelina Whalley, dass „man sieht, dass der Körper das Ergebnis der Lebensführung ist.“ Wie lang der Plastinationsvorgang für einen Körper dauert? „Etwa 1500 Arbeitsstunden für einen menschlichen Körper“, antwortet Whalley, die feststellt: „Emotionale Ablehnung und ethische Bedenken gegenüber der Körperweltenausstellung kann ich verstehen“, allerdings seien das individuelle Bedenken, man solle deshalb Interessierten nicht die möglichen Einblicke verwehren.

Sprache dem Umfeld angepasst

Die Sprache im Netz, Alternative Fakten, Fake News, Vandalen und Trolle sind Themenbereich, denen sich Dr. Eva Gredel widmet. Wie sich Sprache in den unterschiedlichen Foren am Beispiel von Wikipedia anpasst, erklärt Gredel so: „Auf sichtbaren Seiten befleißigen sich Autoren einer moderaten Sprache, auf Diskussionsseiten wird ein ganz anderer Stil gefahren.“ Ob die Sprache in Zeiten des Internets, WhatsApp, Twitter, Instagram und Co. degeneriere, will Kienle von ihr wissen. „In den genannten Foren wird der Forumssprache angepasst kommuniziert, werden Emoticons eingesetzt, in der Schule gilt nach wie vor Regelkonformität, die Autoren schaffen diese Grätsche“, befindet Gredel, dass anders als bei Stammtischgesprächen, die nicht im Detail nachvollziehbar bleiben, das Internet nichts vergisst.

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In Sachen „Shitstorm“, dem Sturm der Entrüstung im Netz zu bestimmten Vorgängen in negativer Sprache, reagierten Unternehmen in ähnlicher Sprache, was ihnen die Plattform gebe, Richtigstellungen zu platzieren.

Wagner und sein Hund

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Die Ausstellung „Das Alter in der Karikatur“ aus einem Forschungsprojekt von Dr. Franziska Polanski entstanden, ist derzeit in Weinheim zu sehen. Polanski darauf angesprochen: „Das Alter und das Altern über Komik und Humor anzuschauen ist beliebt und lässt lächeln über ein Thema, das uns alle angeht und bedient selbstredend Klischees.“ Über ihre „gute familiäre“ Verbundenheit zu Bayreuth und den Festspielen, zu Wieland Wagner, einem Nachkommen von Richard Wagner und die Familie an sich, spricht die Satire-Autorin Dr. Franziska Polanski wie sie an Informationen über „Richard Wagners Hunde“, so der Titel ihrer neuesten Veröffentlichung, gekommen ist.

Im Buch skizziert sie anhand der Hunde das freundliche Wesen Wagners, seine besondere Verbindung zu Natur und Tieren. „Das ist ein wichtiger Gedanke in unserer Zeit, wir verlieren den Bezug zur Natur“, unterstreicht sie. Seinen Lieblingshund, den Zwergspaniel „Peps“, habe Wagner etwa in seinem Refugium während des Komponierens hinter sich auf dem Stuhl sitzen gehabt, das habe sie aus Briefen und Zeitdokumenten erfahren. Dass es Spaß gemacht habe die vielen Informationen und Geschichten zusammenzutragen, betont sie.

Viel Applaus gibt es abschließend für den abwechslungsreichen, amüsanten und überaus informativen Talk.