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Internationale Musiktage - Bach-Suite und Uraufführung mit Geiger Daniel Spektor / Präzise Intonation und prägnante Artikulation

Bilderreiche Klangsprache

Von 
Uwe Rauschelbach
Lesedauer: 
Daniel Spektor begeistert in der Klosterkirche St. Magdalena mit der Geigenversion von Bachs fünfter Cellosuite. © Bistum Speyer/Landry

Speyer. Die originäre Tonart c-Moll verlegt Daniel Spektor in die Dominante. Doch nicht nur wegen des nicht mehr ganz so begräbnisschweren g-Moll erklingt Johann Sebastian Bachs Solosuite (BWV 1011) heller, lyrischer, gesanglicher. Der in der Ukraine geborene Musiker und Lehrer an der Speyerer Musikschule gibt das für Cello geschriebene Stück obendrein auf einer Barockgeige wieder.

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Eine ebenso eigenwillige wie Respekt bezeugende Aneignung. Denn Spektors Interpretation dokumentiert in jeder Sequenz, in jeder Phrase hohe Sensibilität und ausgeprägte Behutsamkeit im Umgang mit dem Original. In der Speyerer Klosterkirche St. Magdalena schließt sein Konzert an dasjenige von Peter Tilling an, der zuvor Bachs sechste Cellosuite vorgetragen hatte (wir haben berichtet). Gegenüber Tillings eher robuster, das Cello mit seinem kraftvollen Ausdrucksvolumen entschlossen einsetzender Lesart betont Daniel Spektors Geigenversion von Bachs fünfter Cellosuite die barocken Lyrismen und kantablen Linien. Die Adaption für Violine behält so ihre eigene Berechtigung und sieht sich nicht dem Anspruch ausgesetzt, dem größeren Bruder in der Streicherfamilie nacheifern zu sollen.

Rhythmische Finessen

Am Spiel des Interpreten gefällt die präzise Intonation, die prägnante Artikulation und die konzise Phrasierung bei einem Vibrato, das den Ton durchaus ein wenig veredelt, ihn aber nicht ins Klassisch-Romantische überdehnt. Sicher gelingen ihm auch die zahlreichen Doppelgriffe, während er zugleich die rhythmischen Finessen in den punktierten und damit als „französisch“ charakterisierten Tanzsätzen schärft, so in der Allemande zu Beginn sowie in der Gigue am Ende.

Die besondere Stellung der Sarabande im Mittelteil unterstreicht Spektor dank sacht, fast zögerlich angestrichener Töne. In seiner lamentoartigen Anmutung und mit seinen fahlen Klagetönen wirkt dieser enigmatische Satz beinahe wie aus dem Jenseits zu uns herübergeweht.

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Tamara Ibragimowa hat ihre Komposition zu Beginn durchaus in Bachschem Duktus verfasst. Doch schon bald bricht das Stück auf in expressive Volkstümlichkeit und offenbart harte dramatische Kontraste. In „Aserbeidschan im November 2020“ werden Geschichten erzählt – sie handeln von einem bestimmten Krieg und von Kriegen überhaupt sowie von den Opfern, die sie fordern, wie die aserbeidschanische Künstlerin in der Klosterkirche selbst erläutert.

Der Vortrag durch Daniel Spektor ist eine Uraufführung. Auch diese Aufgabe löst der Geiger mit tiefem Empfinden für die tragischen wie poetischen Anteile dieser bilderreichen Klangsprache. An den suggestiven Resonanzwirkungen hat das Publikum reichen Anteil.

Redaktion Zuständig für Lokales in Lampertheim (Kommunalpolitik, Kultur), Mitarbeit im Kulturressort des Mannheimer Morgen (Musikkritik, CD- und Bücher-Rezensionen).

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