Klimawandel

Die Waldwende muss jetzt vollzogen werden

Dunkle Wälder können sich am besten wieder regenerieren

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ks/zg
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Speyer. „Der Wald stirbt nicht, wenn er sich selbst regenerieren kann, aber er definiert sich neu – es stirbt nur der Försterwald.“ Das war eine der wenigen frohen Botschaften und eine Kernaussage im Vortrag des Forstwissenschaftlers Volker Ziesling mit dem provokanten Titel „Waldwende statt Waldende“. Auf Einladung der Interessengemeinschaft Behinderter und ihrer Freunde (IBF) zeichnete Ziesling bei der gut besuchten Veranstaltung ein eher düsteres Bild von der Zukunft des deutschen Waldes, wenn nicht ganz schnell umgesteuert werde bei deren Nutzung.

Auch räumte er mit einigen Legenden auf, nach denen immer noch der Wald – auch in Speyer – bearbeitet werde. So sei es nicht mehr Stand der Wissenschaft, dass der Wald möglichst gut durchlichtet sein soll: „Das fördert auf mittlere Sicht die Durchsteppung, denn es kommt vor allem Pflanzen wie Brombeeren oder Frühblühern zugute“, so der Diplom-Forstwirt. Außerdem werde es deutlich wärmer als in beschatteten Bereichen, bei den steigenden Temperaturen ein Faktor.

Neuester Stand der Wissenschft sei, dass dunkle Wälder, die man weitgehend sich selbst überlasse, am besten mit dem Klimawandel und der zunehmenden Wasserknappheit zurecht kämen: „Wald ist ein sehr komplexes dynamisches System und von den Menschen nicht beherrschbar“, ist Ziesling überzeugt. Deshalb seien die meisten Versuche, mit gärtnerischen Maßnahmen neuen Wald anzupflanzen, gescheitert. Da werde die komplette waldeigene Biomasse mit schweren Maschinen abgeräumt, der Boden mehrfach umgegraben, Kunstdünger ausgestreut, um dann Bäume zu setzen, die aus anderen Weltregionen stammten und von denen man der Meinung sei, sie seien zukünftigen Herausforderungen gewachsen. Das sei unter Einsatz erheblicher Geldmittel krachend in die Hose gegangen, so Ziesling weiter.

Wille zur Änderung fehlt

Alleine in Rheinland-Pfalz werde die Waldbewirtschaftung auf Landesebene mit jährlich 100 Millionen Euro subventioniert. Das sei ein sich selbst erhaltendes lukratives System. Der Wille, bei der Abteilung Landesforsten etwas zu ändern, sei schlicht nicht vorhanden, kritisiert Ziesling. Auch die Kommunen müssten oft Geld zubuttern für den Wald, in Speyer 150 000 Euro jährlich. Dabei werde seit Jahrzehnten mehr Holz entnommen, als nachwachse. So komme es, dass der Holzbestand im Stadtwald nur etwa halb so hoch sei als im Landes- und Bundesdurchschnitt. Besonders schlimm sei, dass ein Gutteil der im Stadtwald geschlagenen Bäume mit Harvestern geerntet würden. Das seien vielfach von Billiglöhnern aus Südosteuropa bediente schwere Maschinen, die den Boden verdichten. Dieses werde in Hackschnitzelanlagen der Stadtwerke verbrannt: „Holz zu verbrennen ist ökologisch nicht vertretbar“, sagt Ziesling.

Dass ein Gutteil des Waldes bei uns eigentlich unter Schutz stehe, als FFH-Gebiet ausgewiesen sei, schere von den Verantwortlichen niemand, so Zieslings Vorwurf. Die Stadtverwaltung weigere sich, zu überprüfen, ob die vorgeschriebenen zehn Biotopbäume (mit Specht- oder Fledermaushöhlen oder Baumpilzen) je Hektar Wald vorhanden seien. Dabei müsse man die kartieren.

In der jüngeren Vergangenheit werde viel deutsches Holz exportiert – meist nach China: „Die Chinesen schlagen kein eigenes Holz mehr, sondern bedienen sich in der sibirischen Tundra oder bei unseren Buchenbeständen.“ 90 Prozent des Buchenholzes gingen in den Export, sodass deutsche Sägewerke mangels Material dichtmachen müssten, behauptet der Forstwirt in seinem Vortrag bei der IBF.

Dabei seien von Eichen und Buchen domiminierte Wälder den Herausforderungen des Klimawandels gut gewachsen. Fichten und Kiefern seien bald aus den Wäldern in der Rheinebene verschwunden. Als Alternative zum „Försterwald“ empfiehlt der Forstexperte das „Lübecker Modell“. Eine naturnahe Waldbewirtschaftung, die eine natürliche Verbreitung von heimischen, standortgemäßen Baumarten unterstütze. Das mache ihn widerstandsfähiger gegen Sturm, Trockenheit oder Borkenkäferbefall. So werde das finanzielle Risiko des Betriebs gesenkt. Statt Kahlschlag gebe es dann Einzelstammnutzung – also Qualität statt Quantität.

Neophyten, also ortsfremde Baumarten wie die frühblühende Traubenkirsche oder der Götterbaum, von den Förstern einst angepflanzt, hätten sich als Problem herausgestellt und müssten aktiv beseitigt werden, fordert Ziesling. IBF-Vorsitzende Brigitte Mitsch bedankte sich beim Referenten mit einem Weinpräsent. ks/zg