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„Speyerer Musikherbst“

Erhabenes Glaubensmanifest

Ex-Domorganist Leo Krämer spielt Orgelwerke von Mendelssohn Bartholdy

Von 
Uwe Rauschelbach
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Mit Orgelwerken von Felix Mendelssohn Bartholdy hat Leo Kraemer in der katholischen Pfarrkirche St. Otto Bezüge des romantischen Komponisten zu Speyer aufgedeckt. Der frühere Domorganist nutzte das Konzert der Veranstaltungsreihe „Speyerer Musikherbst“ aber auch, um auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren.

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Kraemers Kontakte zur Philharmonie St. Petersburg sind vital; doch geplante Konzerte, die der Speyerer dirigieren wollte, sind dem Krieg zum Opfer gefallen. Ein Programm mit Beethoven-Symphonien zum Jubiläum der 1802 gegründeten Philharmonie ließ sich nicht realisieren. Die Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ Anfang November erscheint mindestens fraglich.

Den Tod des früheren sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow vor wenigen Tagen würdigte Leo Kraemer mit einer Bearbeitung des Chorals „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Johann Sebastian Bach (BWV 691). Kraemer hatte bei Besuchen Gorbatschows, die dieser auf Einladung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl im Dom absolviert hatte, an der Orgel gesessen.

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Sein Mendelssohn-Programm umrahmte er mit zwei Improvisationen über Themen aus dem „Sommernachtstraum“. Das „Notturno“ gestaltete er nach Art einer Fantasie, in der das Motiv am Ende noch einmal in den hellen Klangfarben des Prinzipalchors erklang. Das „Scherzo“ war allenfalls als rhythmisches Muster zu erkennen; dank der tonalen Verfremdungen und der waghalsigen Intervallsprünge verlieh Kraemer dem Stück durchaus den Charakter einer Groteske.

Seine Orgelpräludien soll Mendelssohn auf seiner Hochzeitsreise 1837 komponiert haben, die ihn auch in die Speyerer Dreifaltigkeitskirche führte. Von den drei Präludien ließ Kraemer das zweite und dritte erklingen; die lyrisch heitere Klangsprache des G-Dur-Präludiums hatte in ihrer andachtsvollen Innerlichkeit einen verklärenden Zug. Den poetischen Gehalt brachte die Orgel von St. Otto mit fein glimmenden Registerstimmen zum Vorschein. Das d-Moll-Präludium wirkte mit rasenden Tempi und der gesteigerten Dynamik als Kontrast.

Gefühlvolles Spiel

Das kontrollierte Spiel Leo Kraemers mit seinen teilweise verzögernden Rubati hegte die Risiken formaler Überschreitungen ein, hemmte freilich an der einen oder anderen Stelle den natürlichen Fluss, so auch im vorletzten Satz der „Vater unser“-Sonate in d-Moll mit seinen rasenden Sechzehntelläufen, den der Organist mit einem versöhnlich wirkenden und gesanglichen Andante abschloss. Die Variationen des Choralthemas gestaltete er durch gefühlvolles Spiel und differenzierte Farbgebung äußerst sinnreich. Das „Vater Unser“ erklang am Ende des Kopfsatzes als erhabenes Glaubensmanifest.

In die Interpretation des tiefbetrübten Adagiosatzes der c-Moll-Sonate mochte persönliche Trauer des Organisten über die widrigen Umstände eingeflossen sein. Doch die gleißenden, ein wenig hart klingenden Mixturstimmen verliehen dem aufstrebenden Gestus des dritten Satzes einen triumphalen Charakter. Die abschließende Fuge führte Leo Kraemer einem hymnischen Finale zu, das keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wollte, welche Hoffnungspotenziale Musik zu wecken vermag.

Das nächste Konzert des „Speyerer Musikherbstes“ findet unter der Leitung Leo Kraemers am Sonntag, 4. September, 17 Uhr, ebenso in der Kirche St. Otto statt. Auf dem Programm stehen kammermusikalische Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann.

Redaktion Zuständig für Lokales in Lampertheim (Kommunalpolitik, Kultur), Mitarbeit im Kulturressort des Mannheimer Morgen (Musikkritik, CD- und Bücher-Rezensionen).

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