Flachshof - Städtische Galerie zeigt die Ausstellung „Singen und Klagen“ / Arbeiten der Künstlerin Madeleine Dietz Für eine Handvoll heimatlicher Erde

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mey
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Die Arbeit „Hinsehen – Wegsehen“ von Madeleine Dietz wird in der Ausstellung „Singen und Klagen“ in der Städtischen Galerie gezeigt. © Meyer

Speyer. Zum „Singen und Klagen“ lädt die Städtische Galerie im Kulturhof Flachsgasse für die nächsten sechs Wochen ein. Obwohl man bei „Singen und Klagen“ unwillkürlich an die Klagelieder der biblischen Psalmen denkt, sind Klagelieder und Stoßseufzer von Besuchern ebenso wenig gefordert wie Lobpreisungen von Chören und Solisten. Schließlich handelt es sich um eine Kunstausstellung, die am Freitag, 6. März, um 18 Uhr durch Bürgermeisterin Monika Kabs eröffnet wird. Die Einführung übernimmt Dr. Jürgen Emmert, kommissarischer Leiter des Kunstreferats der Diözese Würzburg.

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Zu sehen sind Werke der in Mannheim geborenen und im pfälzischen Godramstein bei Landau lebenden Künstlerin Madeleine Dietz. Namhafte Auszeichnungen und internationale Stipendien belegen, dass die Kunstschaffende schon früh mit ihren Installationen, Plastiken und Grafiken auf sich aufmerksam machte. Zu den künstlerischen Schwerpunkten gehört die Ausgestaltung von sakralen Räumen und anderen Gedenkorten. Damit wird verständlich, warum ihre Arbeiten seit vielen Jahren um Fragen kreisen, die sich mit dem Verhältnis von Stabilität und Labilität und dem beschäftigen, was das Leben spendet und der Tod bringt.

Die Kunst von Dietz offenbart sich in „reversiblen“ Elementen, zu denen Wellengitter, Stahlplatten, Stahlkuben und Erde zählen. Als Fragment oder Ganzes stehen sie für Stabilisierung und Destabilisierung, für Brüche und Aufbrüche, Übergänge und Neuordnungen. Die mögliche Veränderung solcher Zustände wird besonders an einem Werk mit dem Titel „Entfestung“ deutlich. Die aus Walzstahl, Gitterelementen und Erde bestehende Installation wirkt vordergründig wie ein mächtiger Tresor, ist jedoch als gesellschaftskritische Arbeit gedacht, die Menschen auf der ganzen Welt anspricht. Als fester Schrein schützend, bewahrend oder ausgrenzend, kann das 2,20 Meter hohe Gebilde auch instabil werden und analog zu politischen, wirtschaftlichen, religiösen oder privaten Entwicklungen wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen.

Getrockneter Pfälzer Boden

Nach der Arbeit „Singen und Klagen“ ist die Ausstellung benannt. Dabei handelt es sich um ein groß dimensioniertes Triptychon mit den Maßen 120 mal 525 mal zwölf Zentimeter. Die beiden großen Bildhälften mit getrockneter Pfälzer Erde auf Leinwand werden von einem Lichtkasten geteilt, wobei allen Elementen eine symbolische Bedeutung zukommt. Es sind Kompositionen, in denen die ausgetrocknete Erde nach Heilung schreit und das Licht als Hoffnungsschimmer Zuversicht vermittelt.

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Ein weiteres Hauptwerk in der etwa zwanzig Exponate umfassenden Präsentation stellt die Installation „Hinsehen - Wegsehen“ dar. Auf zwei etwa 2,50 mal 3 Meter messenden Digitaldrucken sind die Überreste von Häusern aus Israel zu sehen, die vor Jahrhunderten oder noch früher zerstört wurden. Davor sind mehrere Gitterelemente drapiert. Die Frage steht im Raum, grenzen die Gitter ab oder soll man sie wegräumen, um aus den Gesteinstrümmern etwas Neues zu errichten?

Kernstück der Ausstellung ist jedoch das erstmals in Rheinland-Pfalz gezeigte Projekt „Side by Side“, dessen Entstehung auf das Jahr 2003 zurückreicht und – vorgestellt im dortigen Museum für Sepulkral Kultur – als Projekt der Stadt Kassel im Begleitprogramm der Dokumenta XII anno 2007 für Aufsehen sorgte.

Suche nach heiliger Stätte

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Es geht auf den Versuch der Künstlerin zurück, in jedem Land der Erde einen Friedhof oder eine heilige Stätte zu finden, aus dem ihr eine Handvoll Erde überlassen wird. Welchen Aufwand die Künstlerin betrieb, davon zeugen in der Speyerer Dokumentation weit über einhundert Bild- und Texttafeln sowie 136 kleine und mit den jeweiligen Ländernamen versehene Holzboxen, in denen sich bis zur Dokumenta 2007 die Friedhofserde von weltweit 136 Orten befand, an denen Muslime, Juden, Christen, Hindus und Buddhisten bestattet oder verbrannt werden. Zum Abschluss der Dokumenta kam der Inhalt der Kästchen „Side by Side“ in ein von einem Stahlring eingefasstes, kreisförmiges Pflanzfeld vor dem Museum, das bis heute bepflanzt und gepflegt wird. mey