Nachruf - Kaisertafel-Macher und Eisproduzent Renzo Bertolini ist mit 86 Jahren verstorben Inbegriff der Integration

Von 
Jürgen Gruler und Nikolaus Meyer
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Immer charmant und voller Lebensfreude. Die Kaisertafel in Speyer war sein Kind. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsi-dentin Malu Dreyer war schon Ehrengast bei der Eröffnung. Renzo Bertolini und Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler machen hier gerade mit ihr einen Rundgang übers Fest. © Venus

Speyer. Wer gern Eis isst, kennt natürlich die Bertolinis. Wer die Kaisertafel liebt, der hat seine charmanten Begrüßungsworte mit diesem unnachahmlichen italienischen Akzent im Ohr. Und wer ab und an gesellschaftliche Anläse in Speyer besucht, kennt die Auftritte von Flora und Renzo Bertolini mit ihrer einnehmenden und alles andere als distanzierten Art. Jetzt ist Renzo im Alter von 86 Jahren verstorben, er war so etwas wie der Inbegriff für die Integration eines Italieners in Deutschland – und seine Ansichten waren durchaus manchmal deutscher als die manch eines CDU-Parteifreundes. Er wurde im engsten Familienkreis seiner Frau Flora und seiner vier Kinder und deren Familien beigesetzt.

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Als Renzo Bertolini am 5. September 1934 in der Salzgasse das Licht der Welt erblickte, war das eher noch die Ausnahme. Sein Elternhaus hat die Zeiten überdauert und beherbergt heute die Weinwunderbar. Der kleine Renzo besuchte den Kindergarten in der Engelsgasse und war als Messdiener im Dom tätig. Die Schulzeit absolvierte er jedoch in der italienischen Provinz Trient, denn von dort stammte die Familie Bertolini.

Die Tradition der Eisdynastie gründete Renzos Onkel Tranquillo im Jahr 1925, der in der heutigen Weinwunderbar einen Obstladen eröffnet hatte und dort gleichzeitig selbst gemachtes Eis verkaufte. Ein Jahr später übernahm Renzos Vater Fiorino das Geschäft und konzentrierte sich bald darauf ausschließlich auf den Eisverkauf.

Als 14-Jähriger ins Geschäft geholt

Auf Wunsch des Vaters beendete der junge Renzo 1948 die Schulausbildung und kehrte nach Speyer zurück. Mit nur 14 Jahren stieg er in den elterlichen Betrieb ein, der seinen Sitz 1955 von der Salzgasse an den Königsplatz und im Todesjahr des Vaters 1967 auf die Maximilianstraße verlegte. Aber die Bertolinis produzierten nicht nur für den eigenen Verkauf Eis. Sie lieferten es in die ganze Pfalz zu Landsleuten, Verwandten und auch an Gaststätten.

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Mit der Aufnahme der eigenen Eisproduktion im Jahr 1980 in der Industriestraße, wo es bis heute einen Außer-Haus-Verkauf gibt, ging für Renzo Bertolini ein Lebenstraum in Erfüllung. In seiner Wahlheimat setzte der vierfache Vater auch außerhalb des Familienbetriebes Akzente. So gehörte Renzo Bertolini von 1999 bis 2004 für die CDU dem Speyerer Stadtrat und dem Ausschuss für Tourismus an. Bei der Kreisstelle im Hotel- und Gaststättenverband übte er das Amt des Vorsitzenden von 1997 bis 2006 mit viel Herzblut aus.

Sein wichtigstes Kind war aber immer die Kaisertafel, die er nach anfänglichem großen Erfolg auch durch schwierige Zeiten steuerte. Die Idee ist bestechend, die Menschen sollten an einer langen Tafel sitzen, die vom Dom bis zum Altpörtel reicht. Und nur die besten Speyerer Wirte sollten sie mit Essen von richtigen Tellern und guten Weinen verköstigen. Und jedes Jahr wird ein Prominenter, der sich um den Tourismus in Speyer verdient gemacht hat, geehrt. Unvergessen jener Tag, an dem wir Renzo Bertolini und seine Vorstandskollegen nach Bonn begleiten durften, wo er an Helmut Kohl die Ehrung überreichte. Klar, dass wir anschließend noch zu einem „guten Italiener“ zum Essen gegangen sind.

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Renzo Bertolini hat nie ganz losgelassen, stand immer mit Rat und Tat zur Seite. Sei es bei der Kaisertafel oder im Betrieb, den längst seine Tochter führt. Und er war immer da, wenn es etwas zu feiern gab. Denn Flora und Renzo waren die wohl kommunikativsten Menschen in Speyer. Sie scheuten sich nie, ihre Meinung zu sagen und erzählten auch gerne Anekdoten aus der eigenen Familie. Wir werden ihn alle vermissen – soviel ist sicher. Jede Kugel Eis wird uns an ihn erinnern.

Chefredaktion Jürgen Gruler ist Chefredakteur der Schwetzinger Zeitung.

Freie Autorenschaft 1993: Beginn journalistische Tätigkeit als freier Journalist und ständiger Mitarbeiter der Speyerer Tagespost. Nach Einstellung der traditionsreichen Zeitung am 31. Dezember 2002 verzugsloser Wechsel als ständiger Mitarbeiter zur Schwetzinger Zeitung. Verfasser mehrerer Sonderserien. Unter anderem: Chronik der Speyerer Luftfahrtgeschichte und 4-teilige Serie 40 Jahre Bundeswehrgarnison Speyer mit militär-historischem Rückblick. Ferner Reiseberichte Litauen und Lettland. Sonderseite Geschichte, Brand und Wiedereröffnung Anna Amalia Bibliothek Weimar. Exklusiv-Interviews mit bekannten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte wie Ex-Staatspräsident Lech Walesa, Kaiserliche Hoheit Prinzessin Alix Napoleon, Schauspieler Mario Adorf, Ministerpräsident a. D. Dr. Bernhard Vogel, Weltschiedsrichter Markus Merk. Ungeachtet dessen bilden kommunale Ereignisse der Stadt Speyer den Schwerpunkt der Berichterstattung. Sonstiges: Autor des 2006 erschienenen Buches „Höhepunkte der Speyerer Stadtgeschichte in Versen, Texten und Bildern“.