Im Interview - Liedermacher Ulrich Zehfuß über sein neues Album „Erntezeit“, das Releasekonzert am Freitag und den Einfluss der Corona-Pandemie auf seine Arbeit „Mehr Größe gewagt in den Arrangements“

Von 
Matthias Mühleisen
Lesedauer: 

Speyer. Den Titelsong hat er in seiner Songwritershow „Ulis Wohnzimmer“ vor zwei Jahren vorgestellt. In der Folgezeit gab es weitere Stücke bei seinen Liveauftritten oder auf seiner Website zu erleben. Wenn Ulrich Zehfuß am Freitag, 26. Februar, sein zweites Soloalbum „Erntezeit“ präsentiert, gibt es aber trotzdem viel Neues des Speyerer Liedermachers zu entdecken. Fünf Jahre nach seinem Solodebüt „Dünnes Eis“ spannt Zehfuß erneut thematisch einen großen Bogen, zeigt sich als scharfsinniger Beobachter der Kreisläufe von Natur („Erntezeit“, „Magnolienzeit“) und menschlichen Beziehungen („Komm, sprich mit mir“, „Alleine für dich“). Im Interview spricht er über die Entstehung der Platte, den Einfluss, den Corona auf die Veröffentlichung hatte und die Streamingshow, die mehr als ein Ersatz für ein „richtiges“ Releasekonzert werden soll.

AdUnit urban-intext1

„Erntezeit“ erscheint fünf Jahre nach dem Solodebüt „Dünnes Eis“ – war der Abstand so groß geplant?

„Erntezeit“ ist Ulrich Zehfuß’ zweites Soloalbum. Das Artwork des Covers stammt von Christopher Scholz, die Platte erscheint beim Mannheimer Label Sevenarts-Music. © Ulrich Zehfuß

Ulrich Zehfuß: Nein, aber die Frage erinnert mich an einen Spruch, den ich vor kurzem gehört habe, zu dem ich einen Song schreiben wollte: Sollte nicht so sein, ist aber so geworden. Als 2016 „Dünnes Eis“ erschien, dachte ich eher, so in zwei Jahren kommt die nächste Platte. Dass es fünf geworden sind, lag auch einfach an der sehr sorgfältigen Weise der Produktion. Wir haben uns dem Album angenähert und es hat seine Zeit gebraucht, aber jetzt ist es soweit. Zudem ist Deutschland groß und es gibt so viele, viele Menschen, die „Dünnes Eis“ noch nicht kennen – ich spiele ja nicht nur hier in der Gegend, sondern auch in Hamburg, München und Berlin. Insofern war der Druck auch nicht so groß, sehr schnell ein Album nachzuschieben.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Unterschied zwischen den beiden Alben?

AdUnit urban-intext2

Zehfuß: Bei beiden Alben steht das Geschichtenerzählen im Zentrum, und damit die Stimme. Aber die Wege, dahinzukommen, waren vollkommen unterschiedlich. Bei meinem Debütalbum ging alles von der Stimme aus, sie stand am Anfang der Produktion. An Instrumentierung dazugefügt haben wir nur das, was der Song eben unbedingt brauchte. Bei „Erntezeit“ sind wir umgekehrt vorgegangen. Ich wollte insgesamt einen etwas bandartigeren Sound in der Platte haben. Wir haben zuerst viel, viel Musik von anderen Künstlern gehört und überlegt, in welchen klanglichen Welten das Album spielen könnte. Das haben wir mit meinen Songs zusammengebracht und Arrangements entwickelt, was hauptsächlich die Arbeit meines Produzenten Mathias Kiefer war, den ich meine, wenn ich „wir“ sage. Dann hat die Studioband, die jetzt auch meine Liveband ist, gemeinsam das Arrangement eingespielt. Erst danach kam der endgültige Gesang. „Erntezeit“ ist zwar auch ein Liedermacheralbum – aber eines, das in seinen Arrangements mehr Größe wagt.

Was steckt hinter der Idee, viele Stücke des Albums vorab mit den Hörern zu teilen durch Einzelveröffentlichung per Streaming?

AdUnit urban-intext3

Zehfuß: Die Hörgewohnheiten haben sich verändert – und damit der Musikmarkt, dessen Teil auch ich bin. Viele Menschen haben keinen CD-Spieler mehr. Sie streamen Playlisten bei Spotify, und da hören sie in der Regel einzelne Songs. Also muss man als Musiker heute dafür sorgen, dass man regelmäßig immer wieder einen neuen Song veröffentlicht. Ich mache meine Musik zwar aus inneren Antrieben heraus, aber eben auch für die Menschen. Also veröffentliche es so, wie es für meine Hörer gut ist. Auch wenn ich es bedauere, wenn dann nur wenige ein Album in Ruhe durchhören. Das lohnt sich bei „Erntezeit“ nämlich durchaus: Es ist ein ausgesprochen gut durchhörbares Album geworden – sagen jedenfalls Leute zu mir.

AdUnit urban-intext4

Warum haben Sie die Vorabveröffentlichungen abgebrochen?

Zehfuß: Ich habe den Veröffentlichungsrhythmus in den ersten Monaten zu eng gemacht. Für mich als unabhängigen Songwriter, der keine große Plattenfirma im Rücken hat, war das Tempo zu hoch. Ich konnte die neuen Titel gar nicht so schnell bekannt machen, wie schon wieder das nächste Release anstand. Ich habe ausprobiert und gelernt. Im vergangenen Winter brauchte ich meine ganze Kraft, um die Veröffentlichung des ganzen Albums vorzubereiten. Aber gleichzeitig haben wir neue Tracks produziert, auch Liveversionen vorbereitet. Und die werden im Lauf des Jahres erscheinen.

Wäre „Erntezeit“ ohne Corona eine andere Platte geworden – hat die Pandemie Einfluss auf die Songauswahl genommen?

Zehfuß: Ich bin nicht sicher. Die Songs waren schon vorher geschrieben und sogar aufgenommen, die erste Single erschien ja gerade noch vor Beginn der Pandemie. Inhaltlich flossen keine Erfahrungen der Pandemie ein. Ich bin ein langsamer Verarbeiter. Oft dauert es Jahre, manchmal Jahrzehnte, bevor ich die Stimme gefunden habe, die aus mir über ein Thema spricht. Es gibt ja einige Künstler, die bereits regelrechte Corona-Alben veröffentlicht haben. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Wie haben Sie den Lockdown und die lange Zeit ohne Auftrittsmöglichkeit persönlich empfunden?

Zehfuß: Die Zeit hatte verschiedene Phasen. Ich selbst erlebte den Beginn als Schock, spürte deutlich, wie mein Stammhirn, der älteste Teil unseres Hirns, auf Notbetrieb umschalten wollte. Das war eine sehr interessante Erfahrung. Ich habe Familie, Kinder, denen gilt natürlich die erste Sorge. In der Zwischenzeit haben wir damit umzugehen gelernt. Ich erlebe die Zeit als eine Zeit der Rückbesinnung und auch Einkehr. Vieles, was unabdingbar schien, erwies sich sehr schnell als sehr wohl abdingbar. Andere Selbstverständlichkeiten verschwanden, etwa die Annahme, dass man zwangsläufig sehr alt werden wird und in Sicherheit lebt. Die guten Entdeckungen dieser Zeit sind teuer erkauft durch Schrecken und neue Nöte und ich hoffe, wir schaffen es, diese wortwörtlichen Errungenschaften zu bewahren, wenn sich die Pandemie verzogen hat.

Ihre Wohnzimmerkonzerte in Speyer und Schwetzingen sind dem Virus bis auf eine Open-Air-Ausgabe zum Opfer gefallen. Geht es nach dem Lockdown weiter?

Zehfuß: Ja, es geht weiter. Gemeinsam mit Matthias Binner aus Berlin arbeite ich daran, „Ulis Wohnzimmer“ und den „Sago Song Salon“, wie die Show bundesweit heißt, in neue Städte zu bringen. Im Augenblick fühlen sich alle Planungen an, als würde man in ein leeres Schwimmbad steigen und Kraulübungen an der Luft machen. Am 18. Juli wird es eine Open-Air-Show in Leonberg geben wird, bei der ich zwei fantastische Gäste begrüße. Der eine ist Pe Werner, der andere wird nicht verraten.

Am Freitag, 26. Februar, steht das Releasekonzert in einer opulenten Besetzung auf dem Programm – wie läuft das Corona-konform ab?

Zehfuß: Mit viel Aufwand! Am Freitag spiele ich nicht einfach die Platte vor, es gibt eine ganz eigene Produktion: Ich habe sämtliche Lieder noch mal live eingespielt, nur Gitarre und Gesang. Dazu haben zehn Mitglieder meiner Songwriter-Familie Sago Beiträge geliefert, sie haben mitgesungen, mitgespielt – es war herrlich. Mit dabei waren unter anderem Christina Lux aus Köln, Dota Kehr und Sebastian Krämer aus Berlin oder Stefan Noelle aus München. Diese 14 Songs präsentiere ich mit einem Talkgast und greife auch zur Gitarre. Das Ganze wird live gestreamt. Man findet es bei Youtube unter Feierabend-TV oder auf meiner Website. Es wird ganz anders als ein normales Releasekonzert – aber aufregend. Ich freue mich sehr darauf.

Zur Person: Ulrich Zehfuß

Der Liederschreiber, Sänger und Gitarrist Ulrich Zehfuß wurde 1973 in Ludwigshafen geboren. Er lebt und arbeitet in Speyer.

Seit 1992 Mitglied von Sago, Mainzer Schule für Poesie und Musik, gegründet von Christof Stählin. Zwischen 1993 und 2004 veröffentlichte er sechs Alben mit der Folkrock-Band Bunt.

Seine erste Solo-CD „Dünnes Eis“ erschien 2016 nach intensiver Zusammenarbeit mit Produzent Mathias Kiefer, der auch bei „Erntezeit“ dabei war.

Zehfuß ist Initiator und Gastgeber der Liedermachershow „Ulis Wohnzimmer“. Bei dem Format, mit dem er im Februar 2017 in Speyer Premiere feierte, tritt er mit Gästen bei Musik und Talk auf. Im Oktober 2019 wurde eine Wohnzimmerfiliale in der Wollfabrik Schwetzingen eröffnet .

Weitere Infos: www.zehfuss.de.

Redaktion Redakteur im Bereich Hockenheim und Umland sowie Speyer