Wie Speyerer Geschäftsleute den Lockdown überstehen wollen

Von 
Lilly Wiedemann
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In der Gilgenstrasse ist es menschenleer. Durch den Lockdown bleiben die Bürger von der Innenstadt fern. © Klaus Venus

Speyer. Zur Abholung bereit - Bestellung per Click und Collect - kontaktlose Lieferung: Das alles sind Synonyme für den sprichwörtlich letzten Strohhalm, an den sich viele Speyerer Einzelhändler klammern, um ihre Geschäfte durch die finanziellen Belastungen der Pandemie zu bringen und eben nicht ganz schließen zu müssen.

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„Hoffnung habe ich keine mehr, mein Motto momentan heißt einfach nur abwarten“, berichtet Petra Ratajczak, die den Kindermodeladen „Nucleo“ auf der Maximilianstraße führt. Zwar versuche sie sich auch an der Geschäftsidee, Bestellungen über Whatsapp oder per Anruf entgegenzunehmen und die Ware dann kontaktlos an die Kunden auszuliefern, doch dies sei, wenn überhaupt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Kleidung für Babys und kleine Kinder fällt sehr unterschiedlich aus, die meisten Kunden wollen die Kleidungsstücke in der Hand halten, um einzuschätzen, ob etwas passen könnte.“ Dementsprechend wenig könne sie so verkaufen, meint Petra Ratajczak. „Und so hängt die neue Ware seit Monaten im Geschäft.“

Ewa Sauer, die in der Goldschmiede Atelier No. 9. in der Gilgenstraße arbeitet, sieht in der stark heruntergefahrenen Nachfrage der Kunden, dass auch diese momentan von finanziellen Nöten geplagt sind: „Zurzeit haben die wenigsten Menschen Geld und Muße für Schmuck, im Allgemeinen für Konsum, so ist zumindest unser Eindruck.“ Das Angebot einer telefonischen Beratung mit anschließender Abholung des Schmuckstückes im Laden nehmen laut Sauer vor allem Stammkunden in Anspruch, die Zahl der Bestellungen halte sich dennoch sehr in Grenzen.

Die emotionale Seite

Mit wenigen Bestellungen hat der Speier’er Buchladen auf der anderen Seite des Altpörtels nicht zu kämpfen, berichtet Ulla-Britt Egeland, die die Buchhandlung gemeinsam mit einer Kollegin führt. „Wir erleben in diesen Zeiten tatsächlich viel Positives, etwa, dass deutlich mehr gelesen wird. Gerade bei Kindern merkt man, dass, wenn die Möglichkeiten, sich nachmittags zu beschäftigen, deutlich eingeschränkt sind, öfters mal zu einem Buch gegriffen wird. Das freut uns natürlich.“ Der angebotene Abholservice werde sehr gut angenommen, so Egeland, täglich stünde sie mit ihrer Kollegin im Laden und gebe die zuvor per Telefon oder online bestellten Bücher an die Kunden heraus, die an ihre Ladentür klopfen. „Belastend empfinde ich vor allem die emotionalen Leiden, die viele Menschen momentan erfahren“, berichtet die Buchhändlerin. Das bekomme man mit in den Kundengesprächen, auf die sie trotz allem weiterhin viel Wert lege.

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Andreas Linn, Inhaber des gleichnamigen Schuhhauses hat aus dem ersten Lockdown gelernt und perfektionierte sein Geschäftsmodell soweit, dass er die Fixkosten seines Geschäfts momentan ohne staatliche Hilfen decken kann: „Wir fahren mehrgleisig, verkaufen unsere Schuhe online parallel über unseren eigenen Shop und über mehrere Händler.“ Gleichzeitig sei im Schuhhaus der Kauf per Click und Collect vmöglich: „Die Kunden suchen sich im Online-Shop eine Auswahl an Schuhen aus, holen diese kontaktlos bei uns im Laden ab und können die Schuhe zur Anprobe mit nach Hause nehmen. Am Ende behalten sie den Schuh, der ihnen am besten passt und gefällt.“ Besonders bei Kinderschuhen stoße diese Möglichkeit auf Gefallen, so Linn, schließlich bräuchten Kinder weitaus öfter neues Schuhwerk. Zusätzlich zur Abholung werde auch ein Lieferdienst angeboten, der Schuhe im Umkreis von zehn Kilometern jeden Tag nach Ladenschluss an die Kunden ausliefere.

Eine Art Lieferdienst betreibt auch Julia Henkes, Restaurantbesitzerin im „Gasthaus zum Halbmond“ in der Altstadt. „Wir haben nur von Freitag bis Sonntag zur Abholung und Lieferung geöffnet, merken dann allerdings, dass sich die Kunden freuen, mal etwas anderes außer Pizza zu bestellen.“ Der momentane Liebling sei ihrem Eindruck nach „Fisch in allen Variationen“.

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Im Allgemeinen gleiche der eingeschränkte Restaurantbetrieb momentan jedoch eher einer Beschäftigungstherapie und weniger einer dringend nötigen finanziellen Unterstützung, so Henkes. Sie schaue sehr zwiegespalten in die Zukunft: „Einerseits möchte und muss ich natürlich so bald wie möglich wieder öffnen. Aber bevor wir für zwei oder drei Wochen öffnen und dann direkt wieder schließen müssen, wäre es mir lieber, bis Ostern abzuwarten und dann hoffentlich langfristig aufmachen zu können.“

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