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Domkrypta - Zwei Konzerte bieten mittelalterliche Gesänge und Messiaen-Kammermusik

Zwei Konzerte bieten mittelalterliche Gesänge und Kammermusik

Von 
Uwe Rauschelbach
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Philipp Cieslewicz (Altus), Christoph Bumester (Tenor), Burkard Wehner (Bariton) und Werner Blau (Bass). © Dommusik/Landry

Speyer. Rund 800 Jahre liegen zwischen den Fragmenten zur Verehrung des Heiligen Olaf und Olivier Messiaens Endzeitvision „Quatuor pour la fin du temps“. Doch in der Krypta des Speyerer Doms lösen sich solche zeitlichen Diskrepanzen in nichts auf. Im Ewigkeitsversprechen, das diese festgemauerte Unterwelt ausstrahlt, trifft Spiritualität in ihren unterschiedlichsten Ausdrucksformen auf Resonanz.

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Zwischen den alten Gesängen des Ensembles Archaica und der Messiaen-Aufführung des Instrumentalensembles Risonanze erranti mögen Welten liegen; dennoch finden an diesem besonderen Ort mittelalterliches religiöses Empfinden und moderne Glaubensästhetik zusammen. Der Besucher beider Konzerte der Internationalen Musiktage wird dies als Bereicherung empfunden haben. Bildet Musik aus mehreren Menschheitsepochen doch auch die vielfältigen Bezüge ab, die zwischen den unterschiedlichsten Darstellungen religiöser Erfahrungen lebendig sind.

In den einstimmigen Antiphonen, den Psalmrezitationen und Responsorien zu Ehren des norwegischen Königs Olav Haraldsson II., der als Märtyrer heilig gesprochen wurde, teilt sich der hohe Ernst jener mittelalterlichen Glaubenshaltung und der existenzielle Bezug auf eine Sphäre jenseits des menschlichen Einflussbereichs unmittelbar mit. Wir befinden uns zugleich in der Geburtskammer der Mehrstimmigkeit, die – wenn auch noch weit entfernt von Polyphonie und Kontrapunktik – durchaus erste Orientierungen an jenen Generalbass aufweist, der der abendländischen Musik fortan ihre Prägung verleihen soll.

Mystische Klanglichkeit

Philipp Cieslewicz (Altus), Christoph Bumester (Tenor), Burkard Wehner (Bariton) und Werner Blau (Bass) bieten diese Gesänge in wechselnden Formationen dar, die sich zudem immer wieder auflösen, indem die Sänger durch die Krypta schreiten, um aus unbestimmbaren Positionen eine mystische Klanglichkeit zu verbreiten. In den Unisono-Passagen wie in den auf der Grundtönigkeit eines Borduns beruhenden Vokalsätzen wird die Musik in ihrer liturgischen Eindringlichkeit erfahrbar. Das ist beglückende Gesangskunst, mit hoher Konzentration und in großer homogener Dichte vorgetragen.

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Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ öffnet unterdessen assoziative Räume, die den Schöpfungsmythos einschließlich der Naturklänge und Vogelstimmen um die Erfahrungen aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager erweitern und sie in einem glühenden Glaubenszeugnis zusammenführen. Michaela Girardi (Violine), Peter Tilling (Cello), Moritz Schneidewendt (Klarinette) und Jacopo Salvatori (Klavier) widmen sich dem achtteiligen Meditationszyklus mit energischem Zugriff. Von Beginn an entwickelt sich ein Vortrag von hoher Intensität, ekstatischer Unbedingtheit und wildem Überschwang. Dazwischen blühen versöhnlich wirkende Lyrismen auf, etwa im Zusammenspiel von Cello und Klavier, das sich als „Lob auf die Ewigkeit Jesu“ versteht und die Nähe zu Tonalität und Diatonik nicht scheut.

Auch an solistischer Qualität lassen die vier Akteure dieses Ensembles nichts zu wünschen übrig, nimmt man als Beispiel die nuancierten Ausdrucksvarianten und vielfältigen Klangerzeugungen, wie sie Klarinettist Moritz Schneidewendt mit der Kantilene im dritten Satz – „Abgrund der Vögel“ – dokumentiert. Auch das „Lob auf die Unsterblichkeit Jesu“ erfährt im Spiel von Geigerin Michaela Girardi eindringliche Zuwendung.

Und so bleibt künstlerischer Genuss an diesem besonderen Ort nicht auf sich verwiesen; von den alten Gemäuern der Kaisergrablege hallt vielmehr unstillbare Jenseitshoffnung wider.

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Redaktion Zuständig für Lokales in Lampertheim (Kommunalpolitik, Kultur), Mitarbeit im Kulturressort des Mannheimer Morgen (Musikkritik, CD- und Bücher-Rezensionen).

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