Städtische Galerie - Neustart mit imponierender Werkschau der Frankfurter Künstlergesellschaft / Interessante Bandbreite

Zwischen Sinn und Leichtsinn

Von 
Nikoalus Meyer
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Speyer. Kultur, Toleranz und Lebenslust – mit diesem Slogan auf dem Ausstellungsplakat bewirbt das Kulturbüro unter Führung von Dr. Matthias Nowack eine neue Kunstschau in der Städtischen Galerie. Sie wird pandemiebedingt ohne Vernissage am Freitag, 11. Juni, im Kulturhof Flachsgasse eröffnet und ist dort zu den üblichen Öffnungszeiten bis Sonntag, 11. Juli, zu sehen. Eine Vorausbuchung ist erforderlich (Telefon 06232/14 23 99).

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Präsentiert werden qualitativ hochwertige Arbeiten der Frankfurter Künstlergesellschaft, die elf Jahre nach ihrer ersten Ausstellung in der Städtischen Galerie nach Speyer zurückkehrt. Unter dem Titel „Sinn und Leichtsinn“ werden Werke von 18 der momentan 20 Mitglieder vorgestellt. In den Bereichen Grafik, Malerei, Bildhauerei und Fotografie bilden sie eine stilistische Bandbreite ab, die sich zwischen Realismus, zeitgemäßem Naturalismus zur freien Interpretation und Abstraktion bewegt.

Die Städtische Galerie im Kulturhof Flachsgasse zeigt noch bis zum 11. Juli die Aus-stellung „Sinn und Leichtsinn“ mit Kunstwerken von 18 Mitgliedern der Frankfurter Künstlergesellschaft. Hier die ausdrucksstarke Skulptur „Angemessene Anforderung“ von Achim Ribbeck. © Venus

Der Anspruch der zu den ältesten aktiven Künstlervereinigungen der Welt zählenden Gesellschaft ist unverändert hoch. Seit ihrer Gründung im Jahre 1857 gilt der Grundsatz, künstlerische Kompetenz nicht einer bestimmten Kunstform oder modischen Strömung zu unterwerfen. Qualitätsansprüche haben demnach bis heute Vorrang gegenüber einer Vereinheitlichung des künstlerischen Schaffens.

Was den beziehungsreichen Ausstellungstitel „Sinn und Leichtsinn“ anbelangt, ist er auch als Hinweis auf die langen Monate der Pandemie mit all ihren Ängsten und Ungewissheiten zu verstehen, in denen vielen Menschen die Leichtigkeit des Lebens abhanden gekommen ist. Die Frage nach dem Sinn des Ganzen und die derzeit alles beherrschende Frage, wie es in Zeiten existenzieller Nöte weitergeht, lässt auch die Mitglieder der Frankfurter Künstlergesellschaft nicht zur Ruhe kommen.

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Auf der Suche nach Wegen, etwas von der Leichtigkeit des Seins zurückzuerobern, verweisen sie auf ein besonderes Wesensmerkmal von Kunstschaffenden aller Disziplinen, die sich mit ihren Arbeiten bewusst dem „Unerwarteten“ und somit der Gefahr des Scheiterns aussetzen, also leichtsinnig handeln. Ergo lädt die Gesellschaft Besucher der Speyerer Kunstschau dazu ein, sich auf diesen in Farben und Formen gefassten „Leicht-Sinn“ einzulassen, der aus dem künstlerischen Verständnis heraus aber auch Grundlage für kreative Impulse sein kann.

Vielfältige Ausdrucksformen

Wie vielfältig die stilistischen und motivischen Ausdrucksformen sowie deren Interpretationsmöglichkeiten sind, wurde bereits beim Pressegespräch mit Galerieleiter Franz Dudenhöffer sowie den Künstlerin Barbara Dickenberger und Claus Delvaux deutlich. Während Dickenberger auf der Grundlage von Fotonegativen mit Fine Art Print auf Hahnemühle-Papier Menschen porträtiert und Landschaften durch bestimmte Blickachsen und Perspektiven besondere Reize verleiht, zeigt der auch als Vorsitzender der Gesellschaft fungierende Delvaux Werke aus der Reihe „Good Times in The Cities“, gefertigt mit Gouache auf Karton.

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Eine besondere Botschaft überbringt die seit 2011 in Deutschland lebende Iranerin Mojgan Razzaghi. Ihre Fotodrucke mit Pigmenttinte sind als Anklage gegen das Unrecht zu verstehen, das Frauen bis heute in ihrem Heimatland widerfährt. „Verboten“ hat sie die ausgestellten Exponate denn auch folgerichtig betitelt. Auf den ästhetischen und im melodischen Wechselspiel ruhig oder dynamisch wirkenden Fotos sind gesichtslose Musikerinnen mit ihren Instrumenten abgebildet. Mit der förmlich ins Auge springenden Anonymität verweist die Fotografin auf den Zwang zur Verhüllung von Frauen im Iran und das Verbot, dort öffentlich auftreten zu dürfen.

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Dem „Leichtsinn“ verfallen ist hingegen der Karikaturist und Illustrator Klaus Puth. Was aber nur auf seine Rohrfederzeichnungen zutrifft, denn das sensible Arbeitsgerät entzieht sich manchmal der Kontrolle und kann im Endergebnis schon mal für eine ungewollte Überraschung sorgen. In Speyer zeigt Puth Illustrationen, die sich an Märchen der Gebrüder Grimm, Kurzgeschichten von Franz Kafka und Gedichten des französischen Poeten François Villon (1431 bis 1463) orientieren.

„Curva“ hat der Bildhauer Achim Ribbeck einen lebensgroßen Frauenakt aus Lindenholz benannt. Auf einem zylindrischen Sockel aus Ulmenholz stehend, wecken betont gewölbte Körperformen, die wallende Haarpracht und der sinnlich zur Seite geneigte Kopf Assoziationen an die Bedeutung der Namensgebung. Die Bezeichnung stammt aus Polen, wird dort korrekt „Curwa“ geschrieben und häufig als vulgäres Schimpfwort gegenüber Prostituierten verwendet.

Zu den 60 Exponaten zählen ferner technische Motive wie die in Öl und Acryl auf Nessel gemalte „Hebelwirkung“ von Nicolas Vassiliev sowie abstrakte Farbräume in Öl auf Papier von Yuriy Ivashkevich. Das Genre Stillleben bedient im weitesten Sinne Joerg Eyfferth. Seine in altmeisterlicher Technik mit Öl auf Leinwand gemalten Gläser, Schalen und Früchte gehören ästhetisch und technisch mit zum Besten, was die Szene zu bieten hat. Ganz anders äußert sich Norbert Komorowski, der unter dem Titel „Spielzeugwelt“ eine kleine Serie in Öl auf Leinwand vorstellt, auf der sich individuelle Biker, Radler und Roboter ein Stelldichein geben.

Weiterhin stellen aus: Heidi Böttcher-Polack, Inge Helsper-Christiansen, Martin Konietschke, Matthias Kraus, Uli Mai, Michael Siebel, Ink Sonntag-Ramirez Ponce, Clemens Maximillian Strugalla, Andreas Wald. Abschließend ist festzuhalten, dass in der Werkschau Arbeiten von teilweise preisgekrönten Künstlern zu sehen sind, die regelmäßig national und international ausstellen und nahezu alle entweder über ein Kunststudium verfügen oder kunstnahe Diplome erworben haben.

Info: Geöffnet ist donnerstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr. Anmeldung unter 06232/14 23 99.