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Scheinbar endloses Warten, Zukunftssorgen und das Trauma der Flutnacht mit 134 Toten – das Leben an der Ahr ist rund ein Jahr nach der Katastrophe noch lange nicht wie vorher

„Die Aufbau-Euphorie ist verflogen“

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Meterhoch türmen sich am 19. Juli 2021 Wohnwagen, Bäume und Schrott an einer Brücke in Altenahr-Kreuzberg (l.). Knapp ein Jahr später wächst Gras auf der ehemaligen Eisenbahnbrücke. © Boris Roessler/dpa

Der 69 Jahre alte Bernd Gasper aus dem Ahr-Ort Altenburg weiß knapp ein Jahr nach der Flutkatastrophe noch immer nicht, wohin er zurückkehren kann. Sein älterer Bruder Gerd und dessen Frau Elfriede hoffen dagegen, im Herbst wieder in ihr Haus einziehen zu können. „Es wird dann aber einsam“, sagt der 81-Jährige. Denn im schwer zerstörten Altenburg leben kaum noch Menschen, Schwalben nisten in leerstehenden Häusern, immer wieder wird auch noch eins abgerissen.

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Bernds Sohn Achim fehlt – wie seinem Vater – eine klare Perspektive. Achims Haus in Altenburg steht zwar noch, er muss nach Problemen mit seiner Versicherung aber in seinem Übergangsquartier bei Münster in Nordrhein-Westfalen den Ausgang eines Gutachterverfahrens abwarten.

Wolfgang Ewerts aus Insul hat an Pfingsten endlich wieder Gäste in seinem neu aufgebauten Biergarten bewirtet und wollte eigentlich auch gleich das Hotel wieder öffnen. Nach einem Rohrbruch mitten in der Nacht muss er jetzt aber aus den frisch sanierten Gasträumen wieder nagelneues Mobiliar und Böden entfernen. „Wir müssen weiter kämpfen“, sagt der Hotelier mitgenommen. Nach zwei Jahren Corona und einem Jahr pausenlosem Wiederaufbaus ohne Einnahmen gehe das Geld langsam aus – trotz Versicherung.

Ewerts, der als Kind in der Ahr schwimmen gelernt hat, wundert sich auch über die deutlich verlangsamte Fließgeschwindigkeit des Rhein-Nebenflüsschens und die vielen Algen. Er fürchtet, dass die Wasserqualität in der Sommerhitze kippt.

Nach 16 gemeinsamen Jahren in einem gemieteten Haus in Insul versuchen Manuela Göken und ihr Partner Daniel Schmitz sich jetzt einige Kilometer bergaufwärts in einem kleinen Häuschen ein neues Leben aufzubauen. „Das Ortsbild ist komplett anders“, sagt Göken vor ihrem einst mit viel Detail-Liebe gestalteten Garten in Insul. Seit der Flut ist er nur noch eine triste Brachfläche.

„Kommt Ihr zurück?“, fragen die Insuler, die an dem Paar vorbei fahren. Gerade Schmitz ist nach der traumatischen Flutnacht aber über die neue Wohnlage rund 400 Meter über der Ahr froh. „Man meint, es geht. Aber bei Starkregen kommt dann alles wieder hoch“, erzählt er. Göken beschreibt das Trauma mit Tränen in den Augen so: „Bei Starkregen kann ich erahnen, wie mein Daniel und der Hund in der Nacht gelitten haben müssen.“

Die Kellnerin hatte am Abend der Sturzflut – dem 14. Juli 2021 – in Bonn Bad-Godesberg gearbeitet und war wegen der Sturzflut nicht nach Hause durchgekommen. Festnetz und Handy funktionierten nicht mehr, ihr Mann war nicht erreichbar. In großer Sorge versuchte sie verzweifelt, im Internet mehr zu erfahren. Dabei stieß sie am nächsten Tag zufällig auf ein dpa-Foto, das ihren Freund an ihrem Haus in Insul auf einem Wassertank vor den Trümmern der Katastrophe zeigt. „Das war das allerallererste Lebenszeichen, das ich von ihm hatte.“

Der Frühsommer 2022 hat dem Ahrtal zwar frisches Grün, einige Blumen und Wärme gebracht. Die schlimmen Erlebnisse, die Zukunftssorgen und das zermürbende Warten auf die Rückkehr in ein früheres Leben oder wenigstens auf eine Perspektive kann er aber nicht vertreiben.

„Die Aufbau-Euphorie ist verflogen“, sagt Bernd Gasper, dessen Familie seit Generationen in Altenburg lebt. „Es ging weder unbürokratisch, noch schnell. Die Realität hat uns eingeholt“, sagt der 69 Jahre alte Mann zu den oft gehörten Versprechungen. Die Idee von der Modellregion funktioniere auch nicht so richtig – offenbar aus Angst vor den Rechnungshöfen, wie er meint.

Ein Katastrophen- und Alarmplan Hochwasser für den Kreis fehle nach wie vor. Gasper vermisst auch einen Hochwasserschutzplan für die rund 85 Kilometer lange Ahr – von der Quelle im nordrhein-westfälischen Blankenheim in der Eifel bis zur Mündung in den Rhein in Sinzig.

„Die Politik hat sich in dieser Krise nicht mit Ruhm bekleckert“, formuliert es Winzer Alexander Stodden aus dem Weinort Rech. Dies gelte aber ausdrücklich nicht für die Ortsebene wie den ehemaligen ehrenamtlichen Recher Ortsbürgermeister Dominik Gieler. Der CDU-Politiker ist inzwischen hauptamtlicher Bürgermeister der Verbandsgemeinde Ahrweiler und somit Nachfolger der zur Landrätin gewählten Cornelia Weigand (parteilos).

„Es macht mich mürbe, dass es nicht vorangeht“, sagt Stodden. „Es gibt keine Materialien und keine Handwerker.“ Seit Wochen warte er etwa auf den Maler und auf eine längst bestellte Brandschutztür. Die bei der Sturzflut entstandenen Schäden in seinem Familienbetrieb von 1900 – dem renommierten Rotweingut Jean Stodden – hätten Gutachter inzwischen auf rund zwei Millionen Euro beziffert.

Nach monatelangem Schuften werde er jetzt immer wieder gefragt, ob er denn überhaupt Wasser gehabt habe. „Ich fühle mich ein bisschen wie in einer Oase hier drin“, sagt er in seinem Weinkeller. „Draußen herrscht noch das Chaos.“ Der Umsatz sei aber noch längst nicht wieder so hoch wie vor der Flut, auch weil an der Ahr Übernachtungsmöglichkeiten fehlten. „Die Leute kommen nicht, weil Bad Neuenahr noch eine Ruine ist, und Bad Neuenahr-Ahrweiler baut nicht auf, weil die Leute nicht kommen“, sagt Stodden. „Es fehlt Weitsicht.“

Gerd Gasper und seine Frau Elfriede warten auch auf Handwerker. Der Estrich habe eigentlich schon längst gelegt werden sollen. „Man kann gerade gar nichts machen“, sagt der 81-Jährige angespannt. Der Handwerker müsse 50 Baustellen bedienen, erzählt seine Frau.

„Uns sind schon zwei Häuser angeboten worden, aber ich weiß ja nicht, ob wir uns die leisten können“, berichtet Bernd Gasper. Ihr Haus in Altenburg – das Elternhaus der Brüder – wurde bald nach der Flutkatastrophe abgerissen. Die Investitions- und Strukturbank (ISB), die die Zahlungen aus dem mit rund 30 Milliarden Euro ausgestatteten Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern übernimmt, habe über seinen im Spätherbst 2021 abgegebenen Antrag noch immer nicht entschieden. Anfang Mai habe er zwar ein Schreiben von der ISB bekommen, darin sei er aber nur gefragt worden, ob er inzwischen ein Neubau-Grundstück gekauft habe. „Wovon hätte ich das bezahlen sollen?“

Trotzdem plant Bernd Gasper – der mit seiner Frau in einem Ausweichquartier nahe Bonn wohnt – schon mit einem ehemaligen Nachbarn den Schnitt einer Hecke an der St. Maternus Kapelle in Altenburg. „Die Steinbeißer fangen wieder an“, sagt der umtriebige Rentner und meint damit seinen Verein, der viele Jahre so manches ehrenamtlich im Dorf gestaltet hat. „Es ist zwar wieder grün hier, aber keiner kümmert sich darum“, sagt sein Bruder Gerd.

Der 81-Jährige hofft, dass bis Weihnachten wieder etwas mehr Leben nach Altenburg zurückkehrt und es dann weniger einsam sein wird. Obwohl der Wiederaufbau seines Hauses mit Hilfe der Versicherung eigentlich gut funktioniere, seien die vergangenen Monate „nervlich sehr anstrengend“ gewesen.

Stodden sagt, seine Kinder im Alter von 12, 14 und 16 Jahren kämen mit der Situation klar. Sie freuten sich, dass ihr Pool wieder stehe und kämen inzwischen mit einem Bus gut ins rund zwölf Kilometer entfernte Schulcontainerdorf Ringen.

„Wir werden niemals das Geld bekommen, was wir verloren haben“, sagt Göken. „Aber mit dem, was wir bekommen haben, konnten wir gut starten.“ Sie und ihr Partner nähmen die gemeinsame Zeit seit der Katastrophe viel intensiver wahr. „Wir haben jetzt viel mehr Zeit für Familie“, sagt sie angesichts der auf gut 60 Quadratmeter geschrumpften Wohnfläche in ihrem neuen Heim. „Und wir sind so froh, dass wir uns haben.“

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