Die FIFA, nicht nur Katar

Von 
Stefan Kern
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Wir haben die falschen im Visier. Oder besser gesagt nicht alle. Ich will die Lebensbedingungen in Katar auf keiner Ebene schönreden. Die Menschenrechtslage ist absolut mangelhaft. Zu viel Geld, zu viel Macht in zu wenigen Händen, die dann auch noch, wie es Katars WM-Botschafter gerade getan hat, Homosexualität als „geistigen Schaden“ bezeichnen. Und dann der gigantischer Naturverbrauch. Bei den Kohlendioxid-Emissionen ist Katar mit über 34 Tonnen pro Kopf sogar der größte Pro-Kopf-Kohlendioxid-Emitent weltweit. Nur zum Vergleich: In Deutschland sind es rund elf Tonnen. Die Mängelliste zu diesem kleinen Land am Persischen Golf ist lang. Aber das Eigentliche gerät aus dem Blick, denn das alles war schon vor zwölf Jahren, damals, als die Fußball-Weltmeisterschaft an Katar vergeben wurde, bekannt. Aus dem Blick geraten die „Fédération Internationale de Football Association“ (FIFA) und das ganze System Fußball, das mittlerweile zu einem völlig korrupten und auf allen Ebenen menschenverachtenden Geschäft wurde. Es ist wohlfeil, den Katarern Korruption vorzuwerfen, wenn das ganze FIFA-Vergabesystem darauf beruht. Sie lernten einfach nur sehr schnell, dass rund um den internationalen Fußballverband alles käuflich ist. Ich erinnere mich an einen Vorfall 2013. Karl-Heinz Rummenigge nahm als Vorsitzender der European Club Association an einem sehr luxuriös gestalteten Treffen in Doha, der Hauptstadt Katars, teil. Der Zweck, so andere Teilnehmer dieses Treffens damals, war offensichtlich: Katar war massiv unter Druck, das Land brauchte Unterstützung. Die Winter-WM in Katar sollte als eine gute Idee verkauft werden. Eine Woche nach seiner Rückkehr erklärte Rummenigge erstmals, dass die Weltmeisterschaft im Winter in Katar in Ordnung gehe. Pikant daran war, dass er dazwischen am Flughafen mit zwei Rolex-Uhren erwischt wurde, die er unverzollt im Gepäck mit dabeihatte. Sie sollen von einem Freund stammen und hätten mit Katar nichts zu tun. Was auch immer wahr ist, es sieht zumindest extrem ungeschickt aus.

Doch angesichts des Bestechungsreigens, der die Weltmeisterschafts- und übrigens auch die Europameisterschaftsvergaben schon seit Jahrzehnten begleiten, schmilzt diese Geschichte zur Petitesse. Das Problem ist nicht der Fußball, auch nicht die Spieler und in diesem Kontext nicht einmal Katar, das Problem ist die FIFA (und die UEFA) an sich. Sie zerstören den Fußball und niemand anders. Die FIFA erwirtschaftete in ihrer aktuellen Vierjahres-Ertragsperiode, die mit dem Jahr der Weltmeisterschaft jeweils schließt, fast 5,7 Milliarden US-Dollar.

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Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.