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Im Interview - Vorsitzender Bernd Straub begründet Rückzug der SV 1930 Hockenheim aus der Schach-Bundesliga / Endrunde ab Donnerstag in Berlin

„Lieber ein gesunder als ein insolventer Verein“

Von 
Andreas Lin
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Für die Schachvereinigung 1930 Hockenheim beginnt an diesem Donnerstag quasi das Abschiedswochenende aus der Bundesliga – im besten Falle mit dem deutschen Meistertitel. Denn bis zum Sonntag wird die seit Frühjahr 2020 unterbrochene Saison 19/20, in der das ungeschlagene und verlustpunktfreie Rennstadtteam zusammen mit Seriensieger Baden-Baden an der Tabellenspitze steht, mit einer zentralen Endrunde in Berlin zu Ende gespielt. Danach wird das Team nach einem Beschluss des Vereinsvorstands aus der höchsten Klasse zurückgezogen und in der Oberliga ein Neuanfang gemacht. Im Interview erklärt SVH-Vorsitzender Professor Dr. Bernd Straub (Bild) die Entscheidung, wie er die Chancen am Wochenende und die Zukunft des Vereins sieht.

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© Sabine Zeuner

Was gab den Ausschlag dafür, die Bundesliga-Mannschaft zurückzuziehen?

Infos zur Endrunde

Bei der Endrunde in Berlin werden die nach der Weltrangliste besten Spieler der SV 1930 Hockenheim aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zur Verfügung stehen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Nach dem derzeit letzten Stand der Dinge wird ein Rumpfteam mit den deutschen Großmeistern Arik Braun, David Baramidze, Rainer Buhmann und Dennis Wagner mit einigen ausländischen Spielern verstärkt die Reise nach Berlin antreten.

Hockenheim spielt am Donnerstag gegen Hamburg und Kiel, am Freitag gegen Dresden und Berlin, am Samstag gegen Speyer-Schwegenheim und Baden-Baden sowie am Sonntag gegen Deizisau. zg

Professor Dr. Bernd Straub: Es gab etliche Gründe. Ich zitiere aus unserem Schreiben an die Schachbundesliga (SBL/Red.): „Ein Grund der einmütigen Entscheidung des Hockenheimer Vorstands und seiner zentralen, langjährigen Bundesliga-Spieler ist der Ärger über erhebliche finanzielle Verluste und Benachteiligungen durch den Rückzug des SV Lingen und DJK Aachen in den Vorjahren sowie die extrem kurzfristige und teure Absage unseres Spiels in Hamburg 2020 durch die SBL – alles fast ohne Kompensation. Hinzu kommt eine sehr frühe Rückmeldefrist, die uns in diffuser gesellschaftlicher Corona-Lage die finanzielle Planungsfähigkeit für die nächste Saison nimmt. Wir Hockenheimer möchten kein Risiko eingehen, nach DJK Aachen und SV Lingen die dritte Mannschaft in Folge zu sein, die nach Saisonbeginn in der SBL ihre Mannschaft zurückzieht. Diese Problematik der zu frühen Rückmeldefrist hatte ich in der letzten SBL-Sitzung in klaren Worten angesprochen. Langfristig haben wir auch keine Lust, ein gut gemeintes, aber bürokratisch erstickendes Regelwerk zu ertragen, das im Namen der Jugendförderung vor allem nutzlose Funktionärsbeschäftigung bewirken dürfte und einseitig Großstadtvereine bevorzugt. Wir wünschen der Schachbundesliga, dass sie 16 spielbereite Vereine für die nächste Saison findet und zur Abwechslung im Jahr 2022 auch wieder einmal mit 16 Mannschaften abschließen kann.“

Hätte es Möglichkeiten gegeben weiterzumachen, so wie es Manager Dieter Auer und Mannschaftsführer Blerim Kuci vorhatten?

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Straub: Mit der dreimaligen Ablehnung des Oberschiedsrichters Kohlstädt per Mail und des Bundesliga-Vorsitzenden Markus Schäfer in einer Schachbundesliga-Sitzung auf unser Drängen, Hockenheim mehr Zeit bis Mitte Oktober für eine Rückmeldung für die nächste Saison zu geben, wäre eine frühe und fristgerechte Rückmeldung zum 31. August verantwortungslos gewesen. Die Alternative wäre eine Meldung für die neue Saison mit der sehr hohen Wahrscheinlichkeit gewesen, mitten in der Saison pleite zu gehen und dadurch mitten in der Saison abbrechen zu müssen: Verantwortungslos gegenüber dem Ansehen des Schachsports, der Schach-Bundesliga und dem Verein SV 1930 Hockenheim.

Wie war die Reaktion?

Straub: Interessanterweise reagierten die Bundesliga-Verantwortlichen auf unser Rückzugsschreiben geschockt und verlängerten danach einem anderen Verein die Rückmeldefrist. Die Verantwortlichen der Schach-Bundesliga nehmen es erstaunlich gelassen hin, wie Jahr für Jahr ein Verein nach Beginn der Saison seine Mannschaft zurückzieht. Die Schachvereinigung 1930 möchte es unbedingt vermeiden, selbst in eine solche Lage zu kommen. Die riesige finanzielle Lücke in der Planung für eine Spielzeit in der Bundesliga hat sich in den sechs Wochen seit dem Rückzug etwas zurückgebildet, aber die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz in der Bundesliga wäre Stand Mitte Oktober immer noch beträchtlich, hätten wir uns für die neue Saison in der Bundesliga gemeldet. Die Corona-Pandemie und ihre finanziellen, gesellschaftlichen und organisatorischen Konsequenzen sind leider noch nicht vorbei. Warum sollten wir das finanzielle Risiko einer Rückmeldung auf uns nehmen, wenn die Bundesliga – selbst ohne die Corona-Schwierigkeiten – Jahr für Jahr immer unattraktiver wird?

Waren die beiden in die Entscheidungsfindung mit einbezogen?

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Straub: Unser Ehrenvorsitzender Dieter Auer war bei der entscheidenden großen Vorstandssitzung am 20. August mit allen unseren deutschen Bundesliga-Spielern anwesend und trug nach detaillierter Diskussion und Abwägung aller Optionen die Entscheidung rational mit. Von der emotionalen Seite war er über die Entscheidung natürlich nicht glücklich. Er hat über viele Jahre sehr viel Zeit und Herzblut und Arbeit in die Hockenheimer Bundesliga-Mannschaft investiert. Als Vorsitzender des Vereins hatte ich an den digitalen Bundesliga-Sitzungen in der Corona-Zeit teilgenommen und mich eng mit Günter Auer abgesprochen, der eine zentrale organisatorische Rolle im Verein wahrnimmt. Mannschaftsführer Blerim Kuci hatte sich in der Corona-Zeit weitgehend zurückgezogen, war am Tag der Vorstandssitzung in Urlaub und per Mail nicht erreichbar. Er übernimmt aber wieder die Mannschaftsführung in Berlin zur Endrunde. Die Unterlagen aller internen und externen Sitzungen stehen ihm offen, so dass er sich über alle Fakten informieren kann, wenn er möchte.

Wird jemand aus dem aktuellen Kader in der nächsten Saison für die SV in der Oberliga antreten?

Straub: Großmeister Rainer Buhmann mit seinen familiären Wurzeln in Hockenheim will immer wieder für Hockenheim in der Oberliga antreten. Wir haben eine neue, sehr spielstarke Oberliga-Spielerin in unserem Kader. Den internationalen Weltklassespielern haben wir für Ihren oft jahrelangen Einsatz gedankt und möchten mit ihnen in Berlin mit einem großen Knall abtreten: der deutschen Meisterschaft.

Wie sehen Sie die Zukunft des Schachsports in Hockenheim?

Straub: Wir sind wieder dort gelandet, wo wir vor über zehn Jahren abgehoben sind. Lieber ein gesunder Verein in der Oberliga Baden als ein insolventer Verein, der in der ersten Bundesliga verstirbt. Unser Fokus zielt darauf ab, im ersten geimpften Winter nach Corona das Vereinsleben in Präsenz wieder zu genießen und das Präsenz-Jugendschach wiederzubeleben.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie ins Bundesliga-Wochenende?

Straub: Wir haben eine Chance auf die deutsche Schach-Mannschaftsmeisterschaft in Berlin. Baden-Baden ist der Goliath, Hockenheim steht für David. Meistens gewinnt Goliath – aber nicht immer. Bild: zeuner

Autor Stv. Redaktionsleiter + Lokalsportchef Schwetzinger Zeitung

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