Fußballgeschichte - Als ein Lokalderby zwischen Schwetzingen und Hockenheim 1931 in einer Massenschlägerei mündete „Wahllos drosch man aufeinander los“

Von 
Andreas Lin
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Die Corona-Zeiten bringen einen auch zum Aufräumen. Die Tiefen des Schreibtischs förderten eine Fußballepisode zutage, die noch dazu aus der Region ist. Es handelt sich um ein Lokalderby zwischen dem SV 98 Schwetzingen und dem FV 08 Hockenheim aus dem Oktober 1931. Wir hatten schon einmal vor vielen Jahren kurz über dieses Ereignis berichtet, inzwischen ist aber der gesamte Spielbericht aus der Schwetzinger Zeitung samt den Ergänzungen der Polizei aufgetaucht.

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Der Schluss des Spielberichts im Sportteil (es stand übrigens 3:0 für Schwetzingen): „15 Minuten nach Wiederbeginn kam dann der dramatische Schluss: Im Interesse der Wahrheit seien hier die Tatsachen, so wie sie sich abspielten, chronologisch wiedergegeben: Der Mittelläufer von Hockenheim, ein sonst begabter Spieler, machte, obgleich wegen desselben Vergehens vorher verwarnt, ein ganz grobes Foul an Hambsch. Der Schiedsrichter verwies ihn mit Recht des Spielfeldes. Der Spieler wollte auch anstandslos weggehen, als der Vorsitzende des FV Hockenheim in das Spielfeld rief: „Es gehen alle Spieler von Hockenheim vom Platz.“ Die Hockenheimer Spieler folgten auch diesem Ruf. Der Verteidiger Dörfer fand es nun noch für nötig, vor seinem Weggehen dem Mittelstürmer Simon einen so wuchtigen tritt auf den Unterleib zu versetzen, dass Simon zusammenbrach und sich an Ort und Stelle einer ärztlichen Behandlung unterziehen musste.

Auch der Hockenheimer Torwart glaubte, dem Verteidiger Spelger noch einen kräftigen Faustschlag versetzen zu müssen, ehe er das Feld verließ. Die Hockenheimer Anhänger, geführt von dem Vereinsvorsitzenden, drangen nun, vollkommen unnötig, in das Spielfeld ein. Selbstverständlich eilte dann die Schwetzinger Platzordnung, verstärkt durch die Polizei, zum Schutze der Schwetzinger Spieler ins Spielfeld und binnen weniger Minuten war der Sportplatz geräumt. Der Schiedsrichter pfiff dann, da die Hockenheimer Mannschaft dem Rufe ihres Vereinsvorsitzenden gefolgt war, zugunsten Schwetzingens ab. Wie wir hören, wird wegen der schweren Körperverletzung Simons Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft gestellt.“

Der Bericht im Lokalteil

„Massenprügelei auf dem Sportplatz“ hieß die Überschrift. Darunter stand: Auf dem westlichen Schlossgartensportplatz kam es gestern Nachmittag während des Verbandsspiels Schwetzingen – Hockenheim zu einer Prügelei, wie sie in Schwetzingen noch nie zu verzeichnen war. Anlass zu den Zwischenfällen gab das sportwidrige Verhalten der Hockenheimer Spieler sowie des Vorsitzenden des Hockenheimer Vereins (siehe Bericht im Sportteil). Was sich dann abspielte, kann man nur mit Abscheu schildern. Die Spielstätte verwandelte sich im Nu in ein Prügelfeld und es ging zu wie im berühmten „Bollelied“... Wahllos drosch man aufeinander los, Stöcke tanzten über und auf den Köpfen, kräftige Boxhiebe und Fußtritte ergänzten überzeugend und schlagkräftig die Auseinandersetzungen. Ein Hockenheimer Spieler erlitt schwere Verletzungen. Simon vom Sportverein war schon vorher k. o. geschlagen worden. Einige Hockenheimer flüchteten über die Mauer, wateten durch den Kanal und flohen mit ganz durchnässten Kleidern in Richtung Hockenheim. Die Sanitätskolonne musste eingreifen und leistete zahlreichen Verletzten die erste Hilfe.

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Vier Polizeibeamte schlugen mit den Gummiknüppeln und den Seitenwaffen die prügelnde Masse auf dem Sportplatz auseinander. Der Polizei ist es zu danken, dass die Ausschreitungen nicht Formen angenommen haben, die schließlich mit Mord und Totschlag geendet hätten. Für den Fußballsport sind die gestrigen Ereignisse in Schwetzingen ein großes Debakel.

Der Polizeibericht

Der Polizeibericht gibt zu den Vorgängen folgende Darstellung: „Nachmittags 3 ¾ Uhr entstand auf dem westlichen Sportplatz während eines Verbandsspiels Schwetzingen - Hockenheim eine Schlägerei. Ein Spieler der Hockenheimer Mannschaft musste vom Schiedsrichter wegen rohen Spiels aus dem Spielfeld verwiesen werden. Ein weiterer Hockenheimer Spieler trat einem Schwetzinger Spieler auf den Leib. Dies war Anlass für Spieler des Fußballvereins Hockenheim (FVH), gegen Spieler des Sportvereins Schwetzingen (SVS) tätlich vorzugehen. Der Vorstand des FVH forderte zum Spielabbruch und zum Betreten des Spielfelds auf. Hierauf sprachen etwa 70 bis 100 Personen des FVH als auch ebenso viele des SVS in das Spielfeld und schlugen mit Stöcken und Fäusten aufeinander und auf die jeweiligen gegnerischen Spieler ein. Es entwickelte sich in kürzester Zeit eine regelrechte Schlägerei.

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Die Polizei griff sofort bei Beginn der Gewalttätigkeiten energisch ein und es gelang ihr, unter Anwendung der Gummiknüppel und der Seitenwaffen, die Schlägerei in kurzer Zeit zu unterdrücken. Einige Mitglieder und Spieler des FVH mussten unter polizeilichem Schutz vom Platz gebracht werden. Außer der Polizei musste auch die Sanitätskolonne eingreifen. Dr. Menges leistete den zahlreichen Verletzten die erste ärztliche Hilfe. Es entstanden zahlreiche Kopfverletzungen, verursacht durch Stockschläge.“

Autor Stv. Redaktionsleiter + Lokalsportchef Schwetzinger Zeitung