Fußball-WM 2022

Phänomen Panini: Das Eckige muss ins Eckige

Der Gedanke an die Sticker und Sammelalben löst bei vielen Fußballfans Nostalgie aus – doch nach der Weltmeisterschaft 2022 in Katar ist damit Schluss.

Von 
Johannes Blem
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Der Gedanke an die Sticker und Sammelalben löst bei vielen Fußballfans Nostalgie aus – doch nach der Weltmeisterschaft 2022 in Katar ist damit Schluss. © Khaled Daoud / Panini

Rhein-Neckar-Kreis / Katar. Es ist Frühsommer 2006. Endlich ertönt das erlösende Läuten der Pausenglocke. Wie gewohnt stürmen meine Freunde und mein neuenjähriges „Ich“ voller Elan aus dem Schulgebäude. Doch heute werden Klettergerüst und Sandgrube links liegen gelassen. Warum? Es ist Fußball-WM. Und Fußball-WM ist Panini-Zeit! Statt geklettert, getobt und gerannt wird gehandelt, getauscht und gefeilscht. Objekte der Begierde: die kleinen rechteckigen Klebebildchen mit den Konterfeis der globalen Kicker-Elite.

Paninibild von Jogi Löw © Panini

Um dem Ziel der Ziele, das 64-Seiten- Sammelheft voll zu machen, jeden Tag ein Stückchen näher zu kommen, geht es zwischen uns rotznäsigen Viertklässlern so knallhart her wie auf manchem orientalischen Basar: Mein Alberto Gilardino gegen deinen David Trezeguet, vier Mauro Camoranesis gegen einen Ronaldinho oder das Verbands-Emblem von Trinidad und Tobago gegen Bastian Schweinsteiger. Kam es zum Geschäft, wurde die neueste Errungenschaft zeremoniell und in millimetergenauer Präzisionsarbeit ins Album geklebt.

Brisante Stichprobe

Auch nach wochenlangem Sammeln und Tauschen ist das vermaledeite Bildchen von Florian Wirtz einfach nicht zu finden. Dafür tummeln sich sechs Manuel Neuers in der eigenen Kollektion – und vielen Freunden geht es ähnlich. Zwar gibt Panini an, alle Sticker würden in gleicher Menge gedruckt und verkauft. Dem geneigten Sammler fällt das aber hin und wieder schwer zu glauben. 2018 lieferte eine umfassende Stichprobe des Spiegel dazu brisante Ergebnisse.

Mithilfe der Internet-Tauschplattform „stickermanager.com“ wertete das Magazin 1,2 Millionen Aufkleber deutscher Sammler aus. Von den insgesamt 678 Motiven gab es über fast alle Mannschaften verteilt 50 extreme Ausreißer. Sie waren nur etwa halb so oft vertreten wie der Rest. Zufall? Der Stochastik-Experte Christian Hesse von der Universität Stuttgart hält das für nahezu ausgeschlossen, die Abweichungen seien „statistisch extrem signifikant“. Ein Blick in die Schweiz zeigte derweil ein ganz anderes Resultat: Die Auswertung von 2,36 Millionen Stickern ergab eine nahezu mustergültige Gleichverteilung.

Ohne Zweifel, Panini-Sticker prägen seit Jahrzehnten ganze Generationen begeisterter Fans des runden Leders. 1961 verkauften die Brüder Giuseppe und Benito Panini die ersten Fußballsammelbilder mit Spielern der italienischen Serie A. Zur WM in Mexiko 1970 wagte das Unternehmen aus Modena den internationalen Sprung, 1979 erschien das erste Bundesliga-Album. Heute beschäftigt Panini mehr als 1200 Mitarbeiter und vertreibt in über 150 Ländern. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Russland verbuchte die Firma einen Umsatz von etwas über einer Milliarde Euro.

Erwischt!

Im Sommer 2006 erreichte das Panini-Fieber auch den nordrhein-westfälischen Landtag. Der damalige Bauminister Oliver Wittke wurde während einer Debatte über Arbeitsmarktpolitik vom WDR dabei gefilmt, wie er 15 Minuten lang Fußballbildchen in sein Heft einklebte. Die Medien tauften Wittke anschließend „Minister für Sammelleidenschaft“.

Das anstehende Turnier in Katar wird aber vorerst der letzte Titelkampf mit Panini-Beteiligung sein. Für die EM 2024 hat der Fußballverband Uefa die Rechte an das US-amerikanische Unternehmen „Topps“ veräußert – wer am meisten Kohle zahlt, bekommt eben den Zuschlag. Werden zukünftige Generationen das Wort „Panini“ also nur noch mit einem italienischen Sandwich assoziieren? Es endet eine Ära. Von Franz Beckenbauer, Diego Maradona und Lothar Matthäus bis hin zu Zinédine Zidane und Lionel Messi. Sie alle waren begehrte Panini-Beute der modernen Jäger und Sammler – eine Tätigkeit, die seit jeher verbindet.

Paninibild von Oliver Kahn © Panini

Geht es darum, dass das Eckige ins Eckige muss, spielen Alter, Herkunft und Beruf keine Rolle. Alles was zählt, ist, ob das Gegenüber in seiner Brotdose mit den vielen Doppelten den verfl ixten Aufkleber hat, der im eigenen Heft noch fehlt. So sind die Sticker zu fußballerischem Kulturgut geworden. Und unfreiwillig auch zu amüsanten Zeitzeugen vergangener Modeund Frisurentrends. Wallende Lockenmähnen, kaiserlich anmutende Schnauzbärte und abenteuerliche Trikotkrägen bringen Jung und Alt heute zum Schmunzeln. Beim Thema Panini und Taschengeld dürfte dem einen oder anderen das Lachen vergangen sein.

Ärgerliche Geschenke

Im Vorfeld der EM 2016 in Frankreich ließ Panini mehrere Tausend leere Sammelalben (Wert pro Heft: zwei Euro) an Grundschulen in ganz Deutschland schicken – unaufgefordert und kostenlos. Was viele Schüler freute, erzürnte deren Eltern und Lehrer. Schließlich bleibe es selten bei einem leeren Heft, die Kinder würden „angefixt“ und zu kommerziellen Zwecken instrumentalisiert. Panini bestritt, die Schulen zu Werbezwecken beliefert zu haben. Die Alben seien nur nach Genehmigung der jeweiligen Schulleitung versendet worden. Der Erfolg der Aktion dürfte jedenfalls überschaubar gewesen sein. Diversen Lokalzeitungen zufolge gaben Schulen die Hefte nicht an ihre Schüler weiter.

Auch ich erinnere mich gut an die saftige Standpauke meiner Mutter, die meinem stolzen, wenngleich nicht abgesprochenen Erwerb von zig Panini-Tütchen im Wert des ganzen Ersparten folgte. Einziger Pluspunkt aus heutiger Perspektive: Ich bekam für meine Münzen noch ordentlich Wert. 50 Cent kostete damals ein Päckchen mit fünf Bildern. Der aktuelle Preis für die gleiche Ware liegt bei einem Euro. Ein teures Vergnügen. Der Mathematiker Paul Harper von der Universität Cardiff errechnete, dass für ein volles Katar-Heft im Schnitt rund 1000 Euro berappt werden müssen. Dabei benötige man für die letzten 19 Sticker statistisch genauso lange wie für die 651 zuvor.

Die Kehrseite des Klebens

Bei allem Sammelspaß und Tauschvergnügen hat das Panini-Prinzip auch einen großen Haken:

Es ist aus ökologischer Sicht wenig nachhaltig. Zwar tragen die Alben und Stickertütchen seit der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien das FSC-Mix-Siegel. Dieses Siegel garantiert, dass das enthaltene Produkt zu mindestens 70 Prozent aus recyceltem oder FSC-zertifiziertem, also aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung stammendem Material besteht. Die eigentlichen Sticker sind jedoch aus Plastik – das nicht recycelbar ist.

Die klebende Seite der Sammelbilder kann aufgrund des Klebstoff s nicht von Recyclingmaschinen verarbeitet werden. Er beschädigt die Anlagen. Und das Trägerpapier ist mit einem dünnen Silikonfilm überzogen. Der sorgt dafür, dass sich die Bildchen leicht abziehen lassen. Doch selbst modernste Recyclingunternehmen sind noch nicht in der Lage, diese Silikonschicht zu entfernen und das Material wiederzuverwerten.

Panini macht keine Angaben zu den verkauften Mengen. Schätzungen zufolge gingen im Zuge des „Sommermärchens“ 2006 allein in Deutschland 160 Millionen klebende Konterfeis über die Ladentheken. Während der WM 2010 waren es 90 Millionen. Man muss kein Mathematikprofessor sein, um das globale Ausmaß des entstehenden Plastikmülls zumindest grob zu erahnen. Dies trübt die Tauschfreude erheblich.

Durch Tauschen könnten die Kosten auf etwa 280 Euro reduziert werden. Andererseits kann das Sammeln mit viel Geduld auch eine rentable Wertanlage sein. Ein vollständiges, gut erhaltenes Album der WM 1974 wechselte zuletzt für rund 3500 Euro den Besitzer. Denke ich jedenfalls an den Sommer 2006 zurück, verfalle ich leicht in nostalgisches Schwelgen über unbeschwerte Tausch-Mittage auf dem Schulhof. Aber dass mir zum vollständigen Heftchen nur das iranische Abwehr-Ass Sohrab Bakhtiarizadeh und der tschechische Stürmer-Star Vratislav Lokvenc fehlen, wurmt mich noch immer. Bis heute kenne ich ihre Namen auswendig.

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