Hauptversammlung - Trotz teilweise heftiger Kritik stimmen die Aktionäre dafür, bis zu 5,5 Milliarden Euro aufzunehmen / Stellenabbau sorgt für Unmut

Lufthansa braucht weiteres Kapital

Von 
Rolf Obertreis
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Lufthansa-Chef Carsten Spohr will Staatshilfen zurückzahlen – muss dafür aber Geld besorgen. © dpa

Frankfurt. In der fortdauernden Corona-Krise ringt der Lufthansa-Konzern weiter um seine finanzielle Grundlage. Vorstand und Aufsichtsrat haben die Aktionäre auf der digitalen Hauptversammlung am Dienstag erfolgreich um einen Vorratsbeschluss gebeten, um in den nächsten Jahren bei günstiger Gelegenheit bis zu 5,5 Milliarden Euro neues Eigenkapital aufnehmen zu können – gegen zum Teil heftige Kritik. Wann er umgesetzt wird, ist laut Finanzvorstand Remco Steenbergen offen. Vorstandschef Carsten Spohr zufolge wird die Lufthansa die frischen Mittel zum Großteil für die Rückführung der staatlichen Stabilisierungsmaßnahmen nutzen: „Wir finanzieren uns lieber am Kapitalmarkt als beim Steuerzahler.“

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„Der Kranich hebt wieder ab“

Angesichts der weiter dramatischen Lage im Luftverkehr und der deutlich gestiegenen Verschuldung braucht die Lufthansa frisches Geld. Nach Angaben von Spohr lag die Eigenkapitalquote – bei einem verbliebenen Eigenkapital von zwei Milliarden Euro – Ende vergangenen Jahres bei nur noch 3,5 Prozent. Von den 6,8 Milliarden Euro, die die Bundesregierung zur Rettung der Lufthansa zugesagt hatte, habe man bislang nur 2,3 Milliarden Euro abgerufen, sagte Spohr den Aktionären.

„Gleichzeitig haben wir durch die Rückzahlung des KfW-Kredits eine Milliarde Euro bereits wieder getilgt, so dass wir aktuell beim Steuerzahler nur noch mit einer Milliarde Euro verschuldet sind.“ Außerdem sei der Wert der Lufthansa-Aktien, die der Bund hält, bislang im Wert um mehr als eine Milliarde Euro gestiegen.

Experten zufolge könnte die Kapitalerhöhung der Lufthansa sogar bis zu 20 Milliarden Euro an frischem Geld in die Kassen spülen. Die 5,5 Milliarden Euro beziehen sich nur auf einen Nominalkurs von 2,56 Euro, tatsächlich steht die Aktie aktuell bei mehr als elf Euro. Bis zu 2,1 Milliarden neue Aktie könnte die Lufthansa ausgeben.

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Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) begrüßte die Kapitalmaßnahme ausdrücklich ebenso wie Vanessa Golz von der DekaBank. Dagegen lehnte Michael Gierse von der Fondsgesellschaft Union Investment den „völlig überdimensionierten Kapitalvorratsbeschluss“ ab. Er fordert kleinere, schrittweise Kapitalmaßnahmen, bei denen die Aktionäre gefragt werden müssten und die Lufthansa mit einem überzeugenden Restrukturierungsplan aufwarten müsse: „Den können wir bislang nicht erkennen.“ Die Lufthansa betreibe nur halbherziges Krisenmanagement.

Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley betonte, dass die Insolvenz der Lufthansa ohne Staatshilfe unvermeidlich gewesen wäre. Mittlerweile sei das Unternehmen aber trotz des dramatischen Einbruchs in der Luftfahrt als Folge der Corona-Pandemie dank der starken Kostensenkungen „weit gekommen“. Lufthansa könne Krise. „Wir kommen wieder auf die Beine, der Kranich hebt wieder ab“, ist Kley überzeugt. Auch Spohr zeigte sich unter anderem wegen der Impffortschritte und ersten Aufhebungen von Reisebeschränkungen zuversichtlich.

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Die Erholung werde sich im zweiten Halbjahr beschleunigen. Er betonte aber auch, dass vor allem die Personalmaßnahmen „schmerzen“. Jede fünfte Beschäftigte habe das Unternehmen bereits verlassen, die Zahl der Führungspositionen sei um ein Fünftel reduziert worden. Allerdings müssen allein in Deutschland weitere 10 000 Stellen abgebaut, so Personalvorstand Michael Niggemann, oder die Kosten entsprechend reduziert werden.

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Das will Lufthansa über Freiwilligen-Programme erreichen, um nach dem Ende der Kurzarbeitsregelungen im nächsten Jahr Entlassungen vermeiden zu können. Dazu brauche man Vereinbarungen mit den Gewerkschaften, so Spohr. Er sei sich der großen gemeinsamen Verantwortung mit den Sozialpartnern bewusst, um die verbliebenen 100 000 Arbeitsplätze zu sichern.

Just zur Hauptversammlung gab es von Arbeitnehmerseite allerdings massive Kritik an Spohr. In einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin, die Bundesregierung, EU-Kommissarin Margrethe Vestager und die Parteien im Bundestag halten Vertreter der Lufthansa-Piloten und des Kabinenpersonals der Airline vor, die Staatshilfen in Teilen „zur Tarifflucht durch die systematische Verlagerung von gut tarifierten deutschen Arbeitsplätzen hin zu untarifierten Plattformen wie Eurowings Discover“ zu verwenden. In Eurowings Discover bündelt Lufthansa außerhalb des Tarifvertrags einen Teil der touristischen Fernflüge.

Korrespondent Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich für den Mannheimer Morgen und für andere wichtige Regionalzeitungen wie den Tagesspiegel/Berlin, die Badische Zeitung/Freiburg, die Südwest Presse/Ulm und den Münchener Merkur als Wirtschaftskorrespondent in Frankfurt. Banken, Europäische Zentralbank, Bundesbank, Börse und in Frankfurt ansässige Unternehmen wie Lufthansa und auch Verbände wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA zählen zu meinen Schwerpunkten. Daneben auch die Luftfahrt. Zudem befasse ich mich über die KfW Bankengruppe und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit Fragen der Entwicklungszusammenarbeit.