Essay

Die Lüge ist wichtig

Sie wird geächtet und verpönt. Öffentlich wird wohl niemand eine Lanze für sie brechen. Dabei ist das dringend notwendig. Denn die Sache mit der Lüge ist kompliziert.

Von 
Stefan Kern
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Die Sache mit der Lüge ist kompliziert. © Khaled Daoud

Rhein-Neckar-Kreis / Welt. Sie wird geächtet und verpönt. Öffentlich wird wohl niemand eine Lanze für sie brechen. Dabei ist das dringend notwendig. Denn die Sache mit der Lüge ist kompliziert. Sie hat zerstörerische Seiten, erschüttert Vertrauen und zersetzt menschliche Strukturen. Aber zugleich ist sie eben auch ein stabilisierendes Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts. So sehr es gilt, dass die Lüge gesellschaftliche Ordnung zerstören kann. So sehr gilt auch das genau Gegenteil. Eine Gesellschaft, in der jeder jederzeit gnadenlos die Wahrheit sagt, davon war der französische Schauspieler Jean Gabin überzeugt, würde zur Hölle auf Erden werden. Der Schriftsteller James Joyce brachte diesen Gedanken auf die Formel, „Der Erfinder der Notlüge liebte den Frieden mehr als die Wahrheit“. Und der Physiker Heinz von Foerster attestierte mit dem Satz, „die Rede von der Wahrheit zerstört die Einheit der Menschen“. Drei Gedanken, die auf den ersten Blick klar gegen allgemeine Überzeugungen laufen. Doch auf den zweiten Blick entwickeln sie einige erstaunliche Plausibilität.

Die Lüge ist wichtig: Ist jede verbale Aussage eine Lüge?

Ein erster Fallstrick lauert schon bei der Definition, oder genauer bei der Eingrenzung. Denn eine Entscheidung über das, was eine Lüge ist, ist nicht immer ganz einfach. Der italienische Sprachwissenschaftler Umberto Eco erklärte in seiner „Theorie der Lüge“, dass jede verbale Aussage eine Lüge sei. Denn jeder Ausdruck bedeute eine unüberbrückbare Differenz zur Wirklichkeit. Das was bezeichnet wird und das Bezeichnete sei nie das Gleiche und dementsprechend gelte, die Wahrheit zu sagen, ist dem Menschen nicht gegeben.

„Sprache ist ihrem Wesen nach trügerisch.“ Das Problem, so die Sprachwissenschaftlerin Roswitha Rust, sei hier aber die Gegenüberstellung von Lüge und Wahrheit. Einem Kind, das Rom zur Hauptstadt von Frankreich erkläre, müsste man bei dieser Gegenüberstellung der Lüge bezichtigen. Es sagt ja die Unwahrheit. Aber das würde dem Kind in Wirklichkeit wohl niemand unterstellen. Es verfügt einfach noch nicht über das Wissen. Zielführender ist die Gegenüberstellung von Lüge und Wahrhaftigkeit. Eine Lüge wird erst dann zur Lüge, wenn man etwas weiß oder glaubt, aber etwas anderes sagt. Keine Lüge ist es, wenn man die Unwahrheit sagt, aber davon überzeugt ist, dass es wahr ist.

Die Lüge ist wichtig: "Lügner halten die Menschheit zusammen"

Aber auch wenn man Absicht unterstellt, scheint die Lüge eine wichtige Funktion zu haben. Irgendeinen Sinn muss sie haben, sonst wäre die Lüge in den paar Tausend Jahren Zivilisationsgeschichte wohl schon längst untergegangen. Und diesen Sinn fasste ein internationales Wissenschaftlerteam im „Journal of the Royal Society Interface“ jüngst sehr drastisch zusammen. Ihr Fazit: „Lügner halten die Menschheit zusammen, Lügen sind ein Fundament der Gesellschaft“.

Dabei unterscheiden sie grob zwischen chronischen Lügnern, die eher selten sind und auch schnell ins gesellschaftliche Abseits geraten, und dem verhaltenen Lügner, der diese Sozialtechnik eher selten und auch nicht nur zu seinem persönlichen Vorteil nutzt. Letzterem kommt in der Studie gar die Bedeutung eines Brückenbauers zu. Vor allem die sogenannte sozialverträgliche Lüge oder Täuschung sei für den sozialen Zusammenhalt unabdingbar. Dabei darf aber genau das nie zugestanden werden.

Die Lüge ist wichtig: Schon Kinder greifen zur Lüge

Eine enttarnte Lüge kann einige Wucht entfalten und Harmonie und Zusammenhalt aushebeln. Heißt, die Lüge muss moralisch verwerflich bleiben, auch wenn sie für das soziale Miteinander unerlässlich ist. Einer Frau oder einem Mann zu sagen, sie oder er sehe gut aus, auch wenn die Schlafringe unter den Augen niemandem entgehen, entlastet das soziale Gefüge und ermöglicht weitere Kommunikation. Eine Studie der Harvard University zeigt, dass schon Kinder zur Lüge greifen, wenn es darum geht, Situationen abzumildern. Von einer Frau bekamen sie schlecht gemalte Bilder von Tieren oder Blumen gezeigt. Mit der Aussage, dass die Frau traurig darüber sei, so schlecht zu malen, reagierten die Kinder mit der gut gemeinten Lüge „ich finde dein Bild schön“. Soziale Verträglichkeit gehe also vor Wahrheit.

Wie oft der Mensch lügt, ist dabei übrigens schwer abzuschätzen. Immer wieder geistert die Zahl 200 pro Tag durch die Gazetten. Aber woher diese Zahl stammt, ist unklar. Eine Quelle war nicht auszumachen. Die Zahl ist wohl ironischer Weise selbst eine Lüge.

Die Lüge ist wichtig: Viele kleine Alltags-Unwahrheiten

Entscheidend für die Zahl der Lügen scheint jedenfalls weniger der Charakter einer Person zu sein, sondern das Umfeld und die Situation. So steigt beispielsweise die Wahrscheinlichkeit der Lüge in Situationen, in denen man jemandem gefallen oder beeindrucken will. Robert Feldmann von der Universität Massachusetts ermittelte in einer Versuchsreihe mit Studenten im Schnitt drei Lügen in einem zehnminütigen Kennenlerngespräch. Eine Quote, die die Studenten übrigens selbst zu überraschen schien. Viele kleine Alltags-Unwahrheiten scheinen knapp unterm Radar des eigenen Bewusstseins zu laufen. Sicher erscheint aber überall, dass der routinierte Lügner eher selten ist und die Bereitschaft, zu lügen, viel mit dem Umfeld zu tun hat.

Und ein Umfeld, in dem die Lüge zu gedeihen scheint, ist das Milieu der Besserverdienenden, so zumindest Paul Piff von der University of California. In Verhandlungssituationen scheuten sie weniger als die mittelständischen Vergleichsgruppen davor zurück, Regeln zu brechen, um ihr Ziel zu erreichen und den Mitbewerber zu übervorteilen. Dabei wird nicht vermutet, dass sie schlechtere Menschen sind. Sondern viel eher in einem stark wettbewerbsorientierten Milieu mit eigenem Wertesystem zu leben, in dem das Erreichen des Ziels wichtiger ist als Wahrhaftigkeit oder gemeinschaftliches Handeln. Es ist also die Umgebung des Menschen, die darüber entscheidet, wie oft gelogen wird.

Die Lüge ist wichtig: Zeit für Reflektion reduziert Lügen im Alltag

Einfluss hat jüngerer Studien zur Folge übrigens auch die Zeit. Je mehr Zeit für Reflektion zur Verfügung steht, desto weniger wird gelogen. Umgekehrt heißt das, je weniger Zeit bleibt, umso eher wird gelogen. In beschleunigten Gesellschaften, in denen der Einzelne die Zeit immer kürzer erlebt, eine fatale Diagnose. Eine Untersuchung von Mails im Vergleich zu Briefen bestätigt diese These drastisch. Die University von Carolina berichtet von einer Lügenquote bei Mails von 50 Prozent mehr im Vergleich zum handgeschriebenen Brief.

So wichtig die Lüge für die Gesellschaft ist, so wichtig ist ihre Eingrenzung. Lügen können den Raum für Kommunikation erhalten und diese dann erleichtern. Aber der Lüge scheint auch eine Tendenz zur Entgrenzung innezuwohnen. Aus einer Notlüge kann ein ausuferndes Lügengeflecht werden, das am Ende, ähnlich wie eine Lawine, alles mit in den Untergang reißt. Echten Schutz davor gibt es nicht. Sogar der Lügendetektor versagt bei Menschen mit starken Nerven.

Doch vielleicht bietet am Ende der Schriftsteller Carlo Collodi mit seiner Geschichte von Pinocchio einen Ausweg. Die beiden Psychiater Alan Hirsch und Charles Wolf von der „Smell and Taste Foundation“ in Chicago haben wissenschaftlich belegen können, dass die Nase bei einer Lüge wächst. Der Körper setzt beim Lügen Hormone frei, die den Blutfluss in der Nase verstärken. Und das führt dazu, dass sie anschwillt und um einen winzigen Bruchteil eines Millimeters wächst. Der Pinocchio-Effekt existiert also tatsächlich.

Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.

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