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Demokratiebewusstsein schaffen - Wer sich seiner politischen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, reagiert und handelt Stimme gegen das Vergessen

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Esther Bejarano, eine der letzten Überlebenden und Zeitzeugin des NS-Vernichtungslagers Auschwitz, ist tot. Sie starb im Alter von 96 Jahren. Mit ihr starb nicht nur eine aufrichtig und unerschrocken gegen das Vergessen und Rassismus kämpfende Frau, sondern eine gewichtige Stimme gegen rechte Umtriebe in unserem Land. Ihre mahnenden Worte werden fehlen.

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Es war ihr ein großes Anliegen, gerade Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren und zu ermutigen, sich gegen Unrecht, Diskriminierung und Nationalsozialismus einzutreten. Ihr berühmtestes Zitat: „Den jungen Leuten sage ich, ,ihr’ habt keine Schuld, an dem, was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt.“

Ihre Vorträge berührten, machten wach, wiesen auf die Gefahren von rechts hin, warnten und mahnten vor einer Untergrabung durch rassistische und demokratiefeindliche Kräfte. Esther Bejarano war Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Nicht nur dort hinterlässt sie eine schmerzliche und nicht zu ersetzende Lücke. Ihre Forderung 2020 an den Bundestag, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Naziterror zum Gedenkfeiertag zu erklären, wurde bis heute nicht umgesetzt. Und das in einer Zeit, die es bitter notwendig hätte. Was für ein Armutszeugnis. Warum handeln der Bundestag und die Parteien – besonders die mit dem „C“ (christlich?) – in dieser wichtigen Frage nicht?

Da nützen auch die bestformulierten Nachrufe auf Esther Bejarano – sei es vom Bundespräsidenten oder von anderen ranghohen Politiker – sehr wenig. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass viele Politiker dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte einfach ausblenden oder wegwischen möchten und das Wesentliche immer noch nicht verstanden haben. Ausgerechnet in einem Land, welches seine Grundwerte und -rechte als hohes Gut ansieht und als unantastbar einordnet. Merken denn die Verantwortlichen nicht, wie fragil unsere Demokratie geworden ist? Und, dass es gerade jetzt auf Mut, Verantwortung und Handeln ankommt, damit unsere Demokratie nicht in die falsche Richtung steuert.

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Dieses ganze politische Gebaren spiegelt die derzeitige Politik wieder. Wie viel Vertrauen genießt noch ein Parlament, in dem einer Studie nach die Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten vor allen „wirtschaftsnaher“ Parteien immer mehr steigen und einige ihr Mandat missbrauchen, um in ihre eigene Tasche zu wirtschaften (Maskenaffäre). Oder, was noch fast unerträglicher ist, Lobbyisten und Handlanger von despotischen Staaten wie Aserbaidschan zu werden. Haben sich unsere Parlamentarier beziehungsweise Volksvertreter schon so weit von den Bürgern, von denen sie gewählt worden sind, inhaltlich und sprachlich entfernt? Wird unser Land mehr von Akademikern als von Pragmatikern geführt und wird daher ihre Sprache nicht mehr verstanden? Und wohin steuert eine Nation, bei der der wirtschaftliche Profit vor Menschenrechten steht? Was ist mit dem Wählerauftrag? Vergessen und verraten? Das alles be- und verhindert letztendlich den politischen Entscheidungsprozess zulasten einer funktionierenden Demokratie.

Politik hat etwas mit Vertrauen zu tun. Vertrauen wiederum mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Und diese wurde in letzter Zeit in unerträglicher Weise missbraucht (Maskenaffäre, Aserbaidschan-Lobbyismus und so weiter).

Politik bedeutet aber auch, sich intensiv und nicht nur oberflächlich mit wichtigen Fragen auseinanderzusetzen und sich der Verantwortung zu stellen. Gerade was den 8. Mai als Gedenktagfeiertag betrifft. Hier geht es nicht um die ewige Schuldfrage, sondern darum gegen das Vergessen und Rassismus (der sich immer mehr ausbreitet) ein überfälliges Zeichen zu setzen.

Unfair wäre es jedoch, die ganze Verantwortung auf dem Rücken unserer Politiker auszutragen. Wir alle sind mitverantwortlich für das, was um uns geschieht. Daher sind wir alle gefordert, uns einzumischen, mitzugestalten, aber auch genau hinzusehen, statt wegzu-gucken. Und letztendlich unsere „Volksvertreter“ aufzufordern und zu fordern, um sie nicht von ihrer Verantwortung zu entbinden.

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Einige werden sich jetzt fragen, was hat das mit Esther Bejarano zu tun? Vieles! Denn wer sich seiner politischen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, erkennt die Zeichen der Zeit, reagiert und handelt. Zeigt sich, gestaltet mit und möchte verändern. Zum Wohle unseres Landes. So wie Esther Bejarano es tat.

Das wünsche ich mir vom Gros unserer Politiker. Wie sagte doch einst Gorbatschow: „Das Leben verlangt mutige Entscheidungen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Wie weise!

Thomas Proft, Schwetzingen

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