Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht

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Über die Bundeswehrmisere mit nicht funktionstüchtigen Puma-Panzern wird uns Folgendes geschrieben:

Die Presse berichtete jüngst ein wenig schadenfroh darüber, dass bei einer Übung der Bundeswehr alle 18 beteiligten Schützenpanzer Puma ausgefallen waren. Wie peinlich! Wie uns jetzt die Rüstungsindustrie zur Kenntnis gibt, war es gar nicht so schlimm, denn bei 17 Pumas waren es nur Bagatellschäden, die sofort behoben werden konnten.

Das klingt zwar gut, doch im Gefecht ist es völlig egal, ob ein Kampffahrzeug wegen kleiner oder großer Schäden liegen bleibt, schlimmstenfalls – also bei erfolgreicher Feindeinwirkung – kostet der Ausfall eines Pumas neun Soldaten das Leben und schlappe 17 Millionen Euro bleiben als Schrott auf dem Gefechtsfeld zurück.

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Als ich 1964 auf der Heeresoffiziersschule in Hannover meine Ausbildung zum Offizier begann, erlernten wir die Taktik nach den Grundsätzen der Heeresdienstvorschrift 100/1 „Truppenführung 60“. Auf Seite eins der Vorschrift prangte ein Goethe-Zitat: „Im Kriege hat das Einfache Erfolg.“

Damals fuhr ich einen VW Käfer, luftgekühlt. Wenn man Ölstand und Reifendruck regelmäßig kontrollierte und nicht zu tanken vergaß, konnte eigentlich nichts schief gehen. Eine defekte Scheinwerferlampe konnte man noch ganz einfach selbst austauschen.

Versuchen Sie das heute mal. Wie beim Auto hat uns auch bei den Erzeugnissen der Rüstungsindustrie der technische Fortschritt zu hilflosen Laien degradiert und speziell bei der Entwicklung von Kriegsgerät wird die Lage immer aufwendiger und unübersichtlicher.

Den Hang, die „eierlegende Wollmilchsau“ zu züchten, also ein angebotenes Waffensystem durch zusätzliche Sonderwünsche unnötig zu verteuern und noch komplizierter zu machen, konnte ich fast während meiner gesamten Dienstzeit verfolgen. Auch hier scheint eine Zeitenwende angebracht zu sein.

Das militärische Beschaffungswesen bedarf einer grundlegenden Neuausrichtung, dazu muss sich zunächst an der Zweiteilung der Bundeswehr etwas ändern. Sie besteht aus den Streitkräften sowie der Bundeswehrverwaltung und war Folge des damaligen Misstrauens gegenüber den Soldaten.

Wir sagten damals, die Streitkräfte seien aufgestellt worden, um der Verwaltung eine Daseinsberechtigung zu geben. Und uns Soldaten diente sie wiederum als Ersatz für das fehlende Feindbild. Daran dürfte sich bis heute nicht viel geändert haben. Die mit der Beschaffung von Wehrmaterial befassten zivilen Dienststellen sind vermutlich zunehmend der ideale Tummelplatz für die Lobbyisten der Industrie.

Wir wussten früher auch, dass militärisches Gerät „soldatensicher“ zu sein hat, was allgemein als Steigerung von „narrensicher“ verstanden wurde. Wenn das Magazin beim Einführen in das Gewehr hörbar einrastete, dann war alles in Ordnung.

Was im Kleinen gilt, muss auch im Großen gewährleistet sein. Wir brauchen also militärisches Großgerät, das so konzipiert ist, dass sich dessen Besatzung bei technischen Pannen in der Regel schnell selbst zu helfen vermag.

Es gibt viel zu tun, gegenseitige Schuldzuweisungen sind unangebracht, denn die Geburtsfehler der Bundeswehr wurden seit ihrer Gründung von keiner Regierung ernsthaft unter die Lupe genommen.

Im Verteidigungsfall wird der Bundeskanzler zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Machen wir es also zur Chefsache ehe sein Doppelwumms wirkungslos verpufft.

Hagen Heer, Hockenheim