Pandemie - Gewerbetreibende mit konzertierter Plakataktion / Lockdown hinterlässt existenzielle Spuren / Bianca Mückenmüller appelliert, vor Ort zu bestellen Unternehmer in Brühl rufen zur Solidarität auf

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Stefan Kern
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Katja Stade vom Atelier Durchblick steht im Schneegestöber – ein Bild, das ihre aktuelle Situation im Lockdown durchaus zu beschreiben vermag: Es geht mittlerweile um die nackte Existenz. © Lenhardt

Brühl. Die Not wächst. Seit Mitte Dezember gilt ein landesweiter Lockdown. Und jetzt Ende Januar ist nach wie vor keine Perspektive zu erkennen. Für nicht wenige Unternehmer in der Hufeisengemeinde erreicht das Wasser mittlerweile die Oberkante der Unterlippe. Heißt, so die Inhaberin des Kosmetik-, Nagel- und Damenbekleidungsgeschäfts, Helga Fassl, dass nicht wenige nicht mehr allzu lange durchhalten.

Brühl Die Not der Gewerbetreibenden wächst

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Die Zangenbewegung aus laufenden Kosten und nur sehr wenigen Einnahmen schnüre den Unternehmern hier zunehmend die Luft ab. Und deshalb haben sich einige Geschäfte gestern zu einer Plakataktion zusammengefunden, um auf die zunehmend verzweifelte Situation vieler Geschäftsinhaber in Brühl und Rohrhof aufmerksam zu machen.

Es könnte ein Blick in die Zukunft sein. Viele Schaufenster sind mit Packpapier zugeklebt und verschaffen den Passanten einen Eindruck davon, wie es aussehen könnte, wenn die Geschäfte zumachen. Um es klar zu sagen, so die erste Vorsitzende des Gewerbevereins Brühl/Rohrhof, Bianca Mückenmüller, „es ist kein schöner Anblick“. „Ohne die vielen kleinen Geschäfte wäre Brühl ein einsamer, trauriger Ort.“

Es gehe ja nicht nur um den Konsum, sondern das Flanieren, die Begegnung und das soziale Miteinander. Dabei hätten es die Brühler durchaus in der Hand, dass aus dem Bild hier nicht Wirklichkeit wird. Die klare Ansage des Gewerbevereins, nicht bei Amazon, sondern vor Ort bestellen. „Es gibt viele digitale Angebote, bitte nutzen sie sie.“ Neben dem Appell an die Kunden war die Aktion aber ganz klar in Richtung Stuttgart und Berlin ausgerichtet.

Exit-Strategie fehlt

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Die Politik scheue sich gerade sehr, den Unternehmen eine Perspektive aufzuzeigen. Unternehmer müssten planen, so die Inhaberin der Bücherinsel, Barbara Hennl-Goll. Aber genau damit ließe die Politik die Unternehmer im Regen stehen. Niemand hier stellte die Maßnahmen rund um Corona per se in Frage. Die Reduktion der sozialen Kontakte mittels Geschäftsschließungen sei nachvollziehbar. Aber was hier allen fehlt, ist eine Art Exit-Strategie.

Für Anke Laier mit ihrem Wohnstudio geht es um die Existenz. Sie hat Angst und das wirkt sich mittlerweile auch auf ihre Gesundheit aus. Sie berichtet von Schlafstörungen, Herzstechen und Magenproblemen. Dinge, die sie bis dato nicht kannte und sie weiß auch, dass es vor allem an der psychischen Belastung liegt. „Die Ungewissheit zerrt ganz enorm an den Nerven.“ Eine Sicht, die Katja Stade vom „Atelier Durchblick“ und Hennl-Goll von der Bücherinsel eins zu eins teilten. Stade, seit eineinhalb Jahren in Brühl, ließ keinen Zweifel daran, dass sie Existenzangst habe.

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Sie, die seit 30 Jahren ihre eigene Frau ist, fühlt sich erstmals zum Nichtstun verdammt. „Das widerstrebt meiner Natur.“ Und so ließ sie diesem Gefühl denn auch nicht viel Platz und machte von mehr online bis zu einem kleinen Verkaufswagen vor der Tür, was ging. Ihre Haupteinnahmequelle seien aber Veranstaltungen und hier müsse bald wieder etwas geschehen.

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Gerettet hat sie momentan, das gesteht sie freimütig ein, ihre Mutter, die ihr etwas Geld gab, um über Wasser bleiben zu können. Sie hat vom Staat Unterstützung bekommen. Doch die könne die Verluste nicht kompensieren und lange nicht weit. Eine Einschätzung, die hier allgemein geteilt wurde.

Das Schlimmste sei, dass in Stuttgart und auch Berlin die Gerüchteküche brodele. Da werden Daten der Wiedereröffnung genannt, die bis nach Ostern reichen. Das werde dann zwar auch gleich wieder dementiert, aber der Schaden sei angerichtet. Denn für Unternehmer, dass wüssten Politiker vielleicht nicht, sei das Gift. Auch Hennl-Goll erklärte, dass die fehlende Perspektive das Schlimmste sei. Deutlich sagt sie, dass sie mit ihren beiden Bücherinseln in Brühl und Schwetzingen noch bis zum 1. März durchhalte. Dann müsse sie wohl entscheiden, welchen Laden sie weiterführe und welchen sie aufgebe.

Dafür, dass sie nicht öffnen darf, hat sie mittlerweile kein Verständnis mehr. „Ich habe Luftfilter angeschafft, für alle Mitarbeiter FFP2-Masken besorgt und für Eingangskontrolle wie Abstandsgebot gesorgt. Mehr Sicherheit geht nicht.“ Und doch steht in den Sternen, wann sie, genau wie alle anderen Geschäfte, wieder öffnen darf. Und genau das ist für sie politisches Totalversagen. Der Frust sei groß, so Mückenmüller. Und die Politik sei gut beraten, schnell zu reagieren.

Mitgemacht bei der Aktion haben Wohnstudio Anke Laier, die Atelier-Galerie für Kunst und Kunstgegenstände sowie Skulpturen Extracolor Petra Ditter, das Friseurgeschäft Hair Fashion Angelika Dauth, Atelier Durchblick Katja Stade, Garten und Baum Orban, Bücherinsel Barbara Hennl-Goll, Hörakustic Noel Broe, C-Fashion Conny Schmidt und Helga Fassl mit ihrem Kosmetik-, Nagel- und Damenbekleidungsgeschäft.

Eine Grafik mit den aktuellen Corona-Zahlen gibt's hier:

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Freie Autorenschaft Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.