BUND

Eisvogel am Kraichbach in Hockenheim: Indikator für naturnahe Bäche

Eisvogel als unterschätztes Tier zum „Heimlichtuer des Jahres“ gewählt – am Kraichbach soll er wieder häufiger auftauchen

Von 
aw
Lesedauer: 
Nicht nur am Kraichbach, sondern auch im Schwetzinger Schlossgarten können die bezaubernden Eisvögel immer wieder beobachtet werden. © Uschi Wetzel

Hockenheim. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die Landesverbände Baden-Württemberg und Hessen, haben zum dritten Mal gemeinsam eine besondere Tierart, die oft falsch eingeschätzt wird, gekürt. Für 2023 fiel die Wahl auf den Eisvogel, der zwar optisch auffällig, aber schwer zu finden ist.

Doch für die Hockenheimer ist er kein Unbekannter. Seit dem Umbau des Kraichbachs zu einem naturnahen Gewässer im Zuge des Hockenheimer Hochwasserschutz- und Ökologieprojektes (HÖP) lässt sich der Vogel gerne an dem Bachlauf blicken. In den ersten Jahren war er ein ständiger Gast, in den vergangenen Monaten war er weniger häufig zu sehen, doch wird sich das bald wieder ändern, stellt der Biologe Uwe Heidenreich fest, der die Natur am Kraichbach ständig im Blick hat. In naher Zukunft stehen erste Pflegemaßnahmen am Pflanzenbewuchs an, der zum Teil zurückgeschnitten werden soll. Dann werde der Eisvogel seine Rückkehr feiern.

Der Eisvogel fühlt sich am Kraichbach wohl, seit der Wasserlauf im Zuge des HÖP-Projekts umgebaut wurde. © Heidenreich

Für viele ist der farbenprächtige Vogel keine unbekannte Art. Dennoch ist er ein Heimlichtuer par excellence, denn man bekommt den blau glänzenden Vogel nur selten zu Gesicht. Mit bis zu 40 Stundenkilometern fliegen die Tiere dicht über der Wasseroberfläche und verraten sich nur durch ihre markanten „ziii“-Rufe. Dass man die heimische Vogelart so selten sieht, hängt auch mit dem Verschwinden seines natürlichen Lebensraums zusammen. Bach- und Flussbegradigungen haben dem Eisvogel die Brutmöglichkeiten genommen. Die Gewässerverschmutzung trägt darüber hinaus zu seiner Gefährdung bei. In Hessen und Baden-Württemberg steht der schillernde Vogel bereits auf der Vorwarnliste, weil in den vergangenen 50 bis 150 Jahren ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen war.

Eisvogel am Kraichbach in Hockenheim: Fliegender Edelstein

Als Symbol für naturnahe Gewässer haben der BUND Hessen und Baden-Württemberg den Eisvogel zum Heimlichtuer des Jahres 2023 ernannt. Sein unverwechselbar elegantes und zerbrechliches Äußeres täuscht in einigen Punkten – denn der Eisvogel hält einige Überraschungen bereit.

Unverkennbar ist das Federkleid des rund 18 Zentimeter großen Vogels. In der Sonne funkelt es hellblau, weshalb der Eisvogel auch als „Fliegender Edelstein“ bezeichnet wird. Das Gefieder an Bauch, um die Augen und auf den Wangen ist in einem rostigen Orange gefärbt, während die Rückenfedern und Flügel in Blautönen schimmern. An der Kehle und am Hals sind die Federn wie durch einen Pinselstrich weiß gefärbt. Anders als bei vielen Vogelarten unterscheiden sich männliche und weibliche Tiere nicht signifikant in ihrer Optik. Der einzige Unterschied ist die Farbe des unteren Schnabels, der bei den Weibchen rötlich gefärbt ist.

Eisvögel fühlen sich an klaren und lebendigen Gewässern wohl. Denn ihr Speiseplan besteht aus Fischen, Kaulquappen und sogar wehrhaften Krebsen. Sie sind bekannt für ihren präzisen Beutefang. Das spiegelt sich in ihrem englischen Namen „Kingfisher“ (Königsfischer) wider. Von einem Ast aus beobachten die Tiere ihre Beute aufmerksam. Haben sie ein „Opfer“ ins Visier gefasst, schwebt der Eisvogel mit kontrollierten Flügelschlägen wie ein Helikopter über der Wasseroberfläche und schnappt nach einem rasanten Sturzflug zu: Blitzschnell taucht der zielsichere Jäger kopfüber unter Wasser – bis zu 60 Zentimeter tief. Wenige Sekunden später schnellt er mit der Beute in seinem langen Schnabel wieder aus dem Wasser und landet auf dem nächsten Ast. Seinen Fang schlägt er dort zunächst bewusstlos, bevor er ihn am Stück mit dem Kopf voran herunterschluckt.

Eisvogel am Kraichbach in Hockenheim: Wasser ist sein Element

Der Name des Eisvogels ist irreführend, denn anhaltender Frost kann ihm zum Verhängnis werden. Geschlossene Eisdecken in den Lebensräumen führen nicht selten zum Hungertod. Dem Kältewinter 1962/1963 dürften rund 90 Prozent der Population in Hessen zum Opfer gefallen sein. Auch in Baden-Württemberg kommt es im Winter immer wieder zu Verlusten bei den Eisvögeln, obwohl sie hier meist am Oberrhein leben, wo das Klima milder ist.

Für die Jagd benötigt der Eisvogel generell ruhige Gewässer mit klarer Sicht. Die schnell fließenden, begradigten Gewässer sind sehr ungünstig für sein Überleben. Unwetter, die zu Wellengang und Wassertrübung führen, oder Pollen auf der Wasseroberfläche erschweren ihm die Jagd. Eisvögel sind Höhlenbrüter und brauchen dafür naturnahe Flüsse, Bäche, Baggerseen oder Teiche mit ausgeprägten Ufern aus Steilwänden. Die Elterntiere graben einen Brutkessel tief in die Steilwände.

Die sogenannte Brutröhre hat ein leichtes Gefälle, denn die Jungvögel spritzen ihren Kot einfach in Richtung Ausgang. Zum Füttern müssen die Eltern sich zuerst durch die mit Exkrementen bespritzten Brutröhren kämpfen und nehmen danach als Erstes ein reinigendes Bad. Bewohnte Bruthöhlen erkennt man am Kot, der nach draußen läuft.

Sobald die nächste Brut da ist, verjagen die Eltern ihre eigenen Kinder aus dem Revier. Die jungen Eisvögel müssen sich dann auf die Suche nach einem eigenen Revier machen, die durch Flussbegradigungen, zu wenig geeigneten Brutwänden und verschmutzte Gewässer erschwert wird. Unsere „Fliegenden Edelsteine“ sind deshalb ein Indikator für naturnahe Flüsse und Bäche. Diese gilt es zu erhalten und zu vermehren, um das Überleben des Eisvogels und vieler weiterer Arten zu sichern. 

Mehr zum Thema

Landwirtschaftsdebatte Hockenheimer Bauer Helmut Kief: Wo sollen die Lebensmittel herkommen?

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Hockenheim Mit Bienen ins neue Jahr

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Grundsteuer Haus & Grund Schwetzingen/Hockenheim: Hintergrund bisheriger Klagen zur Grundsteuererklärung

Veröffentlicht
Mehr erfahren