Hockenheimer Biologe: Fürs Klima gibt es keinen Impfstoff

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Andreas Wühler
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Idylle pur: Die Wiese beim Altenheim St. Elisabeth, Blickrichtung Kaiserstraße. Rechts wird der Weg vom Kraichbach begleitet. Solche Anlagen sind für eine Stadt überlebensnotwendig. © Heidenreich

Hockenheim. Derzeit leidet das Land unter der Corona-Pandemie. Die Wirtschaft ächzt, Eltern sehen sich in der Rolle von Hilfslehrern und vielen Menschen fällt mangels Alternativen die heimische Decke auf den Kopf. Und unter allen Problemen verschüttgegangen ist ein Thema, das vor dem Virus die Nachrichtenlage bestimmte und in seinen Auswirkungen weit dramatischer eingeschätzt wurde als das Virus - der Klimawandel. Längst hat er die Eigenschaft „drohend“ verloren, es sich in unseren Vorgärten bequem gemacht und sich der allgemeinen Aufmerksamkeit entzogen.

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Womit der Biologe Uwe Heidenreich überhaupt nicht einverstanden ist. Denn für die Klimakrise, die längst nicht mehr vor der Tür stehe, sondern es sich im Haus bequem gemacht habe, ließen sich wichtige Erkenntnisse aus der Corona-Krise gewinnen. Angesichts der Diskussionen um Lockdown, Beschränkungen, Erleichterungen, Schulöffnungen oder -schließungen, steht für Heidenreich eines fest: Auf Sicht fahren mag bei der Pandemie ein probates Mittel sein, ist beim Klimawandel jedoch die falsche Politik.

Am Pariser Abkommen festhalten

Wenn in den nächsten Wochen und Monaten die buchstäblich letzte Chance ergriffen werden soll, das Ruder herumzureißen, dann gelinge dies nur unter der Vorgabe eines festen, glasklar umrissenen Ziels. „Und das haben wir“, betonte der Biologe und nennt das Pariser Abkommen, in dem die Vorgabe formuliert ist: Die Klimaerwärmung darf die Marke von plus 1,5 Grad Celsius nicht überschreiten.

Diese klare Zielsetzung ist aus Paris kommend längst in den Staaten, den Ländern und sogar in einigen Kommunen angekommen, bilanziert Heidenreich, der die für Hockenheim formulierten Klimaziele zitiert oder auf die Agenda-Gruppe „Hockenheim für Klimaschutz“ verweist.

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Klare Vorgaben sind die eine Seite der Medaille, deren Umsetzung die andere. Und so wie das Coronavirus nicht in den Griff zu bekommen ist, wenn sich einige an Maskenpflicht und Ausgangsbeschränkung halten, andere wilde Partys feiern und auf Abstandsregeln pfeifen, so ist dem Klimawandel nicht von Einzelpersonen beizukommen. Anders formuliert: Wenn Egoismen über das Gemeinwohl triumphieren ist kein Staat zu machen. Die eigenen Interessen müssen dem öffentlichen Interesse untergeordnet werden.

Bei Corona aus der Reihe zu tanzen, Lockdown um Lockdown auf die Kappe der persönlichen, feierwütigen Freiheit zu nehmen und auf den Impfstoff als Erlösung zu hoffen - moralisch zweifelhaft, aber als Politik des Aussitzens vielleicht machbar. „Beim Klimaschutz hilft kein Warten“, sieht Heidenreich den gravierenden Unterschied zwischen den beiden Krise: „Die Klimaerwärmung lässt sich nicht wegimpfen.“

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Sicherlich gibt es oder wird es Technologien geben, die hilfreich sind, von der Solarenergie bis hin zum smarten Haus, doch letztlich stehe und falle der Kampf gegen den Klimawandel mit dem Bewusstsein. Mit einer „Geiz-ist-geil-Mentalität“, die den Konsum über alles stellt, die der persönlichen Prunksucht die Natur als Opfer bietet, sei kein Blumentopf zu gewinnen, dem Artensterben ebenso wenig Einhalt zu gebieten wie der Verödung der Landschaft.

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Heidenreich fordert einen anderen Ansatz, der direkt in der Gemeinde umgesetzt wird, bei dem jeder Einzelne Verantwortung übernehmen muss: Stärkung des Einzelhandels vor Ort, eine grüne Städtebaupolitik und ein geändertes Konsum- und Freizeitverhalten. Ein Ansatz, bei dem jeder Einzelne an seine Verantwortung erinnert wird, die er gegenüber der Natur hat.

Dazu gehört auf jeden Fall ein Bewusstseinswandel. Es könne nicht angehen, dass die Menschen mangels Alternativen ihre Liebe zur Natur entdecken, Spaziergehen, Joggen oder Radfahren zur Freizeitbeschäftigung Nummer eins erklären und gleichzeitig Feld und Flur in eine Müllkippe verwandeln, die Böschungen mit To-go-Verpackungen und Fast-Food-Behältnissen zupflastern.

Urbane Gebiete leiden

Warum den Klimawandel vor Ort bekämpfen wollen? Weil auch dessen Auswirkungen nicht vor den Stadtgrenzen Halt machen, erwidert der Biologe und erinnert an die Stadtbäume, die im Sommer immer mehr unter der Hitze zu leiden haben, an die Zugvögel, die jedes Jahr früher in die Region zurückkehren, an die Senioren, die sommers unter der Tropenhitze leiden, die austrocknenden Böden, die bei Starkregen überlaufend Kanalisation oder die unter der Wasserknappheit leidenden Landwirte und Kleingärtner. Ein Liste, die Heidenreich noch um viele Punkte ergänzen könnte, die in der Summe jedoch nur eines aussagt: Der Klimawandel ist längst Realität.

Doch noch herrscht hinsichtlich des Klimas eine Lücke zwischen Stadt und Land. Ein Beispiel hierfür ist das HÖP-Gelände. Der sprudelnde Kraichbach ist der beste Beweis dafür, wie Grünflächen, wie Schneisen, noch dazu mit sprudelndem Wasser, den urbanen Sektor kühlen können. Ein lebendes Beispiel für diese Kluft ist Heidenreich die „Gefleckte Weinbergschnecke“. Diese ist ursprünglich im Mittelmeerraum heimisch, Temperaturen unter fünf Grad Celsius sind nicht ihr Ding. Doch längst ist sie auch in Hockenheim anzutreffen, wie der Biologe an einer alten Holztür beobachten kann. Wird diese von der Sonne erwärmt, klettert die Schnecke zum Sonnen nach oben um sich, wird es dämmrig, sofort wieder nach unten zu verziehen. Und, betont Heidenreich, in der Feldflur ist sie nicht zu finden, diese erwärmt sich weder im Winter noch im Sommer so wie die bebaute Gemarkung.

Oder die Feuerlibelle, die ursprünglich in Afrika und im Mittelmeerraum heimisch war, im Zuge des Klimawandels die Rennstadt erreicht hat und sich in deren Mauern heimisch fühlt. Ein Gefühl, dass sie sich mit der Taubnessel teilt, um einmal einen Vertreter der Gattung Flora zu erwähnen.

Wenn man feststellt, dass der Klimawandel schon hier ist, dann sei es nur konsequent, so Heidenreich, den Städtebau dieser Änderung anzupassen. Konkret bedeutet dies für ihn die Anlage von Grünzügen und die Stärkung der Klimazonen, der lebensnotwendigen Frischluftschneisen. Doch dies sind für ihn nicht der Hauptpunkt, es geht ihm um eine Kehrtwende, eine grüne Bebauung.

Die Stadt soll ergrünen

Mauern und Häuser sollen ergrünen, mit Bäumen und Pflanzen bestückt werden. Mit anderen Worten - keine Dämmmaterialien, sondern eine Fassaden- und Dachbegrünung, mit der die Stadt zu atmen beginnt. In den Großstädten, fügt Heidenreich hinzu, gibt es mittlerweile Hochhäuser hinter einem Blätterwald, mit Bäumen in den oberen Stockwerken, oder Bauten, die komplett unter Hecken und Büschen verschwinden. Es sind also keine Utopien, die der Biologe einfordert, sondern erprobte Bauweisen, die sich auch mit dem Thema Solar- und Photovoltaiknutzung gut vertragen.

Man mag streiten, wie viele Minuten vor zwölf es bereits in Sachen Klimawandel ist, doch Heidenreich will nicht locker lassen, vor Ort die Weichen zu stellen. Zusammen mit Lokaler Agenda, mit dem Verein Solardrom oder der Gruppe „Hockenheim-für-Klimaschutz“.

Gruppen, in denen sich jeder engagieren kann, da es auch über die städtebaulichen Entwürfe hinaus auf die Individuen ankommt, wie Heidenreich betont: Weniger Fleischkonsum, mehr CO2-freie Bewegung, Strom und Wärme klimafreundlich, die Liste dessen, was der Einzelne beitragen kann, ist schier unerschöpflich. Und zum Schluss hat Heidenreich für alle noch einen wichtigen Hinweis: „Eine nachhaltige Ernährung und Lebensweise ist auch gesünder!“

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