60 Jahre Aussiedlung (Teil 2) - Wie die bäuerlichen Familienbetriebe im Siegelhain und in der Seewaldsiedlung ihre Zukunftschancen sehen / Verändertes gesellschaftliches Bewusstsein von Vorteil So sehen die Bauern im Rheinbogen ihre Zukunftschancen

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Ein Gastbeitrag von Adolf Härdle
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Jochen Kief – hier mit zwei Kälbchen – betreibt seinen Milchviehbetrieb in der Seewaldsiedlung in dritter Generation. © Lenhardt

Im ersten Teil des Rückblicks auf 60 Jahre Aussiedlung haben wir unter der Überschrift „Höfe sind längst in das Stadtleben integriert“ in der Ausgabe vom 16. Januar auf die Anfänge der Aussiedlung im Siegelhain und in der Seewaldsiedlung zurückgeblickt. 60 Jahre Aussiedlung von 13 bäuerlichen Familienbetrieben in den Hockenheimer Rheinbogen war der Anlass.

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Hier geht es zum ersten Teil.

Nun soll im zweiten Teil auf die Situation der Landwirtschaft und die Zukunftschancen der noch aktiven bäuerlichen Familienbetriebe im Siegelhain und in der Seewaldsiedlung in Zeiten des Klimawandels und eines veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins eingegangen werden.

Wer aufmerksam die Presse verfolgt, der hört und liest von Milchviehhaltern, die in Hesel (Landkreis Leer) mit ihren Traktoren das Aldi-Lager blockieren und sich gegen eine drohende Senkung der Butterpreise wenden. Das „Höfesterben“ setzt sich fort, ist der Landwirtschaftszählung 2020 des Statistischen Bundesamtes zu entnehmen. Nicht nur die Gesamtzahl der Betriebe zwischen 2010 und 2016 von 300 000 ist um acht Prozent auf rund 275 000 zurückgegangen, auch die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung in Deutschland im Zeitraum von 2010 bis 2019 sogar um mehr als ein Drittel gesunken. Großbetriebe sind auf Kosten der bäuerlichen Familienbetriebe auf dem Vormarsch, heißt es weiter. Es verwundert dann auch nicht, dass das Bundeskabinett am 8. Juli letzten Jahres eine unabhängige „Zukunftskommission“ beschlossen hat, die zwischenzeitlich ihre Arbeit aufgenommen hat.

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Um die Zukunftschancen der bäuerlichen Familienbetriebe unter den sich ändernden Bedingungen geht es auch bei den Fragen unseres Autors an die Aussiedlerfamilien Schmitt und Rinklef im Siegelhain und Kief in der Seewaldsiedlung.

Einer der letzten Milchviehhalter

„Wir bewirtschaften unseren Milchviehbetrieb in der dritten Generation mitten im Hockenheimer Rheinbogen, in der Seewaldsiedlung“, stellen sich Denise und Jochen Kief im Gespräch vor. Gemeinsam leben und arbeiten sie zusammen mit ihren beiden Kindern und den Großeltern auf ihrem Bauernhof. Für die 60 schwarz-bunten Holstein-Kühe wurde 2013 der Milchviehstall nach EU-Norm besonders tiergerecht neu gebaut, eine nicht unerhebliche Investition. Das Futter für die Tiere kommt aus eigenem Anbau. Die Familie Kief baut auf ihren Äckern Futtermais, Weizen und Zuckerrüben an. Um die 300 braune Legehennen in Bodenhaltung gehören ebenso zum Betrieb. Eier und Milch werden täglich frisch im Milch- und Eierautomaten angeboten und erfreuen sich großer Nachfrage.

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„Das Leben und Arbeiten in und mit der Natur und mit meinen Tieren bedeutet mir viel“, meint Jochen Kief, einer der letzten Milchviehhalter in der Region. Er gibt dem bäuerlichen Familienbetrieb grundsätzlich immer noch eine Chance, obwohl die zunehmenden Regulierungen von Handel und Politik vorrangig die kleinen Betriebe treffen würden.

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Seit der Corona-Krise besuchen – so stellt Betriebsinhaber Kief fest – verstärkt Familien mit ihren Kinder spontan den Hof, suchen den Kontakt mit den Kälbern und stellen wissbegierig Fragen. Auch Nachfragen nach Kuhpatenschaften zur Unterstützung artgerechter Tierhaltung nehmen zu.

Andre Rinklef, ein studierter Agrarwissenschaftler und im benachbarten Siegelhain daheim, wurde im Juli 2020 der Betrieb übergeben und führt den Hof seiner Eltern Birgit und Karl Rinklef fort. Er ist dabei an der Justus-Liebig-Universität in Gießen seinen Master zu machen.

Bio-Apfelsaft wird vermarktet

Zuckerrüben, Mais, Weizen sind Teil der Fruchtfolge, Wiesen werden ein- bis zweimal gemäht, Heu für Tiere in höchster Qualität geerntet. Gründüngung sorgt dafür, dass Stickstoff fixiert, Humus aufgebaut wird und so die Bodenfruchtbarkeit erhalten bleibt. Karl Rinklef wird als Landwirtschaftsmeister und Landmaschinenmeister weiter seine Erfahrungen im Bereich der Technik und Sicherheit einbringen, Birgit Rinklef zeichnet für die Verwaltung und die Finanzen verantwortlich.

Die begeisterte Obstfachwirtin sorgt für den korrekten Schnitt von Obstbäumen. Der selbst gepresste Bio-Apfelsaft wird gemeinsam mit Tochter Lisa, (auch mit Bachelor in Agrarwirtschaft), zwischenzeitlich Inhaberin eines eigenen Biobauernhofes, vermarktet. Die Belgische Schäferhündin Wanja ist Lisas treue Begleiterin.„Das Leben auf dem Hof gibt mir ein Gefühl der Freiheit, Selbstständigkeit und der Zufriedenheit“, sagt Lisa mit leuchtenden Augen. Bruder Andre stimmt dem zu und ergänzt: „Die Lebensqualität durch die Landschaft, die Natur und die abwechslungsreiche Arbeit, dazu gibt es keine Alternative“.

Andre Rinklef glaubt an die Zukunft der bäuerlichen Familienbetriebe. Für ihn ist es Zeit, neue Wege zu gehen. Dies könne die Direktvermarktung sein, Kooperationen, Nebenbetriebe oder andere Ackerkulturen und Anbausysteme. In der Direktvermarktung und Spezialisierung sieht Schwester Lisa durchaus Chancen.

Produkte über Whatsapp bestellen

Was früher undenkbar schien, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Die Möglichkeiten von Social Media werden genutzt: Auf Facebook erhält der Nutzer einen bunten Strauß an Informationen, die zwischenzeitlich über 200 Instagram-Beiträge des Gemüsehofs Schmitt werden von aktuell 634 Abonnenten gelesen. Regionale Produkte können auch über Whatsapp vorbestellt werden.

Der Hof im Siegelhain, ursprünglich 1959 von der Familie Christ erbaut, war anfangs ein reiner Ackerbaubetrieb. 2006 führten die Familien Christ und Schmitt ihre Betriebe zu einer GbR zusammen. Seit 2010 liegt der Schwerpunkt auf dem Anbau von Kartoffeln, Spargel und Karotten, seit 2017 auf Salat und Kohlrabi.

Dem Team Schmitt gehören neben Tobias Schmitt (Landwirtschaftsmeister), Ehefrau Helene Schmitt (geprüfte Betriebswirtin), Tochter Charlotte, Sohn Paul, Opa Helmut und Oma Doris Schmitt sowie mit Adolf Schmitt und Werner Christ weitere Familienmitglieder an. Jeder hat seine Aufgabe und ist Teil des Ganzen.

Zertifizierungen sind für den Landwirtschaftsmeister Tobias Schmitt Ausdruck bester Qualität. Im Gespräch wird deutlich: Die Schmitts sind Landwirte aus Überzeugung, mit Herz und Verstand. „Auf Kundennähe legen wir großen Wert“, betont die geprüfte Betriebswirtin Helene Schmitt, die neben der Buchhaltung und Personalwesen vor allem für die Vermarktung und die Onlinedarstellung zuständig ist. Der am 20. Oktober letztes Jahr eröffnete Verkaufsautomat mit eigenen Produkten und aus der Region erfahre einen guten Zuspruch. Am 20. Februar ist es so weit, kündigen Tobias und Helene Schmitt an: Der Hoggemer Laden vom Gemüsehof Schmitt in der Heidelbergerstraße 120 soll eröffnet werden, mit saisonalen und vor allem regionalen Produkten.

Auch für die Familie Schmitt bedeutet das Leben und Arbeiten auf dem Bauernhof zwar Stress und „keinen Feierabend“, vor allem aber Familiennähe, Freiraum für die Kinder zum Aufwachsen und auch Verantwortung gegenüber Menschen und der Natur. „Das Bild des bäuerlichen Familienbetriebes entspricht allerdings nicht mehr der Realität“, meint Tobias Schmitt. Dieses Bild ins richtige Licht zu rücken, das haben sich nun Helene und Tobias Schmitt zur Aufgabe gemacht. Über die verschiedensten Kanäle möchten sie durch ihre Öffentlichkeitsarbeit für mehr Aufklärung und Verständnis sorgen.

Offen, durchaus kritisch, aber auch mit der Bereitschaft zur Selbstreflexion stellten sich die Aussiedler in der dritten und vierten. Generation den Fragen des Autors. Etwa der Frage, was für sie nachhaltiges Wirtschaften bedeute oder wie sich Biodiversität und landwirtschaftliche Nutzung der Kulturlandschaft miteinander verbinden lassen. Auch nach dem vermeintlichen Widerspruch des Einsatzes von Dünger und Pflanzenschutzmittel in Landschaftsschutzgebieten wurde gefragt und wie sich eventuelle eingeschränkte Möglichkeiten der Bewässerung auswirken.

Pflege und Bewirtschaftung

Neben der Erzeugung regionaler Lebensmittel stand seit Beginn der Aussiedlung auch die nachhaltige Pflege und Bewirtschaftung der Kulturlandschaft im Vordergrund. Dies war seit 1990 schon durch die Verordnung eines Natur- und Landschaftsschutzgebietes sowie Wildschutzgebietes Hockenheimer Rheinbogen vorgegeben, betonen die Gesprächsteilnehmer.

Biodiversität und die landwirtschaftliche Nutzung der Kulturlandschaft miteinander zu verbinden, sei möglich, ist die übereinstimmende Meinung. „Wir legen seit Jahren um unsere Felder Blühstreifen an“, sagt Jochen Kief. Auch werde nach Getreide eine vielfältige teils winterharte Zwischenfrucht angebaut und somit Insekten Nahrung und Wildtieren Unterschlupf gegeben. Eine enge Zusammenarbeit mit den Jägern und dem Naturschutz hält Tobias Schmitt für wichtig.

Andre Rinklef setzt unter anderem auf den verstärkten Einsatz intelligenter Lösungen, etwa die zentimetergenaue Einbringung von Düngemittel und Pflanzenschutzmittel. „Der Einsatz umweltschonender Techniken, wie das Hacken und Striegeln erlebt durch fortschrittliche Maschinen eine Renaissance“, merkt er weiter an.

Nachhaltiges Wirtschaften stellt für die Aussiedler eine Selbstverständlichkeit dar. Es gelte mit der Natur zu arbeiten und nicht gegen sie, gibt Tobias Schmitt die Richtung vor. Ökologisch und ökonomisch langfristig denken, ist das Grundverständnis von Jochen Kief. „Wir düngen mit unserer Gülle effizient unsere Felder, sparen so Mineraldünger ein. Dies ist gut für die Umwelt und für unseren Geldbeutel“, erläutert der Inhaber eines Milchviehbetriebs.

Für Andre Rinklef steht fest: „Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet für mich, in Generationen zu denken. Wir müssen heute so arbeiten, dass uns der Boden noch in 100 Jahren und mehr so mit Lebensmitteln versorgt.“ Lisa Rinklef stellt die Frage in den Raum, ob nicht eine nachhaltige Ertragsfähigkeit des Bodens über die Wirtschaftlichkeit zu stellen sei.

Dünger im Landschaftsschutzgebiet

Landschaftsschutzgebiet und der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmittel muss nach Einschätzung von Jochen Kief kein Widerspruch sein. Beim Dünger werde der Boden der verschiedenen Schläge beprobt und dann nach dem Nährstoffentzug der Pflanze aufgedüngt, informiert Schmitt, Inhaber eines Gemüsebaubetriebes. Die Kunst dabei sei es, die gesamte Bewirtschaftung so auszurichten, dass der Einsatz an Dünger und Pflanzenschutzmittel so gering wie möglich gehalten werde, ergänzt Andre Rinklef.

Der Hockenheimer Rheinbogen gehört mit weniger als 600 Millimeter im Jahr zu den niederschlagsarmen Gebieten. Hinzu kommt die zunehmende Sommertrockenheit, die nicht nur für die Gemüsebauer, gleich ob konventionell oder Bio, ein Problem darstellt. Bis zu 50 Prozent geringere Erträge können die Folge sein, erläutert Lisa Rinklef. Um Trockenperioden bis zum nächsten Niederschlag zu überbrücken, sei es notwendig, die Kulturen zu bewässern, um damit den Ertrag zu sichern.

Dabei gehe es auch um Planungssicherheit, sowohl für den Erzeuger, den Handel als auch für den Verbraucher. Sollte die Möglichkeit der Bewässerung im Hockenheimer Rheinbogen und auf der über 7054 Hektar umfassenden Horan-Gemarkung eingeschränkt werden, so stelle dies für seinen auf Gemüse ausgerichteten Betrieb eine Existenzbedrohung dar, stellt Tobias Schmitt fest. Die Folgen seien nicht nur Qualitäts- und Ertragseinbußen, sondern würde seinen Betrieb in der jetzigen Form „in die Knie zwingen“. Eine Umstellung des Betriebs sei dann unausweichlich.

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