Ketscher Bürgermeister Jürgen Kappenstein schaut auf 2021

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Bürgermeister Jürgen Kappenstein kann dem Lockdown sogar eine gute Seite abgewinnen, so würden ihm Bürger berichten, dass es in Ketsch mit seinem Wahrzeichen, der Kirche St. Sebastian, ruhiger und bewusster gelebt werde. Bild: Brückl © Brückl

Ketsch. Es ist gute Tradition in der Enderlegemeinde, am Beginn des Jahres beim Neujahrsempfang des Bürgermeisters in der Rheinhalle einen Ausblick auf das noch junge Jahr zu wagen. Derzeit wagt man aber Kontakte eher nicht und soll das wegen der Corona-Pandemie auch nicht tun - also war die Absage des Empfangs, der für Sonntag, 10. Januar, geplant war, nur die logische Konsequenz. Im Gespräch beantwortet Rathauschef Jürgen Kappenstein einige Fragen, er „empfing“ unsere Zeitung am Telefon.

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Herr Kappenstein, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das laufende Jahr voraus?

Jürgen Kappenstein: Ich schaue mit gemischten Gefühlen nach vorne. Ich würde mich natürlich freuen, wenn Corona endlich besiegt wäre, damit das normale Leben wieder Einzug halten kann. Wir wissen aber auch, dass dies eher Wunschdenken ist. Ich gehe davon aus, dass es noch mindestens ein halbes Jahr dauern wird, bis wir wieder ein bisschen zur Normalität zurückkehren können. Ich weiß, dass die Bürgerinnen und Bürger auf die Wiederöffnung unserer Einrichtungen und auf die Möglichkeiten von Begegnungen hoffen. Doch wir alle müssen noch Geduld haben, bis die Infektionszahlen dauerhaft ein niedriges Niveau erreichen.

Was wird vermeintlich das wichtigste Projekt 2021, das nichts mit Corona zu tun hat? Wo setzen Sie in der Gemeinde einen Schwerpunkt?

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Kappenstein: Ein wichtiges Thema ist die Erweiterung der Alten Schule, die dringend mehr Räumlichkeiten benötigt. Bevor jedoch mit dem Erweiterungsbau begonnen werden kann, müssen die Abrissarbeiten an den zum Teil noch vorhandenen Bestandsgebäuden vorgenommen werden. Des Weiteren werden wir uns auch um den Ausbau von Kindertagesstätten kümmern, denn die Kinderbetreuung ist ein wichtiges Thema in Ketsch. Der Anstieg an Geburten ist sehr erfreulich, bringt jedoch auch Veränderungen mit sich, auf die wir reagieren müssen und wollen. Nicht immer können wir mit der schnellen Entwicklung sofort Schritt halten. Doch wir werden auch im Jahr 2021 weitere Möglichkeiten für die Kinderbetreuung schaffen. So ist unter anderem geplant, das Gelände des BMX-Parcours für den Bau einer neuen viergruppigen Kindertageseinrichtung zu nutzen. Das Grundstück bietet hierfür ausreichend Platz.

Im Gewerbegebiet ist ein Patient hinzugekommen - Aldi Süd wird seine älteste Regionalgesellschaft, Logistik und Verwaltung, 2022 abziehen: Was bedeutet das für Ketsch und ist nicht ein Strategiewechsel für die Gewerbeflächen entlang der Straße Richtung Hockenheim notwendig?

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Kappenstein: Diese Nachricht, die uns wie der Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat, muss erst einmal verdaut werden. Schließlich bestehen die geschäftlichen Beziehungen zur Firma Aldi schon seit vielen Jahren, genau gesagt: Vor 53 Jahren hat sich das Unternehmen hier in Ketsch niedergelassen. Das Aldi-Zentrallager versorgte bislang 74 Filialen in 47 Ortsgemeinden. Mehr als 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fanden bei der Aldi GmbH und Co. KG Ketsch ihre Arbeit und damit die Grundlage und die Sicherheit, sich und ihre Familien ernähren zu können. Das zählt für mich, ganz ehrlich gesagt, viel mehr als die Gewerbesteuereinnahmen, die künftig in erheblichem Maße wegfallen werden. Für das Engagement der Firma Aldi und die stete Bereitschaft, der Gemeinde bei der Erfüllung ihrer vielfältigen Aufgaben als Partner zur Seite zu stehen, darf ich mich im Namen des Gemeinderates und der Ketscher Bevölkerung herzlich bedanken.

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Corona und ein Bombenfund - würden Sie 2020 gerne streichen?

Kappenstein: Streichen nicht unbedingt. Natürlich möchte niemand eine Pandemie in solchem Ausmaß erleben, aber man kann sich auf diese Situation einstellen und versuchen, positive Dinge daraus zu ziehen. Durch den Lockdown ist vieles ruhiger geworden. Bürgerinnen und Bürger erzählen mir oftmals, dass sie in den vergangenen Monaten bewusster gelebt haben. Diese Achtsamkeit und der behutsame Umgang mit der eigenen Gesundheit sind erstrebenswerte Maxime, die auch nach der Pandemie nicht an Bedeutung verlieren. Vielleicht können wir aus unseren Erfahrungen lernen und unsere Zukunft sorgsamer gestalten. Dass uns auch die Vergangenheit plötzlich einholen kann, zeigte sich beim Bombenfund in der Schillerstraße. Diese Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg sind leider noch immer vorhanden. Wenn sie gefunden werden, gilt es schnell zu handeln. Daher bin ich froh und dankbar, dass beim Einsatz in Ketsch alle Beteiligten umsichtig handelten und die Situation hervorragend meisterten. Vor wenigen Wochen wurde an der Altrheinbrücke eine weitere, allerdings kleinere Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Auch hier klappte die Beseitigung reibungslos.

Finanziell lief das abgelaufene Jahr für Ketsch nicht so schlecht wie befürchtet - was kommt dieses Jahr finanziell auf die Gemeinde zu?

Kappenstein: Die Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie werden Auswirkungen haben: Es sind weniger Steuereinnahmen - weniger Gewerbe- und Einkommensteuereinnahmen - zu erwarten. Konkrete Prognosen sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Pandemie-Geschehen weiterentwickelt und welche Folgen dies haben wird.

Welche Bauprojekte werden und müssen weiter vorangetrieben werden?

Kappenstein: Wie bereits erwähnt, steht die Erweiterung der Alten Schule an. Darüber hinaus soll die Kindertagesstätte in der Gartenstraße fertiggestellt werden. Im Wesentlichen geht es hierbei um den Innenausbau und die Gestaltung der Außenflächen. An der Neurottschule geht es unter anderem mit den Brandschutzmaßnahmen weiter. Die Mensa ist ja schon in Betrieb und die offizielle Einweihung werden wir nachholen, sobald die Pandemielage es zulässt. Die Turnhalle auf dem Gelände des Kindergartens „Villa Sonnenschein“ soll ebenfalls fertiggestellt werden. Sobald die Arbeiten zum Innenausbau abgeschlossen sind, kann die Turnhalle für Sport und als Ausweichmöglichkeit für die Betreuung genutzt werden.

Das Thema Betreuung ist nach wie vor ein großes in Ketsch, Sie sprachen es bereits an - wie geht es hierbei weiter? Wird sich die Lage entspannen?

Kappenstein: Das streben wir an. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun. Wir packen das Schritt für Schritt an - mit dem Ziel, dass wir dem Anspruch gerecht werden, für jedes Kind einen Betreuungsplatz vorhalten zu können. Vergangene Prognosen zur demografischen Entwicklung haben sich genauso geändert wie die gesetzlichen Vorgaben zur Kinderbetreuung. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Anfang der 1990er-Jahre beispielsweise gab es sogar Überlegungen, aufgrund der niedrigen Schülerzahlen die Alte Schule und die Neurottschule zusammenzulegen. In den vielen Jahren, in denen ich als Bürgermeister und Hauptamtsleiter im Ketscher Rathaus tätig bin, mussten und müssen wir immer wieder auf neue Gegebenheiten reagieren. Bisher ist es uns immer gelungen, ausreichend Betreuungsplätze bereitzuhalten.

Wie viele Plätze fehlen denn noch bei den Kindergartenkindern?

Kappenstein: Es fehlen noch 50 bis 70 Plätze. Das entspricht etwa drei Kindergartengruppen ab den Dreijährigen.

Wenn der Kindergarten auf dem Dirtplatz aufmacht, sind dann alle fehlenden Plätze aufgearbeitet?

Kappenstein: Davon ist auszugehen. Allerdings müssen wir die Zeit bis dahin überbrücken, gegebenenfalls auch mit Interimslösungen.

Glauben Sie, dass das Backfischfest im August stattfinden kann?

Kappenstein: Das hängt natürlich von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab. Es sind ja noch ein paar Monate, bis die letztendliche Entscheidung getroffen werden kann, dennoch mussten die Verantwortlichen des Angelsportvereins bereits mit den Planungen beginnen. Die Gemeinde ist gerne bereit, Hilfe und Unterstützung zu leisten. Selbstverständlich hoffen auch wir, dass in diesem Sommer wieder Festivitäten möglich sein werden.

Was ist Ihr persönliches „Unwort des Jahres“ - also für 2020?

Kappenstein: Dieses Jahr braucht kein Unwort, denn es ist die Zahl selbst. Wann immer von 2020 die Rede sein wird, werden wir alle sofort an Corona denken. Positive Ereignisse, die es im vergangenen Jahr sicherlich auch gegeben hat, verblassen vor dem Hintergrund von Abstands- und Hygieneregelungen, Diskussionen um Maskenpflicht, Schließungen von Schulen und Gaststätten sowie die ständige Omnipräsenz von Infektionszahlen. Normalerweise sind es doch gerade die guten Dinge, die in Erinnerung bleiben. 2020 wird hier die Ausnahme bleiben.

Ab wann rechnen Sie damit, dass sich die Corona-Lage entspannt? Wann kann man wieder auf die „Alla hopp“-Anlage, wann kann man die Grillhütte, wann das Ferdinand-Schmid-Haus wieder mieten zum Beispiel oder wann öffnet das Hallenbad wieder?

Kappenstein: Wie bereits gesagt, können Einrichtungen erst dann wieder geöffnet werden, wenn die Fallzahlen dauerhaft ein niedriges Niveau erreicht haben und die infektionsschützenden Maßnahmen per Verordnung gelockert werden können. Zu welchem Zeitpunkt dies genau der Fall sein wird, kann niemand vorhersagen.

Eine Grafik mit den aktuellen Corona-Zahlen gibt's hier: