Corona - Musikpädagogin Tatjana Worm sieht Entwicklung für Kinder kritisch / Kunst fehlt als Ausdrucksform / In Tagebüchern ihres Schwiegervaters geblättert Kreativität als Pflaster für die Seele

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Caroline Scholl
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Tatjana Worm mit dem Puppenspiel und der Kulisse ihres Schwiegervaters ist besorgt, denn auch die Seele benötige Schutz in der Corona-Zeit. © Scholl

Ketsch. Corona und alle zugehörigen Maßnahmen verlangen den Menschen schon seit einiger Zeit vieles ab. Die aus Usbekistan stammende Musikpädagogin und Musikwissenschaftlerin Tatjana Worm bietet seit Jahrzehnten Klavierunterricht an. Ein großes Augenmerk richtet die Musikerin bei ihren derzeit rund 60 Schülern im Alter zwischen vier und 70 Jahren auf die Förderung der Kreativität. So spielen Improvisationen und eigene Kompositionen immer eine große Rolle in ihrem Unterricht.

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„Musik ist wie jede Kunstform eine Ausdrucksmöglichkeit für Themen, die einen beschäftigen, und eben auch für Probleme. Diese Auseinandersetzung mit dem Geschehen wirkt heilend, nur leider wird diese Möglichkeit aktuell den Menschen einfach genommen“, bemerkt die 57-Jährige kritisch.

Vergleich mit Zweiten Weltkrieg

In Zeiten der Corona-Pandemie sind der Ketscherin die Tagebücher ihres verstorbenen Schwiegervaters Otto Eberhardt in die Hände gefallen, einem Kunstmaler aus Schwetzingen. Eberhardt führte die Tagebücher in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in den Jahren 1942 bis 1945, als er selbst elf bis 14 Jahre alt war. „Ich begann die Gedanken dieses künstlerisch veranlagten Kindes Otto in der Kriegszeit mit den Gedanken der Kinder heute zu vergleichen. Ich kam dabei zum Schluss, den Kindern geht es heute in einer gewissen Form sogar schlechter. Zwar ist der Konsum möglich, es fehlt scheinbar an nichts, und doch fehlt so viel“, bekräftigt Worm.

Otto Eberhardt „flüchtet“ vor den Schrecken des Krieges in seine eigene, geschaffene Welt, baut ein kleines Puppentheater, bastelt sich Puppen aus Materialien, die er findet, malt Kulissen und schreibt Szenen und Musik um später Nachbarn, Schulkameraden und Bekannten kleine Theaterstücke vorzuführen. „Sein erstes Stück hieß ‚Wie Kasperle das Fürchten lernte’ und wurde im Mai 1944 uraufgeführt, einer Zeit, in der Luftlagealarme mit Sirenen die Bevölkerung zum Aufsuchen der Keller aufforderten, was er oft nicht tat, weil er an seinem Puppentheater arbeiten wollte. Mit dem Stück lernte Otto den Umgang mit Furcht und brachte dies auch den anderen bei. Als er 1944 mit gerade 13 Jahren für neun Tage von zu Hause fort musste, um in der Nähe von Saarburg Schützengraben auszuheben, was bedeutete, dass er täglich acht Stunden mit dem Spaten unter Bomben schuften musste, schreibt er eine neue Szene für sein Theater und schafft sich so seine eigene märchenhafte Realiät“, führt sie weiter aus.

Nahrung für den Geist

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Dass Kunst viel mehr als Unterhaltung sei, ist für Tatjana Worm unstrittig, vielmehr sei Kunst Nahrung für Geist und Seele, halte die Psyche im Gleichgewicht und bilde. „Otto hatte zwar den Mangel an Essen, Wärme und musste hart arbeiten. Aber er hatte Möglichkeiten, seine Gefühle auszuleben, auszudrücken und vor allem, dies gemeinsam mit Menschen zu tun, die ihm durch den sozialen Kontakt Freude und Wärme gaben. Jedes Theaterstück, mit dem er anderen Freude schenkte, brachte ihm Freude und Anerkennung zurück, er bekam eine Rückmeldung. Dies ist den Kindern heute und aktuell nicht möglich“, beschreibt Tatjana Worm besorgt.

In ihrer Musikschule sei es gute Tradition, jährlich einen Kompositionswettbewerb durchzuführen. Im Jahr 2020 wären die 25. Festspiele angestanden. „Dieses Spiel vor Publikum war und ist laut den Verordnungen nicht möglich. Meine Schüler haben trotzdem komponiert, waren sehr enttäuscht, dass selbst mit Einschränkungen kein Vorspielen möglich war und es ist erschreckend, wie stark das Thema Corona verankert ist. Es gibt bei den Kompsitionen Titel und Texte wie ‚Virus des Schreckens’, ‚Weltuntergang’ oder ‚die Seele platzt’. Für die gesunde Entwicklung der Kinder wird der Weg der Verarbeitung durch die Kunst aktuell versperrt und die wichtigen sozialen Kontakte fehlen außerdem, genauso wie die Ästhetik“, mahnt Worm.

„Welt auf Kante“

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Ihre Schülerin Franka Hellmann (12), schrieb beispielsweise das Lied „Welt auf Kante“, welches sie aufgrund der Corona-Regeln nicht selbst vorsingen dürfe und dessen Text untröstlich sei: „Tik-tak, tik-tak schlagen die Uhren, tik-tak, tik-tak ohne Ruh. tik-tak, tik-tak, läuft der Zeiger, tik-tak, tik-tak, schau ihm zu. Die Batterie ist leer, die Uhr hat keine Energie mehr. Doch die Zeit läuft weiter, immer weiter, immer heiter, läuft sie weiter“, lautet ein Auszug.

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„Otto Eberhardt schuf in der Kriegszeit ein Puppentheater, in dem er alles selbst bestimmen konnte, die Kinder heute können dies nicht und sind aus meiner Sicht zu einer Konsumexistenz ‚verurteilt’, etwas, was mir große Sorgen bereitet“, sagt Tatjana Worm. Der sensible Blick auf dieses Thema sei ihr wichtig, denn es gelte den Körper zu schützen, aber die Seele benötige den Schutz ebenso.

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