Gewann „Entenpfuhl“ - Beim Scoping-Termin gehen die Expertenmeinungen über einen Kies- und Sandabbau weit auseinander / Krieger KG plant runde Tische Neutrales Gutachten soll Konflikt lösen

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Marco Brückl
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Der „Entenpfuhl“-Wald nahe der Hockenheimer Landstraße könnte einem Kies- und Sandabbau zum Opfer fallen. © Brückl

Ketsch/Schwetzingen. Baden-württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) weilte gestern im Kreis Waldshut im Schwarzwald, um sich ein Bild von den massiven Baumschäden durch Trockenheit und Borkenkäfer vor Ort zu machen. „Er hat den Wald zur Chefsache erklärt – da hätte er auch mal hier vorbeikommen können“, sagte Frank Lück, Leiter des Hegerings Schwetzingen der Jägervereinigung Mannheim, im großen Sitzungssaal des Landratsamts des Rhein-Neckar-Kreises.

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Die gehörte zu den vielen geladenen Behörden, Organisationen und Verbänden beim Scoping-Termin, die an diesem Dienstag, 20. August, zum Vorhaben der Heinrich Krieger KG erst- oder nochmals Stellung beziehen sollten. Das Unternehmen aus Neckarsteinach möchte im Gewann „Entenpfuhl“ auf Gemarkung Schwetzingen zwischen Ketsch und Hockenheim-Talhaus auf 42 Hektar Kies und Sand abbauen (wir berichteten mehrfach). Einem Baggersee mit Kies- und Betonwerk würde der „Entenpfuhl“-Wald nahezu vollständig zum Opfer fallen.

Margarete Schuh, Leiterin des Wasserrechtsamts des Kreises und als solche Herrin des Verfahrens, wies darauf hin, dass der Scoping-Termin noch kein Planfeststellungsverfahren sei. Er diene ausschließlich dazu, dem Vorhabenträger eine Art „To-Do-Liste“ an die Hand zu geben. Die Methode und die Tiefe, um das Vorhaben des Kies- und Sandabbaus in einem Umweltverträglichkeitsbericht systematisch zu erörtern, sei der Grund der Zusammenkunft.

Erste Zusammenkunft 2016

Es habe schon im März 2016 einen ersten Scoping-Termin gegeben. Alles, was damals an Einwänden besprochen worden sei, gelte weiter. Doch nun, da die Heinrich Krieger KG statt der vormals 24,5 Hektar 42 Hektar für Baggersee und Werk ins Auge fasse, sei ein zweiter Scoping-Termin nötig geworden mit der Möglichkeit, weitere Forderungen vorzubringen. Und – Margarete Schuh nahm es vorweg – es gebe einen handfesten Konflikt mit der Trinkwassergewinnung.

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Der Zweckverband Wasserversorgung Kurpfalz (ZWK) möchte nämlich eine Neuausweisung des Wasserschutzgebiets um das Wasserwerk Schwetzinger Hardt und hat dazu einen Antrag gestellt – dieser steht dem Vorhaben der Heinrich Krieger KG entgegen. Denn würde das Wasserschutzgebiet nachhaltig erweitert – derzeit ist es per Anordnung für maximal drei Jahre erweitert geschützt – befänden sich Baggersee und Kieswerk in der Schutzzone, mit „III a“ benannt – ein Abbau von Kies und Sand wäre ohne entsprechende Befreiung, ohne Sondergenehmigung, verboten.

Ob die Errichtung eines Baggersees mit Kieswerk nun die Trinkwasser- und Wasserversorgung im ZWK-Gebiet mit Schwetzingen, Ketsch, Mannheim und Heidelberg zu stark beeinträchtigt oder nicht, wird auch durch zwei Gutachten nicht abschließend geklärt. Die Gutachten des ZWK und der Heinrich Krieger KG kommen zu Ergebnissen, die sich entgegenstehen.

„Unterlagen zurückgehalten“

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Rechtsanwalt Ralf Neumann, der die Krieger-Gruppe vertritt, erhob Vorwürfe gegen den Zweckverband, der womöglich nicht alle Unterlagen zur Verfügung gestellt habe. Da müsse sie aber entschieden widersprechen, sagte Kathrin Böttcher, die beim Wasserversorger für Wasserrecht zuständig ist. Beide Parteien errechneten jedenfalls unterschiedliche Modelle für eine Beurteilung mit verschiedenen Parametern. „Wir können den Gordischen Knoten heute nicht lösen“, sagte Margarete Schuh und fand den Vorschlag des ZWK erstrebenswert, ein drittes, neutrales Gutachten zur Lösung des Konflikts zu erstellen. Das soll von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) ausgearbeitet werden. „Das können wir von Ihnen aber nicht fordern – Sie können es annehmen, müssen es aber nicht“, sagte Schuh zu Geschäftsführer Michael Krieger.

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Letzterer äußerte sich im Gespräch mit unserer Zeitung noch nicht vom Vorschlag eines dritten Gutachtens überzeugt, das sei freilich auch eine Kostenfrage. Man werde das Ergebnis eines dritten Gutachtens auf jeden Fall akzeptieren, versicherte Kathrin Böttcher.

Ein Bündel an Forderungen

Zuvor hatten die Behörden und Umweltverbände ein ganzes Bündel geschnürt, das die Krieger KG im Umweltverträglichkeitsbericht abarbeiten muss. Das Wasserrechtsamt will Informationen zum Niederschlagswasser, der ForstBW erinnerte an die Funktionen des Waldes beim Bodenschutz, Immissionsschutz und Klimaschutz und machte darauf aufmerksam, dass nach einer möglichen Abholzung zügig die Ausgleichsflächen zu finden seien – die Ausgleichsflächen werden im landespflegerischen Begleitplan dargestellt. Nicht alles, was vorgebracht wurde, muss im Umweltverträglichkeitsbericht erscheinen.

Das Straßenbauamt interessiert die Zufahrt zum Kieswerkgelände, die zur L 722 zwischen „Entenpfuhl“ und Hockenheim-Talhaus hin ausgerichtet sein soll. Die untere landwirtschaftliche Behörde sorgt sich um Einkommenseinbußen der Landwirte, wenn die Ausgleichsflächen Betriebe belasten.

Enderlegemeinde stumm

Und die Enderlegemeinde, die als Anrainer vom Kiesabbau betroffen wäre, war zwar durch ihren Umweltbeauftragten Dominique Stang vertreten, hatte aber keine zusätzlichen Bedenken. Das brachte Günther Martin, Gemeinderat für Bündnis 90/Die Grünen, in Rage. Er fragte sich, warum sich Bürgermeister Jürgen Kappenstein in der jüngsten Gemeinderatssitzung noch als echter Gegner des Vorhabens geäußert habe, die Gemeinde Ketsch nun aber schweige. Nicht mal den Lärm durch den Kiesabbau sei genannt worden.

Dafür ergriff Erster Bürgermeister Matthias Steffan das Wort für Schwetzingen. Die Trinkwasserversorgung sei doch von enormer Wichtigkeit, weshalb er zu einem dritten Gutachten rate – überdies habe ja wohl auch der Kreis ein Interesse daran. Dafür gab’s Applaus.

Weniger Ovationen lösten die Mitglieder der Heidelberger Gruppe von „extinction rebellion“ aus, die mit Plakaten ihre Ablehnung des Kiesabbaus kundtaten. Sie könnten gerne als Zuhörer Platz nehmen, aber Transparente und dergleichen seien wahrlich nicht angebracht, wies Margarete Schuh sie zurecht. Die Gruppe folgte der Aufforderung.

Stumm wollten auch die Jäger nicht sein, die auf das Vorkommen des Hirschkäfers, der roten Waldameise oder diversen Fledermäusen hinwiesen. Der Umweltstammtisch Ketsch lenkte die Aufmerksamkeit auf eine Gasleitung, die sich unweit des Areals befindet. Auch das Thema Klimawandel müsse in einer Studie beleuchtet werden. Im Einklang mit Bund Hockenheim und Nabu wurden die Ausgleichsmaßnahmen fokussiert, die zu einer noch intensiveren Landwirtschaft führten. Auch Haubenlerche und Amphibien wie der Kreuzkröte müssen im Umweltbericht eine Erwähnung finden.

In einem nächsten Schritt sollen sich die Experten und Gutachter um die Differenzen ihrer erarbeiteten Modelle kümmern. Michael Krieger kündigte an, runde Tische veranstalten zu wollen, um mit den Verbänden zu sprechen. Auch an die Öffentlichkeit wolle sich sein Unternehmen möglichst noch dieses Jahr wenden. Eine Entscheidung über das Verfahren – der letztendliche Antrag der Heinrich Krieger KG steht noch aus – erwartet Margarete Schuh in drei oder vier Jahren.

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