Ortshistorie - Gemeinde hatte das Recht auf eine Herde mit 300 Muttertieren / Bürger setzten sich 1813 geschlossen für die Abschaffung ein / Carl Theodor befahl das erste Straßenpflaster Oftersheims Einst rümpfte der Kurfürst die Nase wegen der Schafe

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az/zg
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Oftersheim. In den „Heimatblättern“ erinnerte sich Franz Volk, Autor der Ortschronik „Oftersheim – ein Dorf und seine Geschichte“, vor etwa 50 Jahren an die Historie der Gemeindeschäferei. In der Mannheimer Straße 87 stand einst das Wohnhaus des Landwirts Gerhard Siegel. Karl Frei blickte zurück, was es mit diesem Haus für eine besondere Bewandtnis hatte: Dort war einst der Schafhof der Gemeinde. Der Stall stand inmitten des Kreuzhalbmorgens, nicht weit von dem Steinkreuz, das der Flur diesen Namen gab.

Heute beweiden Schafe in Oftersheim die Dünen. Früher gehörten sie zum Ortsbild in der Dorfstraße. Dem Kurfürsten und seinem Gefolge missfiel’s. © Zietsch
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Von hier aus geht’s zurück ins 18. Jahrhundert. Kurfürst Carl Theodor passierte in jenen Tagen von seiner Residenz Schwetzingen aus öfters mit seinem Gefolge die Oftersheimer Gemarkung. Naserümpfend hielten sich die Hofdamen ein Riechtüchlein vor den Mund, die Kavaliere machten hämische Bemerkungen über den Viehkot, der auf der langen Dorfstraße lag. Unzumutbar!

Der Herrscher greift ein

Darum griff Kurfürst ein: „Zu der hohen plaisir dahiesigen orths auf beiden Seiten Kändelein mit 12 Schuh breit zu pflastern ist der Anfang gemacht, die Dorfstraße soll in der Mitte gewölbt und mit Kies überschüttet sein. Die Chaussee wird bis über die Hecken zur Sauweide hinaus geführt, weil durch den Viehtrieb die Straße immer sehr ruiniert ist.“ So ging auf den Treibweg der Schafe und Rinder das erste Straßenpflaster der Gemeinde zurück.

Also war es vor rund 200 Jahren ein alltägliches Bild, dass die Gemeindeschafherde durch die Ortsstraße zog. War sie doch ein Bestandteil, der zu dem Bild des ländlichen Friedens passte. Der wurde im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte aber vom Verkehr verdrängt.

Ackerflur bis nach Schwetzingen

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Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts machte die heutige Mannheimer Straße nur einen kleinen Teil ihrer gegenwärtigen Ausdehnung aus. Dahinter erstreckte sich bis nach Schwetzingen die weite Ackerflur. Inmitten dieser stand einsam der Schafstall. Nun wurde aber nach der Wende zum 19. Jahrhundert die ehemalige Ackerflur schrittweise bebaut. Der Schafstall selbst wurde zu einem Bauernwohnhaus ausgebaut. Aus der ehemaligen langen Dorfstraße entstand die Mannheimer Straße.

Die Gemeinde aber hatte ein altes Recht, eine Gemeindeschäferei zu halten, und zwar durfte sie eine Herde von 300 Muttertieren weiden, Junglämmer nicht miteingerechnet.

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Ebenso alt wie das Recht auf die Schäferei war die Pflicht, alljährlich an Martini den Blutzehnten für die Muttertiere in Höhe von 6 Kreuzer je Schaf zu entrichten. Von dieser Abgabe erhielten im Mittelalter der katholische Pfarrer ein Drittel und die pfalzgräfliche Herrschaft zu Heidelberg zwei Drittel. Nach Einführung der Reformation erhielt das Drittel aus dem Blutzehnten der reformierte Geistliche zu Schwetzingen, das übrige Gefälle wurde an die kurfürstliche Hofkammer abgeführt. Urkundlich kann man die ehemalige Herde bis zum Jahr 1671 zurückverfolgen, wo der Keller in Schwetzingen, Johann Ludwig May, den Blutzehnten für 20 Schafe quittiert hat.

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Im Jahr 1730 war die Schafweide an den Keller Sußmann von Ladenburg verpachtet und die Gemeinde erlöste für das Weiderecht auf ihrem Gelände 73 Gulden. 1796 waren Ludwig Koppert, Sebastian Gunth und Konsorten Pächter der Gemeindeweide und führen dafür alljährlich 205 Gulden an die Gemeindekasse ab. Sie zahlten an Husarengeld (Blutzehnten) für 234 Hammel jährlich 23 Gulden und 21 Kreuzer. Der letzte Schafhalter, der auf Oftersheimer Gemarkung eine Herde hielt, war Jakob Quast in Heidelberg. Er entrichtete im Jahr 1848 für das Weiderecht 315 Gulden.

Geht man nun noch weiter in der Historie zurück, bis ins Jahr 1382, und betrachtet die vielen Hirten und ihre Herden, sieht man urkundlich den Schafhirten schon früher erwähnt. Der Beichtvater der Pfalzgräfin Elisabeth, Ruprechts Gemahlin, reichte ihr am Sterbebett den letzten Trost des Glaubens. Die Fürstin dankte ihrem väterlichen Freund und berichtete ihm, dass sie ihn in ihrem Testament für seine Dienste reichlich bedacht habe. Unter vielen Legaten und Vermächtnissen erbte der Orden, dem der Beichtvater angehörte, auch den Schafhof zu Schwetzingen und seine Schäferei.

Und noch eine Geschichte: Im Mai 1284 war in den Straßen Heidelbergs ein kleiner Aufruhr. Der Marquis Heinrich von Hirzberg und sein Schwiegersohn Eberhard Schenk von Welresawe wurden gefangen genommen und mussten Urfehde (Verzicht auf Rache und andere Kampfhandlungen) schwören. Die beiden Edelleute unterschrieben, dass ihre Güter in Oftersheim und Leutershausen als Pfand dem Pfalzgrafen Ludwig II. gehörten. Bereits im Mai 1290 kaufte der Pfalzgraf diese Güter von „Eberhardus pincerno de Wellersau“ für 400 Pfund Heller. Das große kurfürstliche Hofgut zu Oftersheim hat sich also anscheinend aus einem ehemaligen Schafhof entwickelt. Der Untergang der Gemeindeschäferei ist aufs Engste verknüpft mit der Abschaffung der Dreifelderwirtschaft.

Durch die harten Zeiten konnte das Feld nicht mehr unbebaut bleiben. Der Schäfer konnte also nur im Spätjahr auf den leeren Feldern weiden. Der Wald durfte nach altem Recht nicht von Schafen befahren werden.

Die Bürger wurden 1813 zur Stellungnahme einberufen. Geschlossen stimmten alle für die Abschaffung der Gemeindeschäferei und den Verzicht auf das Schäferrecht. Die Bürger verpflichteten sich, die dadurch der Gemeindekasse jährlich ausfallenden 150 Gulden auf ihre Ackerumlage zu übernehmen. Aber ein so altes Recht und Brauchtum lässt sich nicht auf den ersten Anhieb beseitigen. Immer wieder wurden von einzelnen Bürgern Schafe gehalten und zu einer kleinen Herde vereinigt. Die Raubweide war damit ein notwendiges Übel.

Finanzielle Bedrängnis

Im Jahr 1835 rebellierten 190 Oftersheimer Bürger gegen die stillschweigende Duldung der Schafherde und drückten beim Gemeinderat die endgültige Aufhebung der Gemeindeschäferei durch. Als aber die Gemeindeverwaltung in den Missjahren 1847 und 1848 in eine große finanzielle Bedrängnis kam, hatte sie kein anderes Mittel, um ihre Lage zu verbessern, als die Gemeindeschäferei aufs Neue an den schon erwähnten Jakob Quast zu verpachten.

Das war gleichsam das letzte Aufflackern eines sterbenden Brauches, dem aber auf Dauer kein Lebensraum mehr beschieden war.

Heute gehören die Schafe erneut zu Oftersheim: Sie verbeißen das Gestrüpp auf den Dünen, damit sich die ursprüngliche Landschaft wieder breitmachen kann. Oder wie es Bürgermeister Jens Geiß am vergangenen Sonntag in seiner Neujahrsrede formulierte: „In Oftersheim darf offiziell gemeckert werden.“ az/zg