Projekt Oftersheimerin hilft Kindern im brasilianischen São Paulo

Von 
Katrin Bugert
Lesedauer: 
Die Ringjonglage zählt zum Programm der Zirkuskinder. Das Archivbild zeigt den Ab-schluss eines Auftritts. © Bugert

Oftersheim/São Paulo. Die Oftersheimerin Katrin Bugert lebt und arbeitet in São Paulo in Brasilien. Zusammen mit Kolleginnen engagiert sich die Waldorfpädagogin beim „Circo Ponte das Estrelas“ (Zirkus Sternenbrücke) für Jugendliche von 12 bis 18 Jahren, auch eine Tagesstätte für jüngere Kinder gehört dazu. Das Projekt soll Kindern aus der sozialen Unterschicht eine Zukunftsperspektive bieten (wir berichteten mehrfach).

AdUnit urban-intext1

Die jungen Menschen lernen nicht nur Disziplin und Fleiß, sondern auch zusammenzuarbeiten. Jedes Jahr besucht Katrin Bugert über die Weihnachtsfeiertage ihre Eltern in der Hardtgemeinde. Bei dieser Gelegenheit hatten wir sie gebeten, uns ihre Eindrücke von der Situation beim „Circo Ponte das Estrelas“ zu übermitteln – aus einem Land, das durch Corona und durch die politischen Ereignisse schwer getroffen ist.

Oftersheim Oftersheim: Zirkus "Sternenbrücke" aus Sao Paulo zu Gast

Veröffentlicht
Von
Bugert
Bilder in Galerie
9
Mehr erfahren

Und das macht sich insbesondere bei dem Teil der Bevölkerung bemerkbar, der in den Armenvierteln oder in Favelas lebt. Also auch bei den Kindern, die der „Circo Ponte das Estrelas“ betreut. Hier ist der Bericht von Katrin Bugert:

Die Tagesstätte, die Kinder vom Säuglingsalter bis zu elf Jahren betreut, ist noch geschlossen. Wir haben noch einmal Lebensmittelkisten an die Familien verteilt und bei Gesprächen großen Bedarf gesehen, den Kindergarten und die Schulkindgruppen schnellstmöglich wieder zu öffnen.

AdUnit urban-intext2

Die Kinder leiden unter dieser Situation sehr, denn die Schulen geben keine konkreten Aufgaben oder einen Rhythmus vor. Die Kinder sitzen rund um die Uhr vor dem Fernseher, beschäftigen sich mit (gewaltsamen) Videospielen oder daddeln am Handy rum. Alle gesunden Lebensrhythmen – Schlafen, Wachensein, Essensgewohnheiten – sind gestört. Es gibt auch einige Fälle, die dringend um psychologische Hilfe gebeten haben.

Viel draußen an der frischen Luft

Mit den jugendlichen Zirkuskindern haben wir Anfang Februar die Arbeit wieder aufgenommen. Einerseits haben wir viel Platz für diese Gruppe, andererseits sind sie in einem Alter, in dem sie schon gewisse Regeln akzeptieren und einhalten können. Und außerdem sind wir sehr viel draußen im Trainingsbereich an der frischen Luft.

AdUnit urban-intext3

Am ersten Tag klingelte um Punkt 8 Uhr die Klingel insgesamt zehnmal – alle Jugendlichen der Vormittagsgruppe sind gekommen. Und so war es auch nach dem Mittagsessen: Junge Leute waren an diesem ersten Tag der Wiedereröffnung da, die Hilfe, Kontakt und etwas Sinnvolles zu tun brauchen. Es ist sichtbar und spürbar, wie dieses vergangene Jahr Schaden an ihren Seelen angerichtet hat. Sie sind vollgedröhnt vom Medienkonsum, leer gelutscht, ohne Lebenskräfte. Umso schöner war zu sehen, mit welcher Natürlichkeit sie ankamen, sich trafen, sich unterhielten, miteinander trainierten und zu Mittag aßen. In der Schule wird nichts verlangt, Google-Unterricht ist langweilig, man lernt nichts, das ist für viele frustrierend. Und diejenigen, die Schwierigkeiten haben, fallen ohnehin hinten runter (davon haben wir viele).

AdUnit urban-intext4

Wir trainieren hier in der Gruppe, wir wiederholen das Einmaleins zusammen, wir beschäftigen uns mit Spielen, wir üben weiter Gitarre und Geige, wir unterhalten uns, wir lachen gemeinsam oder hinterfragen traurige Gesichter. Das ist schön, es gibt Halt.

Gerade sind wir vielbeschäftigt mit dem Thema Schule. In Brasilien ist die Chancenungleichheit weiterhin sehr groß, je nachdem ob jemand in eine öffentliche oder in eine private Schule geht – nicht nur zu Zeiten der Pandemie (nur dann wird es noch viel deutlicher). Gerade öffnen die Schulen langsam wieder und bieten mit 35 Prozent Auslastung den Schülern Präsenzunterricht an.

Für manche Schüler bedeutet das, nur zwei Stunden in der Woche in die Schule gehen zu dürfen. In vielen öffentlichen Schulen sind die Klassen mit über 50 Schülern überlastet, die Lehrer unterrichten in drei Schichten. Das System ist auf Kopieren oder Auswendiglernen angelegt.

Wir sehen an den Ex-Artisten des Zirkusses, die über uns die Chance hatten, an einer etwas besseren Schule zu lernen, wie anders ihr Lebensweg nach dem Zirkus verlaufen konnte. Viele haben einen Freiwilligendienst in Deutschland absolviert, einige studierten hier in São Paulo. Sie konnten Träume verwirklichen und arbeiten nicht nur, um zu überleben. Und diese Chance würden wir anderen Zirkusschülern gerne auch geben.

Keine Stipendien mehr

Vor einigen Jahren hatten wir das Glück und umliegende Privatschulen sind durch die Aufführungen, die wir mit dem Zirkus dort absolviert haben, auf unser Projekt aufmerksam geworden. Sie haben uns gefragt, womit und wie sie helfen könnten. Und wir haben sie gebeten, Schulplätze für unsere Jugendlichen zur Verfügung zu stellen. Wir haben teilweise Stipendien bekommen und mussten nur Spenden für die Materialkosten und Uniformen auftreiben. Inzwischen hat sich die Situation aber geändert. Die Schulen vergeben keine 100-Prozent-Stipendien mehr, sie gewähren stattdessen nur eine Ermäßigung auf die Schulkosten. Aber keine unserer Familien ist imstande, monatliches Schulgeld zu bezahlen.

Als Projektverantwortliche machen wir uns derzeit Gedanken darüber, ob wir über so etwas wie eine Bildungspatenschaft Spender begeistern können, einzelnen Kindern und Jugendlichen aus unserem Projekt eine bessere Schulbildung und somit mehr Zukunftschancen zu ermöglichen. Außerdem werden wir auch ein Projekt erarbeiten, um professionelle psychologische Betreuung anbieten zu können. Wir sehen, dass der Bedarf an solcher Hilfe steigt. Weitere Informationen gibt es hier.

Oftersheim Oftersheim: Waldorfpädagogin in den Favelas

Veröffentlicht
Von
Bugert
Bilder in Galerie
8
Mehr erfahren

Fotostrecke Oftersheim: Katrin Bugert und ihr Zirkusprojekt

Veröffentlicht
Von
Katrin Bugert
Bilder in Galerie
6
Mehr erfahren

Mehr zum Thema

Oftersheim Oftersheim: Zirkus "Sternenbrücke" aus Sao Paulo zu Gast

Veröffentlicht
Von
Bugert
Bilder in Galerie
9
Mehr erfahren

Corona in Brasilien Oftersheimerin arbeitet in Brasilien bei sozialem Zirkusprojekt

Veröffentlicht
Von
Regina Klein
Mehr erfahren

Reit- und Fahrverein Eine Eiskönigin hoch zu Ross

Veröffentlicht
Von
Othmar Pietsch
Mehr erfahren

Oftersheim Oftersheim: Waldorfpädagogin in den Favelas

Veröffentlicht
Von
Bugert
Bilder in Galerie
8
Mehr erfahren

Hilfsprojekt In sieben Szenen um die Welt

Veröffentlicht
Von
Sabine Zeuner
Mehr erfahren

Interview Waldorfpädagogin in den Favelas

Veröffentlicht
Von
Sascha Balduf
Mehr erfahren

Soziales Engagement Die Manege weckt neuen Mut

Veröffentlicht
Von
Sabine Zeuner
Mehr erfahren

Feriendomizil Mit Schwert, Tunika und Katapult

Veröffentlicht
Von
Ann-Katrin Böhm
Mehr erfahren

Fotostrecke Oftersheim: Katrin Bugert und ihr Zirkusprojekt

Veröffentlicht
Von
Katrin Bugert
Bilder in Galerie
6
Mehr erfahren