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Plänkschter Geschichte(n) - Als Unternehmer Georg Hüngerle 1911 als erster Plankstädter mit einem Auto durch die Straßen der Gemeinde fuhr, zog er zahllose Blicke auf sich

Plankstadter Georg Hüngerle fuhr als erster mit einem Auto durch die Gemeinde

Von 
Winfried Wolf
Lesedauer: 
Georg Hüngerle ist der erste Plankstadter, der 1911 ein Auto besitzt. Seine Sonntags-fahrten sorgen in der Gemeinde für Aufsehen. © Wolf

Plankstadt. Im Jahr 2011 feierte man weltweit den 125. Geburtstag des Automobils, ein Ereignis, das untrennbar mit dem Namen Carl Benz verbunden ist. Zu Recht erinnerte man an diese bahnbrechende und zukunftsweisende Erfindung und feierte sie gebührend in Mannheim und Stuttgart. In Plankstadt kann man jetzt auf eine 110-jährige Automobiltradition zurückblicken.

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Das Auto

Hersteller: N.A.G. (Neue Automobil Gesellschaft GmbH), Berlin-Oberschöneweide

Bauart: Auto offen mit Klappverdeck, Rechtslenker

Kennzeichen: IV B – 5825 (IV B steht für das Großherzogtum Baden)

Typ: K 2 Darling 6/18 PS, 3-Gang-Getriebe

Motor: 4-Zylinder Reihenmotor, 1466 ccm, 18 PS

Bauzeit: 1911-1914

Höchstgeschwindigkeit: 65 km/h

Verbrauch: ca. 15 Liter/100 km

Kaufpreis: 9500 bis 11 000 Goldmark (je nach Ausführung)

Eigentümer: Schlossermeister Georg Hüngerle, Waldpfad 12, Plankstadt/Baden. ww

Ein Mann auf der Höhe seiner Zeit war zweifellos der Plankstadter Schlossermeister Georg Hüngerle (1872-1959), der Sohn des „Exbedidders“, des Expeditors oder Spediteurs, Wilhelm Hüngerle, der damals sicher als besonders fortschrittlich gegolten hat. Der Name Expeditor, mit dem die ganze Familie bezeichnet wurde, bezog sich auf den Beruf des alten Hüngerle als Bahnspediteur. Nachdem die Bahnlinie Heidelberg-Schwetzingen-Speyer ab 1873 in Betrieb war, wurde auch in Plankstadt täglich Stückgut per Bahn angeliefert und dem Expeditor oblag es, dieses vom Bahnhof mit Handkarren oder Fuhrwerk zu den Empfängern im Ort zu bringen.

Aus Hüngerles Vorleben ist bekannt, dass er nach Ostern 1886 mit 14 Jahren eine dreijährige Schlosserlehre in Mannheim antrat, gerade zu der Zeit, als Carl Benz in seiner Werkstatt in den Quadraten sein erstes Auto fahrfertig hatte. Das Patent dazu wurde Ende 1885 beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin eingereicht und nach Prüfung Anfang 1886 erteilt. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die neue Erfindung in Mannheim schon Stadtgespräch war und der junge technikbegeisterte Lehrling es mitbekommen hat. Vermutlich hat er die ersten Benzfahrzeuge in Mannheims Straßen selbst gesehen und auch näher betrachten können. Jedenfalls war der Eindruck so stark, dass er sich 25 Jahre später, inzwischen zum Schlossermeister und Dreschmaschinen-Unternehmer aufgestiegen, im Jahr 1911 für viel Geld ein eigenes Auto anschaffte. Offensichtlich liefen die Dreschgeschäfte mit dem Lokomobil und die Schlosserei so gut, dass er sich das leisten konnte.

Am liebsten sonntags unterwegs

Ein Automobil auf den Ortsstraßen war damals für die bäuerliche Bevölkerung eine Sensation. Wohl wird ab etwa 1900 schon mal eines der seltenen Vehikel durch die Hauptstraße geknattert sein, aber abseits der Schiene und der eigenen oder der tierischen Muskelkraft gab es noch keine anderen Fortbewegungs- oder Transportmethoden. Dabei war beim Fahren durch die Ortsstraßen größte Vorsicht geboten, das hieß Schritttempo, denn ab und zu kreuzte aufgescheuchtes Kleinvieh wie Hühner oder Gänse die gepflasterte Fahrbahn.

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Pferde scheuten gerne, wenn sich ein unbekanntes Lärmobjekt von hinten näherte, Kinder spielten auf der Straße und rannten johlend hinter dem Automobil her, am Straßenrand blieben die Leute stehen und schauten skeptisch zu: eine Kutsche ohne Pferde? Bei diesen Ortsdurchfahrten zwischen Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe durften die allgegenwärtigen Pferde vor ihren Fuhrwerken möglichst nicht erschreckt werden, damit sie nicht scheuten und in Panik „durchgingen“.

Plankstadts erster Autofahrer fuhr deshalb bevorzugt an Sonntagen durch die Gegend. Da blieben die Pferdefuhrwerke zu Hause, es gab nur wenige Kutschen und die Leute hielten Sonntagsruhe und die Straßen waren ampel- sowie verkehrszeichenfrei.

Fahrschulen gab es noch nicht und so besaß Georg Hüngerle einen handgeschriebenen Führerschein, der von der Polizeidienststelle ausgestellt worden war. Er enthielt den Hinweis, dass der Fahrer des Motorkraftwagens innerorts kein Pferdefuhrwerk überholen durfte. Bald verkaufte er das Fahrzeug allerdings an den Landwirt Heinrich Gaa weiter, den der Volksmund fortan „Auto-Heiner“ nannte.

Georg Hüngerle war nicht nur ein talentierter Schlossermeister, sondern ein Freund moderner Technik und ein Tüftler. Als Kanonier der Badischen Feldartillerie hatte er viel mit Technik zu tun und nahm die Neuerungen der späten Kaiserzeit begeistert auf. In seinem Besitz befand sich um 1905 bereits ein Lokomobil, eine fahrbare Dampfmaschine, die mehr geschäftlichen Nutzen brachte. Anders als beim Automobil leuchtete diese technische Neuerung wahrscheinlich deutlich mehr Menschen vor Ort ein, konnte man sich doch damit die bäuerliche Arbeit wesentlich erleichtern.

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Hüngerle taucht unter anderem im Heimatbuch 1971 und im Gemeindearchiv auf. Durch Vergleiche verschiedener Automobiltypen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg und der Beschriftung „Oberspree“ auf der Hülle des Ersatzreifens konnte das Fahrzeug mit hinreichender Sicherheit identifiziert werden: Es war ein N.A.G. (Neue Automobil Gesellschaft).

1901 errichtete die Elektrofirma AEG im Kabelwerk Oberspree eine Tochtergesellschaft unter dem Namen „Neue Automobil Gmbh“. Die NAG ließ zunächst ihre Autos und später auch Nutzfahrzeuge wie Lastwagen und Busse auf Rechnung bei der AEG-Automobilabteilung produzieren. 1908 ging die gesamte AEG-Automobilproduktion an die NAG über. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise fusionierte die Gesellschaft 1930 mit der Firma Büssing zur Büssing-NAG AG.

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