Deutsch-französischer Tag

Beziehung Deutschland – Frankreich: Reilinger Gemeinderätin mit Einschätzung

Wie die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Frankreich aussehen, beschreibt Agnès Thuault-Pfahler, die als Französin mittlerweile seit über zwanzig Jahren in Reilingen wohnt.

Von 
Henrik Feth
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Reilingen/Hockenheim. Ein geeintes Europa war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein eher surrealer Gedanke. Doch die Zeit hat bewiesen, was auf dem Kontinent möglich ist, von der Gründung der Europäischen Union bis zum bahnbrechenden Schengener Abkommen, der Staatenzusammenschluss floriert auch im 21. Jahrhundert weiter. Federführend in dieser Entwicklung sind die beiden größten Wirtschaftsmächte und bevölkerungsreichsten Staaten auf dem europäischen Festland: Deutschland und Frankreich.

Agnès Thuault-Pfahler lebt seit über 20 Jahren in Reilingen und setzt sich schon lange für die deutsch-französische Verständigung ein, wie das vor gut einem Jahrzehnt entstandene Bild am Partnerschaftsschild in Reilingen zeigt. © Lenhardt

Eine umfassende gemeinsame Geschichte inklusive Kriegen und Bündnissen hinderte die beiden Nationen nicht, in ein inzwischen fast brüderliches Verhältnis zu treten. Sinnbildlich dafür ist der Deutsch-Französische Tag, der auf den 22. Januar datiert ist. Wie die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die gegenseitige Akzeptanz und die Überwindung von Vorurteilen genau aussieht, beschreibt nun Agnès Thuault-Pfahler, die als Französin mittlerweile seit über zwanzig Jahren in Reilingen wohnt und die Kultur beider Nationen nicht nur kennt, sondern auch selbst lebt.

Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich: "Keine Geschwister, sondern Cousins"

Die Französin beschreibt gleich zu Beginn die Beziehung zwischen den beiden Nationen: „Wir sind keine Geschwister, sondern Cousins. Zwar sind die Grundlagen unserer Kulturen und Lebensweisen ähnlich, doch unterscheiden diese sich zu sehr, um Deutschland und Frankreich als Brüder zu bezeichnen.“

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Damit bezieht sich die aus der Nähe von Orléans stammende Reilinger Gemeinderätin vor allem auf die unterschiedliche Lebensart und die gegenseitige Sich auf jene. Während in Frankreich alles mit einer Lockerheit angegangen werde, Kulinarik und Genuss im Fokus der Bürger stehe, seien die Deutschen eher etwas strenger sowie sehr auf Regeln und Bürokratie ausgelegt.

Gerade mit letzterer machte Thuault-Pfahler bei ihrem Umzug nach Deutschland als Staatsbürgerin einer anderen Nation Erfahrung: „Es gibt einfach sehr viele Formulare, man muss extrem viel ausfüllen. Dazu ist es noch ein sehr langer Prozess und wenn man die deutsche Sprache noch nicht gut beherrscht, stellt dies eine große Barriere dar.“

Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich: Stereotypisches Denken ist großes Problem

Das gegenseitige stereotypische Denken ist für die Französin ein grundlegendes Problem: Ob es nun ihr französischer Akzent, auf den sie immer wieder und teils diskriminierend angesprochen wird, oder die oft vorhandene Missgunst zwischen Deutschen und Franzosen ist, Thuault-Pfahler sieht einige Baustellen, um das Verhältnis der Nachbarländer nachhaltiger zu verbessern.

Hierbei nimmt sie vor allem auch die deutsch-französischen Freundeskreise in die Pflicht. Zwar seien diese sehr bemüht, die beiden Kulturen mit Aktionen wie Schüleraustausche oder partnerstädtischen Events enger aneinanderzubinden, doch der Ansatz müsse mehr in Richtung gegenseitiges Verständnis und Wahrnehmung der jeweiligen Lebensart gehen.

„Dafür reichen reine Sprachkurse oder einwöchige Besuche nicht aus. Der Alltag in Frankreich und Deutschland muss einfach mehr vermittelt werden, um voneinander zu lernen und festgesetzten Denkweisen einen Riegel vorzuschieben“, so Thuault-Pfahler.

Sie selbst leitet einen Französisch-Kurs an der Volkshochschule Hockenheim, bei dem die Teilnehmer nicht nur die Sprache, sondern auch die Eigenarten und Bräuche der „Grande Nation“ kennenlernen können. Doch leider, so die Reilingerin, halte sich die Nachfrage bei den Kursen noch zurück. Auch in diesem Bereich wünscht sie sich eine engere Zusammenarbeit mit den Freundeskreisen, um das Interesse an der französischen Kultur weiter zu fördern.

Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich: Weg von Kohl weiterbeschreiten

Denn der Weg, welchen die beiden damaligen Staatsoberhäupter François Mitterand und Helmut Kohl in den 1980er- und 1990er-Jahren eingeschlagen haben, müsse weiter gegangen werden, um als zwei Galionsfiguren die Europäische Union weiter zu entwickeln.

Um dies zu erreichen, setzt Thuault-Pfahler ihre Hoffnung auch auf die kommenden Generationen, in deren Köpfen der Europagedanke tiefer impliziert sei. Denn das Verständnis und die gegenseitige Akzeptanz zwischen Deutschland und Frankreich sei für die Funktionalität einer Europäischen Union essenziell.

Der deutsch-französische Tag ist also die ideale Gelegenheit, um sich mit der Kultur des deutschen Nachbarlandes auseinanderzusetzen, Stereotypen abzuschütteln und das europäische Miteinander zu fördern. Und irgendwann werden aus den Cousins dann doch Brüder.

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