Herrenbuckel

Kundgebung in Reilingen: Landwirte und Anwohner am Herrenbuckel sind besorgt

Landwirte und Anwohner machen mit einer Kundgebung ihre Ablehnung des Teilaussiedlungsvorhabens von Jens Bechtel deutlich und appellieren: „Wenn gebaut wird, können wir die Sicherheit der Reiter nicht mehr garantieren."

Von 
Jakob Roth
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Protest mit Pony und Kinderwagen: Zu einer Kundgebung gegen das Aussiedlungsvorhaben am Herrenbuckel haben sich Anwohner versammelt, Bürgermeister und Gemeinderäte sind hinzugekommen. © Dorothea Lenhardt

Reilingen. Am Reilinger Herrenbuckel gärt es. Grund dafür ist das Teilaussiedlungsvorhaben des landwirtschaftlichen Betriebs von Jens Bechtel. Dieser betreibt unter anderem am Reilinger Ortsrand einen haupterwerblichen Bauernhof für Gemüseanbau. Aufgrund einiger Problematiken ist es im großen Interesse der Gemeinde Reilingen, Bechtels Betrieb aus dem Ort ins Umland zu verlegen. Dagegen regt sich Protest – und der ist am Dreikönigstag mit einer Kundgebung öffentlich gemacht worden.

Bechtel hat eine Bauvoranfrage für das Gewann „Spitzgewann“ am Herrenbuckel gestellt (wir berichteten). Geplant ist der Bau einer Maschinenhalle mit Wohnmöglichkeiten für Gastarbeiter. Bürgermeister Stefan Weisbrod erklärt die juristischen Umstände im Gespräch: „Der technische Ausschuss muss bei der Bewertung der Bauvoranfrage von Herrn Bechtel zwei Vorschriften beachten: zunächst das Zersiedelungsverbot, nach dem keine Fläche bebaut werden darf, die völlig abgegrenzt von bisheriger zusammenhängender Bebauung liegt. Es gilt weiterhin das Bündelungsgebot zu wahren, nach dem eine Neubebauung nur angrenzend an bereits bestehende Siedlungen erfolgen darf.“

Diese Regularien schränkten den Bereich vakanter landwirtschaftlich nutzbarer Flächen auf den Herrenbuckel ein. Daran stoßen sich Anwohner und besonders die ansässigen Landwirte. Sie riefen deshalb zur Kundgebung an der Feldwegkreuzung beim Gehöft der Familie Schell auf, um ihre Argumente gegen das Bauvorhaben zu äußern. Der Veranstaltung wohnte neben Bürgermeister Weisbrod und einigen Gemeinderäten auch Jens Bechtel bei.

Kundgebung in Reilingen: Infrastruktur unzureichend

In seiner Rede erklärte Landwirt Jürgen Schell auch im Namen der Familien Triebskorn und Geiger detailliert, warum das Bauvorhaben ihrer Meinung nach schädlich sei. „Wir wollen vor allem auf die unzureichende Erschließung von Infrastruktur, die mögliche Gefährdung der Grundexistenz ansässiger Betriebe, die Schädigung der bestehenden Agrarstruktur und die negative Beeinflussung der Biodiversität durch die geplante Neubebauung hinweisen“, erklärte er.

Vor allem ein Thema liegt den Betroffenen am Herrenbuckel sehr am Herzen: die Sicherheit der Reittiere und Reiter. „Hier finden Reitausbildungen und Schulungen statt, zu denen Kinder kommen. Wenn hier plötzlich große Maschinen auf viel zu kleinen Wegen fahren sollen, fühlt man sich nicht mehr sicher“, erklärt Familie Triebskorn, die auf ihrem Hof Pferde beherbergt.

Auch die künftige Betriebsleiterin des Gehöfts von Familie Geiger, Victoria Hertlein, blickt mit Sorge in die Zukunft: „Wenn gebaut wird, können wir die Sicherheit der Reiter nicht mehr garantieren. Die Familien hier leben mitunter von diesem Geschäft, wir müssen um unsere Existenz bangen“, sagte die Landwirtin.

Wenn Höfe ihren Betrieb einstellen müssten, schade das auch der Umwelt, sagte Jürgen Schell. „Höfesterben ist Artensterben. Mittlerweile ist dieser Zusammenhang unbestritten. Verschwinden die Höfe, verschwindet auch die Vielfalt unserer Felder“ macht er deutlich.

Kundgebung in Reilingen: abfallender Wasserdruck als Risiko

Des Weiteren sehen die Familien im stets abfallenden Wasserdruck ein großes Sicherheitsrisiko. Im Brandfall könne man die zur Verfügung stehenden Hydranten nicht mehr verwenden, wenn ein weiterer Betrieb ans Netz geht. Jürgen Schells Fazit: „Wir erheben Einspruch gegen die Neuansiedlung. Die beabsichtigte Siedlungsfläche ist nicht im Besitz des Antragstellers. Dieser Standort ist also nicht bindend, Alternativen sind möglich.“

Trotz der Kritikpunkte machte Schell deutlich: „Grundsätzlich freut sich unser Berufsstand über das Interesse junger Leute an unserer Arbeit. Wir sind jedoch der Meinung, dass die Gemarkung Reilingen zum jetzigen Zeitpunkt keinen weiteren Betrieb aufnehmen kann.“ Man wolle Bechtel mit seinem Vorhaben jedoch nicht im Regen stehen lassen. Es müsse nach alternativen Bauflächen in der Region gesucht werden.

Im Gespräch mit unserer Zeitung nahm Jens Bechtel zur Kritik Stellung. Einige Argumente könne er nachvollziehen, andere Streitpunkte seien aus der Luft gegriffen, sagte er. Besonders die Sicherheitsproblematik sei lösbar. „Ich sensibilisiere meine Mitarbeiter, rücksichtsvoll und nach den Verkehrsvorschriften zu fahren“, versicherte er. Alle seiner Maschinen seien GPS-überwacht und die gefahrenen Geschwindigkeiten ein Jahr lang nachvollziehbar. „Wenn ich nachweisen kann, dass meine Mitarbeiter zu schnell oder respektlos fahren, ist das ein Kündigungsgrund“, macht er deutlich.

Die Enge der Wege sei ebenfalls kein Problem. Man könne An- und Abfahrtpläne erstellen, an die sich jeder hält, so Bechtel. „Wir sind im 21. Jahrhundert, da werden die Maschinen nun mal größer, aber durch entsprechende Pläne lässt sich das regeln“ meint er. Er sei zu Klärungsgesprächen bereit und biete öffentlich den Dialog an: „Ich bin mir sicher, dass Lösungen gefunden werden könnten, wenn man aufeinander zugeht.“ So fänden bereits Gespräche mit der ansässigen Familie Baumann statt. Die umstrittene Fläche wolle er nach der Klärung aller Hindernisse gern kaufen. Aktuell prüfe das Landwirtschaftsamt sein Anliegen.

Bürgermeister Stefan Weisbrod erklärte: „Die Hauptbotschaft des heutigen Tages ist, dass wir die Sorgen der Betroffenen teilen. Wir sind bereits im Dialog und werden alle Parameter genau prüfen.“

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