Vor 300 Jahren - Kurfürstin Elisabeth Auguste kam am 17. Januar 1721 zur Welt / Ehe mit Carl Theodor war zutiefst zerrüttet Das gedoppelte hohe Beylager

Von 
Historiker Dr. Ralf Wagner
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Das schön renovierte Kabinett der Kurfürstin Elisabeth Auguste im Schwetzinger Schloss. © Bayerl/SSG

Kurfürst Carl Philipp von der Pfalz (1661-1742) hatte aus seinen zwei Ehen mit polnischen Prinzessinnen nur eine überlebende Tochter namens Elisabeth Auguste Sophie (1693-1728), die er mit seinem Nachfolger Joseph Carl Emanuel von Pfalz Sulzbach (1694-1729) verheiratete. Am 28. August 1718 traf Carl Philipp zum ersten Mal in der Kurpfalz ein – in der Sommerresidenz Schwetzingen, die zuvor für 10 000 Gulden instand gesetzt wurde. Am nächsten Tag begab sich der neue Kurfürst zu einem Lustjagen in den Käfertaler Wald und speiste beim Freiherrn von Hundheim in dessen Schloss in Ilvesheim. Die Familie seiner Tochter wuchs zur Freude des Kurfürsten, doch starb seine über alles geliebte Tochter bei der Geburt ihres siebten Kindes. Der totgeborene Prinz wurde „stückweise“ aus dem Leib der Mutter genommen, die unter unsäglichen Schmerzen am nächsten Tag verstarb.

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Am Leben blieben drei Enkeltöchter, wovon die älteste Elisabeth Auguste am 17. Januar 1721, also vor 300 Jahren in Mannheim geboren wurde. Der genaue Geburtsort war aber nicht das Schloss, das erst 1731 bezugsfertig wurde, sondern das Palais Oppenheimer am Marktplatz. Ihre jüngeren Schwestern wurden beide in Schwetzingen geboren: Maria Anna (1722-1790) und Maria Franziska Dorothea (1724-1794).

Am 17. Januar 1742 feierte man in der kurpfälzischen Residenzstadt Mannheim eine Doppelhochzeit. Der regierende Kurfürst Carl Philipp verheiratete seine beiden ältesten Enkeltöchter: Die erstgeborene, Elisabeth Auguste, wurde mit seinem Nachfolger, Carl Theodor, Herzog von Pfalz-Sulzbach und Marquis von Bergen op Zoom, und die jüngere Maria Anna (1722-1790) mit Herzog Clemens Franz von Bayern (1722-1770) vermählt.

Damit verfolgte Kurfürst Carl Philipp verschiedene politische Absichten: Da er keine männlichen Blutsverwandten mehr hatte, sollte seine Enkeltochter indirekt nachfolgen, indem sie Nachfolger Carl Theodor heiratet. Dazu wurde am 25. April 1733 eine Heiratsabrede zwischen Carl Philipp und Herzog Johann Christian von Pfalz-Sulzbach (1700-1733), dem Vater von Carl Theodor geschlossen. Der Ehevertrag regelte alle Eventualitäten wie Abfindungen und Erbfälle. Interessanterweise ist die Braut im Vertrag austauschbar. Stirbt Elisabeth Auguste, so folgen altersmäßig ihre Schwestern nach. Für die Verlobung von Carl Theodor mit seiner Cousine Elisabeth Auguste wurden zwei Gemälde von einem unbekannten Maler angefertigt, die sich jetzt wieder als Supraporten im Courzimmer des Mannheimer Residenzschlosses am originalen Platz befinden. Als Allegorie stellen Putti die Brautleute dar.

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Auf dem einen Bild wirbt Carl Theodor um die Hand von Elisabeth Auguste, auf dem anderen steckt er ihr den Verlobungsring an den Finger. Dem Nest im Vordergrund entschlüpft ein Küken, während im ersten Bild das Ei unausgebrütet im Nest liegt. Deutlich wird, was man von der Hochzeit erwartete – Nachkommen zum Erhalt der Wittelsbacher Dynastie. Außerdem sollten die Erbansprüche auf die Herzogtümer Jülich und Berg vereinigt werden, da auch Brandenburg-Preußen Anspruch erhob.

Aussöhnung mit den Bayern

Die durch vorherige Erbverbrüderung mit den bayerischen Wittelsbachern herbeigeführte Aussöhnung konnte ebenfalls mit einer Hochzeit besiegelt werden. Herzog Clemens Franz von Bayern, Neffe des regierenden Kurfürsten Carl Albrecht (1697-1745), sollte Maria Anna am gleichen Tag heiraten. Zugleich war es eine politische Machtdemonstration des Hauses Wittelsbach: Carl Albrecht, der sich kurz zuvor zum König von Böhmen proklamieren ließ, strebte die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen an. Die Kaiserwahl, die in Frankfurt am Main stattfand, wartete man in Mannheim ab. Dazu versammelte sich die gesamte Familie Wittelsbach in der pfälzischen Residenzstadt. Die im Geheimen Hausarchiv in München aufbewahrte Gästeliste führt 572 Personen an, darunter Gesandte des Papstes, von Schweden, Dänemark und Preußen sowie Prinz Wilhelm von Hessen-Kassel, Fürst Carl August von Nassau-Weilburg und Fürst Alexander Ferdinand von Thurn und Taxis. Dieses Familienereignis krönte man mit der festlich inszenierten Doppelhochzeit.

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Die junge Residenzstadt hatte bisher keine großen barocken Feste erlebt. Nun sollte in wenigen Tagen eine Fülle stattfinden, die den Beginn des „Goldenen Zeitalters“ einläuteten. Die Tage begannen mit dem feierlichen Einzug der Gäste in Mannheim. Dabei mussten die Bürger und das Militär Spalier stehen. Es wurde Salut aus allen Kanonen geschossen. Als am 15. Januar Kurfürst Clemens August von Köln (1700-1761), Bruder von Carl Albrecht von Bayern, seinen Einzug halten sollte, schickte er von Heppenheim kommend einen „Courir nach Hofe, um zu berichten, dass sie diesen Abend nicht ankommen könnten“, worauf alle nach Hause gingen. Es handelte sich aber um eine bewusste Fehlinformation. Denn bei einer anderen Gelegenheit war beinahe die Kutsche von Clemens August durch Salutschüsse getroffen worden und der Kölner wollte diese Art „Ehren“ vermeiden. Er gelangte unauffällig in einer gewöhnlichen Postkutsche zum Schloss. Carl Albrecht dagegen traf am 16. Januar prächtig mit Gefolge von 181 Personen „von 14 Kutschen, jede mit sechs Pferden bespannet, höchst glücklich allhier an“ und wurde von Kurfürst Carl Philipp – vor Freude weinend – am Fuße der Treppe empfangen.

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Am 17. Januar 1742, dem 21. Geburtstag von Elisabeth Auguste, fand abends die Trauung in der Schlosskirche statt: „Nachmittags kleydete sich Herzog Clemens Franz in die spanische Manteltracht, aus einem reichen Silberstück mit goldenen Borten; mit rothem Taffetas ausgeschlagen ... den Degen an der Seite mit dem Collier de l’ordre angethan. Der Hut war mit einer kostbaren Agraffe gezieret und mit weissen Strausfedern ordensmäßig geschmücket.“ Das Diarium vermerkt den Schmuck der Bräute: „Die Prinzessinnen hatten jede eine Krone, so mit den herrlichsten Brillanten und Perlen besetzet, auf ihren Häuptern.“ Die Silberspitzen ihres Hochzeitskleides schenkte Elisabeth Auguste 1748 der Mannheimer Jesuitenkirche, wo sie noch als Schmuck einer Kasel erhalten sind. In einer feierlichen Prozession, voran das Militär und Hofkavaliere mit brennenden Kerzenleuchtern, zogen die Brautleute und die Gäste in die Schlosskirche ein.

Die Trauungszeremonie nahm Kurfürst Clemens August vor, Carl Philipp verfolgte diese von der Hofloge aus – durch einen Paravant vor der Zugluft geschützt. Die Frischvermählten nahmen die Glückwünsche der Gäste entgegen, danach wurde „Offene Hoftafel“ gehalten. Der sächsische Gesandte beschrieb akribisch, wer an welchem Tisch speiste. In der Zeit der höfischen Etikette waren Rangordnungen wichtig. Am Tisch des ranghöchsten Gastes, dies war Carl Albrecht als König von Böhmen, lagen nur 14 Gedecke. An den restlichen drei Tafeln speisten jeweils 24 Personen – die restlichen Gäste mussten stehend dem Essen zusehen.

Nach dem „Soupper“ gab es einen Ball im Rittersaal, der mit einer Polonaise begann. Dazu trugen die Kavaliere brennende Kerzenleuchter in der Hand. Der hochbetagte pfälzische Kurfürst führte diesen zeremoniellen Tanz selbst an – von zwei Höflingen im Rollstuhl geschoben: „Durchlaucht wurde in einem mit Rädlen versehenen Lainseßel von einem Cavalier in der Runde herumgeführt, aber durch Ungeschicklichkeit des Fuhrmanns wäre der alte Herr bald zu Schaden gegangen.“ Carl Philipp fiel also beinahe aus dem Rollstuhl. Um diese kuriose Darbietung besser sehen zu können, stiegen die Gäste sogar auf Stühle.

Der Vollzug der Hochzeitsnacht

Anschließend tanzten nur die ranghöchsten Gäste miteinander und um Mitternacht zog man sich zurück. Nun folgte die Hochzeitsnacht. Der Vollzug der Ehe war sehr wichtig, galt er doch als Garantie des Ehevertrages. So ließ sich Carl Philipp am nächsten Tag das blutige Nachthemd von Elisabeth Auguste zeigen. Am Tag nach der Hochzeit gab es am Abend eine Festoper. Schon 1738 war Alessandro Galli da Bibiena beauftragt worden, an den Ostflügel des Schlosses ein Opernhaus zu errichten, das nun mit der Oper „Meride“ eröffnet wurde. Die nicht erhaltene Komposition stammt vom kurpfälzischen Hofkapellmeister Carlo Grua, das Libretto vom kaiserlichen Hofpoeten Claudio Pasquini nach einem Text von Herodot. Der sächsische Gesandte berichtet, dass am 18. Januar nur die beiden ersten Akte gespielt wurden. Vermutlich wollte man den Besuchern keine mehrstündige Vorstellung im nicht heizbaren Opernhaus zumuten. Erst drei Tage später gab man den dritten Akt. Dabei zog man alle Register der barocken Bühnenmaschinerie: Aus den Wolken schwebte Juno in einem Triumphwagen herab, begleitet von „Nymphen und Liebesgeistern“ während ein Chor den Brautpaaren Glück und reiche Nachkommenschaft wünschte.

Am folgenden Tag, dem 19. Januar, illuminierte man die Residenzstadt. Dazu wurden die Bürger verpflichtet, Kerzen in die Fenster ihrer Häuser zu stellen. Zusätzlich wurden entlang der Breiten Straße Holzgerüste mit mehr als 200 Wahrzeichen, Sinnbildern und Sprüchen in deutscher und lateinischer Sprache aus Lichtern errichtet. Den Hochzeitsgästen gefiel es, in „offenen Chaisen in der Stadt herumzufahren, und diese so schöne, von Herrn Bibiena angeordnete Illumination in Augenschein zu nehmen“.

Durch den Weinausschank im Ehrenhof, das Feuerwerk und die Illumination der Stadt erhielt die Doppelhochzeit den Charakter eines Volksfestes. Auf Kosten der Mannheimer Hausbesitzer musste die Hafnerzunft 23 600 Tontöpfe als Windlichter anfertigen, wobei 100 Töpfe einen Gulden und 16 Kreuzer kosteten. Für 70 Zentner Unschlitt (Talg als Lampenfüllung) bezahlte die Stadt 1750 Gulden. Als Vergleich dazu kostete das Haus des Hofmalers Franz Bernadini in N3, 8 nur 1800 Gulden. Da die Kosten der Illumination auf die Hauseigentümer abgewälzt wurde sprach man von der „Lammentation“ (Jammern).

Am 20. Januar gab man bei Hofe eine Assemblée, eine festliche Versammlung der Gäste in den neuen Prunkräumen, wobei Glückspiele veranstaltet wurden. Zu allen Festtagen erschien der Adel stets in neuer prächtiger Galakleidung, weil das der Kurfürst Carl Philipp gerne sah. Der französische Botschafter, Marquis de Tilly, berichtete darüber kritisch nach Versailles: „Der Glanz der Toiletten bei allen Galatagen, die so häufig sind, ruiniert die ganze Welt. Man ist mit Gold und Silber beladen und stirbt vor Hunger. Aber man kann es nicht ändern, da es nun einmal der Geschmack des Kurfürsten ist, und er sich nur denjenigen gnädig zeigt, die schön und viel Toilette machen.“

Am 21. Januar traf mit Prinz Wilhelm von Hessen-Kassel ein weiterer hoher Gast ein. Die Festivitäten anlässlich der Doppelhochzeit gingen noch Tage weiter, so veranstaltete man am 22. Januar einen Maskenball. Mit der Wahl Carl Albrechts zum Deutschen Kaiser am 24. Januar bekamen sie erneuten Auftrieb, um am 30. Januar mit der Abreise des Kaisers und der Gäste nach Frankfurt zu enden. Die beiden Brautpaare begleiteten ihn. Das „Gedoppelte hohe Beylager“ vom 17. Januar 1742 war sicherlich die strahlendste Festivität in der kurpfälzischen Metropole in der nur 58 Jahre dauernden Residenzzeit.

Wie verlief das Eheleben?

Elisabeth Augusta hatte im Gegensatz zu Carl Theodor einen sehr dominanten Charakter (wir berichteten im Dezember). Sie ließ den Kurfürsten spüren, dass er nur Kurfürst wurde, weil er sie geheiratet hatte. Die Kurfürstin legte großen Wert darauf, dass man sie ihrem Rang und ihrer hohen Stellung gemäß achtete. Sie war eine sehr lebenslustige Frau, extrovertiert, liebte derbe Spiele und Späße und war für „Hofspectacles“ verantwortlich. Elisabeth Augusta griff oft bei Stellenbesetzungen von Ministern in die Politik ein und verschaffte ihren Günstlingen hohe Ämter. Sie neigte zu heftigen Zornesausbrüchen, denen der introvertierte Kurfürst dadurch begegnete, dass er augenblicklich ihre Wünsche erfüllte – um seine Ruhe zu haben.

Allgemein war bei Hofe bekannt, dass die Kurfürstin von der Pfalz eine Vorliebe für stattliche Männer hatte. Unter ihren Liebhabern war der eigene Schwager, Herzog Clemens Franz von Bayern. Lebenslang schrieben sie sich Liebesbriefe. Sie korrespondierte mit dem Schwager in allen Sprachen, so in Latein: „Amo te solo“ („Ich liebe dich allein“) oder in der Hofsprache französisch: „Je suis à vous comme Calvin au diable avec une constance inébranlable“ („Ich gehöre ihnen auf ewig, so sicher wie Calvin dem Teufel“). Eindeutig pornografisch wird Elisabeth Augusta in deutschen Anspielungen: „Küssen sie nicht mehr ihr Lieblingsplätzchen, denn ich habe es so stark gefühlt, dass es mich jetzt noch brennt“ oder „Ach herrje, werfen sie mir nicht jenen glücklichen Moment vor, in dem ich so süße Schläge mit dem eisenharten Schlüssel empfangen habe – ich kann mir kaum noch jenes leck mich am Arsch, Schweinebeltz und all die anderen Ehrentitel ins Gedächtnis rufen, mit denen ich Sie geehrt habe.“ Eine ihrer Affären wuchs sich zum Skandal aus. Am 19. November 1763 berichtete der sächsische Gesandte Graf Andreas von Riaucour nach Dresden, dass Carl Christian Freiherr von Eberstein, Großmeister der Garderobe und Intendant der kurfürstlichen Hofmusik, bewaffnet ins Schlafzimmer von Elisabeth Auguste eingedrungen sei. Carl Theodor ließ ihn ohne Gerichtsprozess lebenslang ins Weinheimer Karmeliterkloster einsperren. Elisabeth Augusta scheint eine Liebesbeziehung mit Eberstein unterhalten zu haben. Das wurde durch die Botschafter auch an den ausländischen Höfen bekannt.

Der wichtigste Grund einer fürstlichen Ehe war der Erhalt der Dynastie. Elisabeth Augusta unternahm alles, was das 18. Jahrhundert als Schwangerschaftsvorbereitung vorsah. Sie machte Wallfahrten zur wundertätigen Muttergottes ins Kapuzinerkloster Waghäusel und Badekuren in Bad Schwalbach, einem angesagten Frauenheilbad im Taunus. Doch nach 19-jähriger Ehe musste man sich eingestehen, dass keine Kinder zu erwarten waren. Auf der Kurfürstin muss ein großer Druck gelegen haben, Söhne zu gebären, um die Wittelsbacher Dynastie am Leben zu erhalten.

Denn auch die bayerischen Zweige der Wittelsbacher hatten in dieser Generation keine Kinder. Als ihr im Alter von 40 Jahren klar wurde, dass sie keine Kinder bekommt, fiel scheinbar ein seelischer Druck von ihr ab, und was keiner mehr erwartete, geschah: Elisabeth Augusta wurde schwanger. Auch heute noch ist eine Erstgeburt mit 40 Jahren mit Risiken verbunden, wie viel risikoreicher war es da mit den unzulänglichen medizinischen Methoden des 18. Jahrhunderts? Die „gesegneten Leibsumstände“ der Landesmutter wurden im März 1761 verkündet. Überall in der Kurpfalz freute man sich, denn bei der herrschenden Kinderlosigkeit im Wittelsbacher Hause hätte ja vielleicht beim Tode Carl Theodors ein Erbfolgekrieg ausbrechen können. So wurden Freudengedichte auf die Schwangerschaft gemacht – so vom lutherischen Konsistorial- und Ehegerichtsrat Johann Christoph Schwarz:

„Welch ein angenehmer Mai für Schwetzingens beglückte Mauern! Dort höret man ein Lustgeschrei, da Mannheims treue Bürger trauern. Elisabeth entfernet sich. Betrübtes Mannheim, tröste dich. Denn Schwetzingen vermehrt dein Glücke! Elisabeth geht zwar von hier, doch sie kommt wiederum zu dir und bringt dir einen Sohn zurücke“.

Auch der französische Philosoph Voltaire, Briefpartner des Kurfürsten Carl Theodor, der zweimal in Schwetzingen weilte, schrieb einen Brief im Stil der Zeit: „Eure kurfürstliche Durchlaucht verzeihen mir meinen Enthusiasmus, nichts als die Freude kann ihn entschuldigen. Ich weiß nicht was ich mache, mein Brief verstößt wieder die Hofregel. Bei der Geburt des Herzogs von Burgund tanzten die Gassenjungen in den Zimmern Ludwigs XIV. Ich würde in Schwetzingen ein ähnlicher Gassenjunge sein, wenn ich im Julius das Glück haben könnte, mich den Eltern und dem Kind zu Füßen zu werfen. Einen Sohn und den Frieden, diese wünscht mein Herz Eurer kurfürstlichen Durchlauchtigkeit beiderseits und ein Sohn auch ohne den Frieden ist immer noch eine gute Sache.“

Der Hofmaler Franz Anton Leydensdorff malte ein Bild. Nun konnte man nach damaliger Vorstellung keine schwangere Fürstin malen, also griff man auf Personen der Bibel zurück und Leydensdorffer malte das betagte Hirtenpaar Jakob und Rahel – mit den Gesichtszügen von Carl Theodor und Elisabeth Augusta.

Die Geburt sollte in Schwetzingen stattfinden und dazu wurden umfangreiche Vorbereitungen getroffen wie ein großes Freudenfeuerwerk. Die Entbindung, die vor 250 Jahren vonstatten ging, fand im Schlafzimmer in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1761 statt. Während der Wehen erlitt Elisabeth Augusta einen Schwächeanfall, so dass man sie zur Ader ließ, dem Allheilmittel der damaligen Medizin. So blieb das Kind im Mutterleib stecken.

Mehr als eine Stunde bemühte man sich um den Kurprinzen, der sogar eine Nottaufe auf den Namen Franz Joseph Ludwig erhielt. Doch alles blieb vergebens, das Kind starb. Übrigens: Eine fürstliche Geburt ist immer öffentlich, also in Anwesenheit des Hofstaates geschehen, damit der Fürstin kein Wechselbalg untergeschoben werden konnte.

Carl Theodor brach vom Schmerz überwältigt an der Bahre zusammen, so dass der Hof beschloss, der tote Kurprinz muss sofort nach Mannheim gebracht werden. Da man nur die glückliche Geburt vorbereitet hatte, selbst eine neue silberne Taufgarnitur war angefertigt, war der Todesfall nicht geplant. In aller Schnelle musste ein Trauerzug zusammengestellt werden. Lediglich zwei mit sechs Pferden bespannte Hofkutschen mit zwei Kammerherren und ein Detachement der Gardes du Corps begleiteten den Sarg, der in der Jesuitenkirche still beerdigt wurde. An Voltaire schrieb Carl Theodor nach dem Tod: „Ich hatte nur einen schönen Traum.“

Elisabeth Augusta erholte sich von dem entsetzlichen Blutverlust, der ihr schier das Leben gekostet hatte, aber ihre Ehe war zerbrochen. Jeder ging nun seine eigenen Wege. Carl Theodor wandte sich anderen Frauen zu. Seine große Liebe hieß Josepha Seyffert und war Balletttänzerin. Sie gebar dem Kurfürsten vier Kinder, darunter einen Sohn. Insgesamt war Carl Theodor der Vater von sieben illegitimen Kindern. Leider liest man in der älteren Literatur exorbitante Zahlen über die außerehelichen Kinder des Kurfürsten. Ein Autor schreibt, es „wimmelt in Schwetzingen von kleinen Carl Theodors“, was übertrieben war. Der Kurfürst hat alle Kinder anerkannt und mit Besitz und Adelstiteln ausgestattet. Als Bastarde waren sie jedoch nicht erbberechtigt.

Für seine Kinder gab Carl Theodor gerade in der bayerischen Zeit Millionen aus, um sie standesgemäß zu versorgen. Dies löste in Bayern Unmut unter der Bevölkerung aus. Josepha Seyffert wurde zur Gräfin von Heydeck erhoben und später kaufte Carl Theodor seinen Kindern das Reichsfürstentum Bretzenheim an der Nahe. Aus dem bescheidenen Haus von Josepha wurde später das imposante Palais Bretzenheim gegenüber der Mannheimer Residenz. Gräfin Heydeck starb qualvoll im Alter von 23 Jahren an Kindbettfieber, als sie Carl Theodor Zwillinge gebar. Weil sie kurz vor ihrem Tod die kirchliche Absolution erhielt, durfte der Kurfürst nur noch von der Tür aus Abschied nehmen. Voller Trauer schloss er sich für Tage ein. Anschließend hatte der Kurfürst noch viele Mätressen, aber der sexuelle Aspekt trat immer deutlicher hervor.

Die neue Bedeutungslosigkeit

Elisabeth Augusta, deren Einfluss zuvor schon schwand, versank in Bedeutungslosigkeit. Carl Theodor hatte sich von der Bevormundung seiner Ehefrau befreit. Er war auch rachsüchtig und zwang die Kurfürstin seine illegitimen Kinder bei Hofe zu empfangen, was ihr schwerfiel. Der Aufenthalt in Schwetzingen war Elisabeth Augusta dauerhaft verleidet. Man hatte zwar ihr Appartement nach der tragischen Geburt völlig neu ausgestattet – aber ab 1768 zog sie sich immer öfter in ihre Sommerresidenz nach Oggersheim zurück. Mit dem bayerischen Erbfall Ende 1777 wurde die Trennung des Fürstenpaares auch in der Bevölkerung bekannt, denn die Kurfürstin verbrachte nur einen Winter mit Carl Theodor in München.