Im Interview Raquel Rempp hilft den Ärmsten der Armen

Von 
Katja Bauroth
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Der Name Raquel Rempp steht über die Grenzen Schwetzingens hinaus für Engagement. Kommunalpolitisch hat sich die frühere Gemeinderätin zurückgezogen, sozial scheint sie mehr denn je für Menschen einzutreten, die Hilfe benötigen. Nicht umsonst ist sie seit 2014 Trägerin der Anette-Albrecht-Medaille, einer Auszeichnung, die Personen verliehen wird, die unermüdlich für Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen für deren Teilhabe an der Gesellschaft einstehen. Dass diese Hilfe über die Kurpfalz, ja sogar Deutschland hinausgeht, hat sie unter anderem 2015 bewiesen. Damals holte sie den im Bürgerkrieg schwer verletzten 17-jährigen Syrer Abbas Albunni für die medizinische Behandlung nach Deutschland und half ihm bei der Regeneration.

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Aktuell setzt sich Raquel Rempp, die auch in der Flüchtlingshilfe sehr aktiv ist, unter anderem für zwei Schwestern aus Afghanistan ein, die mit schweren Missbildungen an den Gliedmaßen leben müssen. Sie möchte die Mädchen für eine Operation nach Heidelberg-Schlierbach bringen. Dort werden solche Missbildungen seit 50 Jahren operiert. Doch bis dahin versucht sie, von Schwetzingen aus zu helfen.

Die Gliedmaßen des zwölfjährigen Mädchens sind völlig entstellt. Eine Operation in Heidelberg-Schlierbach kann helfen. © Rempp, Mertens (A)

Frau Rempp, Sie engagieren sich für zwei Schwestern aus Afghanistan, haben für Sie unter anderem Rollstühle organisiert. Was haben die Mädchen und warum setzen Sie sich für sie ein?

Raquel Rempp: Es ist nicht bekannt, welche Krankheit die Mädchen haben. Sie leben in extrem ärmlichen Verhältnissen in Kunduz und waren noch nie bei irgendwelchen Ärzten. Arzt- und Krankenhausbesuche können sich die meisten Menschen in Afghanistan nicht leisten – denn diese müssen immer selbst bezahlt werden. Dafür ist das Geld nicht da. Der Vater ist tot. Die Mutter versorgt die Mädchen, die nie aus dem Haus kommen, alleine. Die Verformungen beziehungsweise Missbildungen sind nicht nur auf Beine, Arme und Hände beschränkt, sondern auch in den Gesichtern. Sie waren nicht von Geburt an da, sondern verändern sich im Laufe der körperlichen Entwicklung. Die Mädchen Sima (12) und Shima (6) wünschten sich sehnlichst Rollstühle, damit sie auch mal ein wenig aus dem Haus rauskommen könnten. Sie sind mit ihren sechs (1,28 Meter) und zwölf (1,46 Meter ) Jahren für die Mutter viel zu schwer. Sie kann sie nicht mehr tragen. Ich hatte einige Bekannte, Freunde und Sanitätshäuser hinsichtlich der Rollstühle angeschrieben und angefragt. Das Sanitätshaus Schuh in Schwetzingen hat mir sogar für die Zukunft Rollstühle in Aussicht gestellt.

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Haben Sie jetzt welche bekommen?

Rempp: Ja. Die Rollstühle wurden jetzt doch direkt in der Hauptstadt Kabul gekauft, der Transport nach Kunduz wird derzeit organisiert.

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Warum war das so schwierig, für die Mädchen Rollstühle zu bekommen?

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Rempp: In den meisten – vor allem den vielen armen – Regionen in Afghanistan gibt es keine Rollstühle. Es gibt aber durch die langen Kriege, Bombenangriffe und durch die vielen Minenopfer extrem viele behinderte Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Behinderte Menschen in Afghanistan haben meistens leider keinerlei Teilhabe an der Gesellschaft. Sie werden weggesperrt und versteckt. Man schämt sich ihrer.

Wir kam der Kontakt zu den Schwestern zustande?

Rempp: Da ich seit vielen Jahren in der Flüchtlingshilfe aktiv bin und seit Jahren viele geflüchtete Menschen und Familien begleite und unterstütze, bin ich inzwischen sehr vernetzt. So kam ich über einen guten Freund – Shafiqullah Sayaad, den ich in unserem „Schwetzinger Camp“ kennenlernte und inzwischen schon die dritte Wohnung für ihn und seine Familie vermitteln konnte – zu diesen beiden Schwestern in Afghanistan. Er bemüht sich seit einiger Zeit um diese Familie, die ihm persönlich bekannt ist und bat mich um Hilfe.

Sie haben vor einigen Jahren Abbas Albunni geholfen, einem syrischen Jungen, der von Granatsplittern getroffen und schwer verletzt wurde. Kürzlich war Abbas beim Talk aus der Wollfabrik zu sehen, er macht mittlerweile eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Haben Sie noch Kontakt zu ihm und seiner Familie, die mittlerweile auch in Deutschland ist?

Rempp: Den Kontakt zum „Talk in der Wollfabrik“ hatte ich hergestellt. Abbas ist ja inzwischen gut integriert. Ich versuche seit einigen Jahren, eine behindertengerechte Wohnung für ihn und seine Familie zu finden. Sie leben immer noch in der „Schwetzinger Obdachlosenunterkunft“ in der Scheffelstraße. Für diese damalige Option war und bin ich der Stadt Schwetzingen immer noch sehr dankbar. Ich hatte unter anderem die Flüwo angeschrieben, die ja bekanntlich in der Walter-Rathenaustraße behindertengerechte Wohnungen anbietet. Leider war ich wohl zu spät dran – denn bisher habe ich keine Rückmeldung auf unsere Bewerbung erhalten. Es ist unglaublich schwer, eine behindertengerechte Wohnung in Schwetzingen zu finden!

Warum engagieren Sie sich für die Menschen aus den Kriegsgebieten?

Rempp: Ich weiß gar nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Sollte das nicht die Aufgabe einer Gesellschaft sein, sich um schwächere, hilfsbedürftige Menschen zu kümmern? Erst recht, wenn sie aus solchen schlimmen Kriegsgebieten kommen? Ich versuche Menschen zu helfen, die in Not sind beziehungsweise Hilfe brauchen. Egal wo sie herkommen. Das ist für mich etwas völlig Normales. Für viele offenbar leider nicht mehr. Das bedauere ich sehr. Ich persönlich verstehe diese Hilfe – als ehemalige Katholikin, die schon mit 14 Jahren aus dem Religionsunterricht ausgetreten ist – als Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Zurück zu den Schwestern aus Afghanistan: Wie geht es für sie jetzt weiter? Und inwieweit suchen Sie hier Unterstützung?

Rempp: Wir haben für die Familie direkt in Kunduz ein eigenes Konto eröffnet. Das war absolut nicht einfach. Dorthin könnten nun direkt etwaige Spenden überwiesen werden. Einfach, um der Familie – die in wirklich sehr traurigen Verhältnissen lebt – ein wenig mehr Lebensfreude und Hoffnung zu geben. Stefan Krusche, der ehemalige Behindertenbeauftragte der Stadt Schwetzingen und ein guter Freund von mir, sagte mir, dass diese Missbildungen in der Uniklinik Heidelberg-Schlierbach seit 50 Jahren erfolgreich operiert werden. Also, wenn die Mädchen operiert werden könnten, bevor sie ausgewachsen sind, hätten sie große Chancen, mit Schienen und Spezialschuhen irgendwann einmal gut gehen zu können. Das brachte mich auf die Idee, einige Hilfsorganisationen anzuschreiben. Ob die damalige sehr kraft- und zeitintensive „Abbas-Spenden-Hilfsorganisation“ – die ja nur aus zwei Personen bestand – heute zu wiederholen ist, weiß ich nicht. Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen ich damals angesprochen und angeschrieben und um Hilfe gebeten hatte . . . Letztendlich konnten mir nur die vielen privaten Spenden und nur das politische Engagement vom damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Stefan Rebmann und seinem Büro damals helfen. Von allen anderen politischen Institutionen – egal welcher Couleur – war ich absolut enttäuscht. Sehen wir mal, wie es dieses Mal läuft.

Waren Sie eigentlich selbst schon einmal in Afghanistan?

Rempp: Nein.

  • Spenden können auf das Konto von Raquel Rempp eingezahlt werden - sie leitet das Geld direkt an die Familie weiter: IBAN: DE61 6009 0800 0000 697427 bei der Sparda BW Bank, Betreff: Schwestern aus Afghanistan.

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Ressortleitung Katja Bauroth ist Redaktionsleiterin der Schwetzinger Zeitung/Hockenheimer Tageszeitung.