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Kurpfälzer helfen den Flutopfern

So geht es Sinzig nach dem Hochwasser

Reporterin Katja Bauroth hat in Sinzig Bürgermeister Andreas Geron getroffen. Er hat ihr gezeigt, wo das Hochwasser seine Spuren hinterlassen hat und wo die Hilfe aus der Kurpfalz gebraucht wird.

Von 
Katja Bauroth
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Bürgermeister Andreas Geron steht inmitten des Naturschutzgebietes, durch das sich in seiner Gemeinde der Ahrradweg entlang des Flusses (links) schlängelt. Teile des Radwegs sind weggespült (im Hintergrund). Vom Naturschutzgebiet mit all seinen Pflanzen und Vögeln ist nicht viel übrig geblieben. © Bauroth

Sinzig. Eine Stadt – zwei Welten. Ich stehe auf dem schönen gepflasterten Platz mit integriertem Stadtwappen vor dem Rathaus in Sinzig. Daneben erhebt sich die spätromanische Pfarrkirche St. Peter. Gegenüber sitzen Menschen vor einem Restaurant in der Sonne und speisen. Zwei Kinder spielen Fangen. Wer hier steht, vermag nicht zu glauben, dass die Barbarossastadt am Mittelrhein mit ihren Ortsteilen Franken, Koisdorf, Löhndorf, Westum und Bad Bodendorf schwer von der Flutkatastrophe am 14./15. Juli 2021 getroffen wurde. Doch nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt tut sich ein ganz anderen Bild auf: Verwüstung, Leid, Verzweiflung und Trauer.

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Ich treffe Sinzigs Bürgermeister Andreas Geron und bin glücklich über die Zeit, die er sich für eine Tour zu den von der Flut stark betroffenen Teilen der Gemeinde nimmt. Neben der Kernstadt Sinzig hat es vor allem Bad Bodendorf, den größten Ortsteil und bekannt als Tor zum Ahrtal, getroffen. In diesen Tagen hat der Stadtchef eigentlich genügend anderes mit dem Krisenstab zu tun – rund um die Uhr. An essen oder schlafen ist kaum zu denken, was ihm anzusehen ist. Immer wieder klingelt sein Handy, blinken Nachrichten auf der Smartwatch auf. Er möchte für alle da sein, helfen, Lösungen finden, Mut machen, seine Gemeinde wieder in Ordnung bringen. Andreas Geron ist so dankbar für die Hilfsaktion dieser Zeitung, die von den Kommunen unseres Einzugsgebiets unterstützt wird. Das betont er im Gespräch immer wieder und formuliert es auch in einer Videobotschaft. Mit Schwetzingens Oberbürgermeister Dr. René Pöltl steht er in Kontakt. Dieser hat ihm versichert, dass die Stadt Schwetzingen – soweit möglich – alle rechtlichen Formalien rund um die Hilfsaktion übernimmt, sodass Sinzig die Spendengelder sofort und ohne Vorgaben so einsetzen kann, wie es die Not vor Ort erfordert. Und die ist groß – unvorstellbar groß!

Spendenkonten der Schwetzinger Zeitung



Die Zerstörungen in den Flutgebieten in Deutschland sind schrecklich: In einer Initiative der Schwetzinger Zeitung sicherten alle Oberbürgermeister und Bürgermeister aus unserem Verbreitungsgebiet ihre Unterstützung zu. Auch wir möchten den Menschen in den betroffenen Gebieten helfen. Die Stadt Schwetzingen hat Spendenkonten eingerichtet und übernimmt die Abwicklung. Spendenbescheinigungen sind möglich. Spenden Sie mit dem Stichwort: Fluthilfe 2021

Jeder Euro wird bei den Menschen in Sinzig ankommen. Bürgermeister Andreas Geron hat zugesagt, dass seine Mitarbeiter bei der Auswahl der Hilfsbedürftigen helfen.

Gemeindechef selbst betroffen

Bürgermeister Geron selbst ist mit seiner Familie auch von der Flut betroffen. Dabei steht sein Haus nicht einmal in einer Hochwasserrisikozone. Und das wird ein Versicherungsproblem, das viele Bürger im Ahrtal trifft. Die sonst ruhige Ahr hat sich in besagter Juli-Nacht zu einem reißenden Strom aufgeplustert und sich breit über ihr Flussbett hinaus entladen. Andreas Geron beschreibt die Flutnacht: „Aus der Entfernung hörte man Bäume knacken und ein Rauschen, das immer näher kam.“ Dann war das Wasser da, überschwemmte Häuser, Spielplätze, Sportanlagen, riss Autos mit sich, schwemmte Öltanks an, spülte Existenzen weg. Es ist eine Szenerie, die nur schwer zu begreifen ist. Genauso unbegreiflich sind die Bilder, die sich beim Rundgang vor Ort bieten.

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Am Wochenende – eineinhalb Wochen nach der Katastrophe – zeugen Schlamm, Schmutz und aufgeweichte Böden in betroffenen Straßen der Kernstadt noch davon. Hier und da sind Müllberge mit herausgerissenen Bodenmaterial und Mobiliar zu sehen. Ein Gros wurde auf der Jahnwiese, wo sonst das Martinsfeuer stattfindet, notgelagert und dort auch schon wieder weiter entsorgt. Ein zerstörtes Wohnmobil ohne Wände steht verlassen auf dem großen Platz. Sinzig ist bei Campern bekannt und beliebt. 30 000 Nächtigungen schlagen allein auf Stellplätzen zu Buche. Banner und Zettel hängen im Stadtgebiet, auf der die Bürgerhotline für Hilfegesuche und Fragen zu lesen ist: 0173/38 16 412, erreichbar von 8 bis 22 Uhr, dazu die E-Mail Hochwasser@sinzig.de.

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Während der Gemeindechef das große Ganze managt, kümmert sich zu Hause Ehefrau Esther mit den Kindern und Familienangehörigen um das Trockenlegen von Garage und Untergeschoss. Sie erzählt von einer unfassbar tollen Hilfsbereitschaft untereinander. Die Apotheke im Ort würde ihren Kunden einfach Desinfektionsmittel und sterile Verbände kostenlos mit einpacken. Ein Unternehmer fuhr mit einem Laster die Straßen ab und stellte neue Kühlschränke vor Häuser. „Auf einmal stand vor unserer Haustür einfach ein voller Bierkasten“, berichtet sie von einer weiteren schönen Spendengeste. Handwerker zogen von Haus zu Haus, um sich dort um die fachgerechte Versorgung zu kümmern. Keiner fragte dabei nach einer Bezahlung. Aus dem Freundes- und Bekanntenkreis kamen Duschangebote, immerhin hatten Menschen acht, neun Tage weder Wasser noch Strom. Auch jetzt sind erst 80 bis 90 Prozent wieder am Versorgungsnetz. Eine Familie, die in den Urlaub fuhr, drückte Gerons den Haustürschlüssel in die Hand mit der Einladung, einfach die Wohnung zum Kochen und Waschen zu nutzen. Ein Landwirt klapperte mit Traktor und Hänger die Straßenzüge ab, lud einfach den Müll auf, um bei der Entsorgung zu helfen. Herzerwärmend!

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Bei Gerons ist unter anderem das Auto nicht mehr fahrbereit, die Sammlung mit 250 Brettspielen Geschichte, Haushaltsgeräte in den unteren Räumen kaputt. So gesehen Peanuts im Vergleich zu Verlusten, die Menschen im Ort erleiden mussten. Allein im Haus der Lebenshilfe kamen zwölf Bewohner in den Wassermassen ums Leben. Die Nachbearbeitung und Ursachenforschung der Katastrophe, auch das ist ein Thema, was die Stadt beschäftigen wird.

Kloake statt Naturschutzgebiet

Vorrangig geht es jedoch erst einmal ums Aufräumen, darum den Menschen wieder ein Zuhause zu geben, und um eine Wiederherstellung der Infrastruktur, wenn das auch teilweise nur notdürftig möglich ist. Die Brücke der B 9, die sonst 20 000 Fahrzeuge am Tag queren, ist eingebrochen, auch die Verbindung innerorts nur für Fußgänger und Radfahrer nutzbar. Die einzige Möglichkeit, nach Bad Bodendorf zu gelangen, ist ein Schleichweg.

„Das Wasser schoss über die Brücke drüber“, zeigt Bürgermeister Geron am Ufer der Ahr im Kernstadtbereich. Die schlägelt sich fast schon wieder selig durch die Landschaft, wenn auch zum Teil auf neuen Wegen. Rechts- und linksseitig ihres Ufers weisen die mit den Wurzeln aus dem Boden gerissenen großen Bäume auf ihre Kraft vor knapp zwei Wochen hin. Überall liegt Schwemmgut. „Wo der wohl vor einer Woche noch stand“, sagt Andreas Geron nachdenklich als er einen weißen Blumenkübel in den Wiesen entdeckt. Gegenüber auf dem Sportplatz sind umgeknickte Torpfosten auszumachen. Mittendrin liegt ein Auto. Um die 5000 Fahrzeuge wurden im Ahrtal angeschwemmt. Bei Weitem sind noch nicht alle gefunden oder deren Halter ermittelt.

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Wir laufen ein Stück auf dem Ahrradweg – beziehungsweise: was davon noch übrig ist. Die Asphaltdecke wurde weggespült. „Das war die Brücke, über die der Rheinradweg führte“, macht Andreas Geron an einem unter Gestrüpp begrabenen Betonpfeiler halt. Kurios: Gegenüber stehen zwei Sperrboller aufrecht im Boden: „Unser Bauhof leistet solide Arbeit“, kommentiert der Bürgermeister den Anblick. Wir müssen beide schmunzeln. Es ist schön, dass trotz der Not die rheinische Frohnatur nicht vollends weggespült wurde.

Die Ahrwiesen, an denen wir uns befinden, sind ausgewiesenes FFH-Gebiet. Vor zwei Wochen war das Naturschutzgebiet noch beliebter Anlaufpunkt für Touristen und Einheimische, die am Ufer radelten und spazierten, auf den Bänken innehielten und dem munteren Vogelgezwitscher lauschten. Davon ist nichts mehr da. „Hier durften wir nicht einmal Mülleimer aufstellen. Und jetzt ist das eine einzige Kloake“, beschreibt der Bürgermeister. Dieses Areal ist letztlich auch der Grund, warum er seit 2018 im Amt ist. Eine Bürgerinitiative hatte sich gegen die Errichtung eines Supermarktes auf den Wiesen gestemmt, sprach sich für Wohnbebauung aus. Das war auch Andreas Gerons Anliegen, sodass der Diplom-Verwaltungswirt (FH) und studierte Rechtswissenschaftler vom Repetitor privater Schulen zum Wahlkandidaten und schließlich Gemeindechef wurde. „Wir lieben unsere Ahr“, sagt Andreas Geron, der an das Thema Wohnbebauung auf den Ahrwiesen nach diesem Jahrtausendhochwasser, wie Experten beurteilen, nicht mehr denkt. Freilich zweifelt er, ob alle Bürger diese Liebe noch teilen. Die Verluste sind doch zu groß.

„Ahrwiesen wieder schön machen“

Ein Mann steht vor seinem Haus. Er grölt „Hallelujah“ von Leonard Cohen, zieht zwischen den Refrainzeilen an der Zigarette. Als er Andreas Geron entdeckt, ruft er: „Bürgermeister, mach’ uns unsere Ahrwiesen wieder schön.“ Der Gemeindechef unterhält sich mit dem Mann, der seinen Kummer merklich betäubt hat. „Meine Tiere sind alle ertrunken“, erzählt er und fängt an zu weinen. „Bürgermeister – ich darf doch du sagen? – Hilf’ mir, vergiss mich nicht.“ Immer wieder. Andreas Geron versucht zu beruhigen, zu ermutigen. Das Wasser im Haus des Mannes stand hüfthoch im ersten Obergeschoss. Dicker Schlamm liegt vor dem Gebäude, Schaufeln zeugen von den Aufräumarbeiten. Jeder Betroffene hat seine eigene Geschichte.

„Ich bin kein Psychologe“, sagt Andreas Geron fast entschuldigend, als wir weitergehen. „Ich wollte doch nur mein Städtchen gestalten. Jetzt habe ich die größte Naturkatastrophe zu beseitigen.“ Es ist eine enorme Last und Verantwortung, die er und seine Kollegen in den betroffenen Gebieten zu schultern haben. Welche Last ist nur schwer vorstellbar. Die Schicksale lassen niemanden kalt, schon gar nicht so einen Herzensmenschen wie Andreas Geron.

Auf dem Weg nach Bad Bodendorf, das auf eine 1128-jährige Geschichte zurückblicken kann, erzählt er von der Kläranlage in Sinzig, die wir später noch besichtigen. Er ist auch Verbandsvorsteher des Abwasserzweckverbandes „Untere Ahr“. An das Klärwerk sind 130 000 Einwohner angeschlossen. Durch die Flut wurde es so stark beschädigt, dass es außer Betrieb ist. Kurzum: Das Abwasser läuft nun ungefiltert in Ahr und Rhein, die nächste Umweltkatastrophe. Die rheinland-pfälzische Klimaschutzministerin Anne Spiegel (Grüne) übergab einen ersten Bescheid bestehend aus einem Zuschuss von 500 000 Euro und einem zinslosen Darlehen über weitere 500 000 Euro für das Klärwerk. Ein Neubau wird schätzungsweise 14 Millionen Euro kosten.

Schulen und Sporthallen sind in Sinzig genauso vom Hochwasser schlimm getroffen wie Vereinsgelände. Der SC Bad Bodendorf habe vor drei Monaten begonnen, in Eigenregie und mit städtischer Förderung einen Kunstrasenplatz anzulegen. Der ist genauso futsch wie die nigelnagelneue Mensa der Schule in Sinzig. Diese hat eine besonders schicksalhafte Geschichte. Der Neubau (Kosten: zirka 1,4 Millionen Euro) sollte am 13. März 2020 feierlich eingeweiht werden. Corona machte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Nach den Pandemielockerungen haben die Schüler etwa zwei Wochen in der Mensa gegessen. „Nun muss sie abgerissen werden“, erzählt der Gemeindechef. „Ich war vorher nicht abergläubisch, nun bin ich es“, verweist er auf das ursprüngliche Einweihungsdatum an einem Freitag, dem 13.

AW-Wiki abgeschaltet

In Bad Bodendorf hängt ein Laken an einem Balkon: „Danke für eure Hilfe“, steht in Grün und Blau mit einem Herz verziert dort geschrieben. In einem Wohngebiet sitzt ein BMW auf einem Findling auf, gegenüber steht ein silberner Golf mit völlig zertrümmerter Frontscheibe. „So sah das aus“, zeigt Maggie ein Foto von einem Baumstamm, der die Scheibe des Golfs zerquetschte. Das Auto schlammverschmiert innen wie außen. Sie suche gerade im Internet nach einem neuen, erzählt sie. Schwester Anna ist aus Rastatt gekommen, um den Verwandten und Freunden beim Aufräumen zu helfen. Gerade machen alle Pause, sitzen vor dem Haus der Schwiegereltern, in dem das Wasser bis ins zweite Obergeschoss stand.

Ein paar Häuser weiter kehrt Anton Simons vor seinem Haus Schlamm und Schmutz weg. „Mein Leben ist in den vergangenen Tagen an mir vorbeimarschiert“, erzählt der Gründer von AW-Wiki, dem größten Regional-Wikipedia Deutschlands, vom explosionsartigen Eindringen des Wassers in sein Haus, in dem er seit 40 Jahren wohnt. Früher, erinnert er sich, seien auch schon mal die Marmeladengläser im Keller der Großeltern geschwommen, doch diese Wassermassen wie jetzt habe er noch nicht erlebt. Bedingt durch die Katastrophe musste er seine Internet-Wissensplattform abschalten, er braucht jeden Cent für den Wiederaufbau. Mit Schrubber in der Hand steht auch Ruth Simons auf dem Hof, die amtierende Weinkönigin „Burgundia“ von Ahrweiler. Gut 80 Zentimeter hoch stand das Wasser im Elternhaus, zeigt sie an.

Alles verloren – den Humor nicht

Anderes Wohnviertel, ähnliche Lage: Überall herrscht Gewusel in und vor Gebäuden. Dabei senkt sich langsam die Sonne. Einige Einfamilienhäuser werden nicht mehr zu retten sein, hier haben Familien ihre komplette Existenz verloren. Bürgermeister Geron hält immer wieder an, spricht mit Menschen. „Wollen Sie ein Würstchen?“, fragt ihn ein Mann. Nachbarn stehen zusammen und grillen. Stünden nicht Eimer, Schaufeln, Besen, aufgequollene Möbel und ein schlammverschmierter Roller da und würde nicht der Kärcher lärmen, könnte man meinen, es ist eine unbeschwerte Zusammenkunft von Freunden an einem lauschigen Sommerabend. Man hilft sich untereinander, ist zusammengerückt in der Not, auch wenn man vorher vielleicht keine Berührungspunkte hatte oder sogar im Klinsch lag. Das Beste aus der Situation machen, lautet das Motto der Runde.

Annette Küpper sitzt auf einem umgestülpten Getränkekasten. Ihre Wohnung liegt im ersten Obergeschoss und ist nicht bewohnbar. Ob sie dort in diesem Jahr überhaupt noch einmal einziehen kann, steht in den Sternen. Sie ist vorerst bei dem Studienfreund ihres Sohnes untergekommen. „Ich habe zugeschaut, wie das Wasser vom Gästezimmer im Untergeschoss über die Treppe nach oben kam“, erzählt sie von der Flutnacht. Alles sei so schnell gegangen. Sie habe noch das Auto in Sicherheit gebracht und als sie wiederkam, stand die Wohnung hüfthoch unter Wasser. Eine Warnung habe es nicht gegeben, da die Pegel, die das hätten aufzeigen sollen, schon durch das Wasser zerstört worden waren. Die Tochter im Nachbarhaus habe sie aufgerüttelt.

Mobiliar gibt es in der Wohnung nicht mehr, das Wasser hat alles zerstört. Nur die Hängeschränke in der Küche sind unversehrt, darin stehen Tassen und Teller, als sei nichts geschehen. „Wenn es nicht so eine Katastrophe wäre, müsste man lachen“, meint sie beim Zeigen der Schränke und schmunzelt. Spülmaschine, Waschmaschine – alles ist kaputt. „Ich habe keine Wintersachen mehr.“ Schlimmer noch sind die zerstörten Erinnerungsstücke an den vor drei Jahren verstorbenen Mann. Sie zeigt zwei gemalte Bilder von ihren Kindern, die konnte sie retten.

Während die Trocknergeräte in der Wohnung brummen und sie hofft, dass Boden, Fließen und Wände nicht auch noch abgetragen werden müssen, deutet sie auf ihren Garten. „Der Whirlpool der Nachbarn ist zu uns geschwemmt worden. Der war abgedeckt und das Wasser sogar noch drin“, berichtet sie von dem Kuriosum. Dieses saubere Nass nutzten sie und Nachbarn schließlich, um sich zu waschen. Sie muss wieder schmunzeln. Dennoch: Der Garten bereitet ihr Sorge. „Wer trägt da die Kosten, wenn der Boden verseucht ist und abgetragen werden muss?“ Ein Problem, das auch der Bürgermeister anspricht. Denn die Berge voller Schlamm müssten eigentlich privat entsorgt werden. „Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll“, sagt er hinsichtlich Logistik, Enddepot und Kosten.

Schlüssige Konzepte

Gefragt, wo es zuerst anzupacken gilt, hat Andreas Geron klare Vorstellungen: „Wasser und Strom für alle und dann die Brücken wieder herrichten – B 9 und die Verbindung von der Kernstadt, die Schäden an der Regionalschule schnellstmöglich beheben, damit die Corona-gebeutelten Kinder nicht noch einmal ins Homeschooling müssen. Und dann brauchen wir Fachkräfte, Ingenieure, und schlüssige Konzepte, um unsere Infrastruktur samt Radwegen neu zu planen.“ Und die Straßenbeleuchtung muss wieder in Gang gebracht werden, damit es nicht so duster ist. Die betroffenen Ortsteile von Sinzig sollen wieder schön werden, damit sie nicht mehr an das Leid erinnern. Und doch wird die Flutkatastrophe in den Köpfen bleiben und Generationen beschäftigen. Und das nicht für die nächsten Wochen und Monate, sondern über Jahre.

Gemeinden wie Sinzig benötigen Hilfe und die größte Angst der Menschen vor Ort ist, dass sie nach der ersten Welle der Hilfsbereitschaft in Vergessenheit geraten. Unsere Zeitung möchte mit den Kommunen unseres Einzugsgebietes helfen, dass dies nicht passiert. Unterstützen Sie bitte unsere Spendenaktion – jeder Euro kommt bei den Betroffenen an, das garantieren wir!

So können auch Sie helfen: 

Spenden Sie mit dem Stichwort: Fluthilfe 2021

  • Sparkasse Heidelberg: DE08 6725 0020 0025 0104 42
  • VR Bank Kur- und Rheinpfalz: DE78 5479 0000 0005 0650 03
  • Auch Online-Überweisungen sind unter diesem Link möglich

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Ressortleitung Katja Bauroth ist Redaktionsleiterin der Schwetzinger Zeitung/Hockenheimer Tageszeitung.

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