Weihnachtsmarkt

Traumbaum in Schwetzingen kann dieses Jahr nicht alle Kinderwünsche erfüllen

Am kommenden Samstag warten kleine Zettel darauf, dass ihre Aufschriften von Menschen mit viel Herz gelesen werden – doch nicht alle Kinder können 2022 berücksichtigt werden.

Von 
Stefan Kern
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Antonia und Tibor Wettstein vor dem „Kindertraumbaum“, den sie initiieren. Das Foto entstand in einem der vorausgegangenen Jahre. © Lenhardt

Schwetzingen. In diese Situation wünscht man niemanden. 14 Jahre lang konnten über den Kindertraumbaum die Wünsche aller bedürftigen Mädchen und Jungen aus der Region erfüllt werden. Es war, so die Mitbegründerin dieses besonderen Baums auf dem kurfürstlichen Weihnachtsmarkt, Antonia Wettstein, ein Teil des Lebens, der in die Kategorie „Schön“ gehört. Doch dieses Jahr hat sich das gedreht. In der Segelsprache würde man von einer unbeabsichtigten Halse sprechen. Denn dieses Jahr bescherte ihr dieser Baum schlaflose Nächte: „Mir hat das Herz geblutet.“

Denn zum allerersten Mal musste sie eine Entscheidung darüber treffen, welche Kinder ihre Wünsche an den Baum hängen dürfen und welche nicht. Der Grund: Sie bekam vom Tafelladen „Appel + Ei“ so viele bedürftige Kinder gemeldet, wie noch nie. Normalerweise würden vom Schwetzinger Tafelladen 230 bis 290 Kinder als bedürftig gemeldet. Dieses Jahr, so der Leiter des Tafelladens, Alexander Schweitzer, seien aber fast 700 Kinder berechtigt. Und das, so Wettstein, „können wir alleine einfach nicht stemmen“.

Traumbaum in Schwetzingen dieses Jahr mit Einschränkung: Stichtag als Notlösung

Die Idee des Kindertraumbaums ist genial. Kinder aus ärmeren Familien dürfen einen kleinen Weihnachtswunsch abgeben, dieser wird am ersten Samstag des kurfürstlichen Weihnachtsmarktes an den Kindertraumbaum – dieses Jahr gegenüber dem Brauhaus „Zum Ritter“ – gehängt, wo ihn Interessierte abhängen und erfüllen können. Einfach und genial. Doch dieses Einfach und Genial hat jetzt einen brutalen Riss bekommen. Denn mit diesem Plus an bedürftigen Kindern, im Vergleich zu den vergangenen Jahren haben sich die Zahlen mehr als verdoppelt, hat niemand gerechnet. Die Infrastruktur, die Antonia Wettstein und ihr Mann Tibor aufgebaut haben, würde unter diesem Plus einfach kollabieren. Zu wenige Leute und dann gehe es bei 700 Geschenken à maximal 30 Euro um immerhin 21 000 Euro. Im Gespräch mit der dieser Zeitung wurde sehr deutlich, dass Wettstein diese Situation sehr belastet. „Wie wählt man aus, welchem Kind man hilft und welchem nicht?“ Es war schwierig, denn es gebe in solchen Situationen keine einfache und schon gar keine gute Lösung. Am Ende entschied sie sich schweren Herzens für eine Stichtagsregel. Heißt, alle Kinder die beim Tafelladen bis zum 31. Dezember 2021 als bedürftig gemeldet waren, dürfen einen Wunsch an den Kindertraumbaum hängen, alle anderen nicht. Dabei weiß sie, dass das vor allem Kinder aus der Ukraine betrifft und natürlich sei das nicht fair. Doch es musste eine Entscheidung her.

Traumbaum in Schwetzingen dieses Jahr mit Einschränkung: Wie soll das nur weitergehen?

Schon jetzt denkt sie über das kommende Jahr nach. Was tun, wenn wieder so viele Kinder berechtigt sind? Sie weiß es nicht. Vielleicht ein Mindestalter von fünf Jahren einführen oder nach oben hin begrenzen. Eine Art Rotation, so dass jedes Kind nur alle zwei Jahre zum Zuge komme, oder eine andere Infrastruktur, wobei klar zu sein scheint, dass die Wettsteins das dann nicht mehr in Eigenregie stemmen können. Weiter machen will sie aber unbedingt. Gerade dieses Jahr wurde ihr wieder deutlich, wie nötig der Kindertraumbaum ist. Auf den Wunschzetteln stehen vor allem warme Schuhe, Jacken oder Hosen und eher wenig Spielsachen. Auch das sei eigentlich erschütternd. Doch wer helfen wolle, dürfe nicht verzweifeln, der müsse machen.

Auf einen Blick

Termin: Samstag, 26. November, zwischen 12 und 16 Uhr hängen die Wünsche am Kindertraumbaum vor dem Brauhaus auf dem Schlossplatz. Beim Zugang zum Baum sind Sicherheitsabstände und Hygieneregeln eingehalten.

Listen mit den Wünschen helfen, den Andrang am Baum zu reduzieren.

Informationen und Ansprechpartner zum Kindertraumbaum gibt es unter www.kindertraumbaum.de sowie bei Antonia Wettstein, Kanzlei Wettstein, Mannheimer Straße 5, Schwetzingen, Telefon 06202/9 20 86 66.

Wollen Sie sich als Sicherheitsnetz einbringen (zum Beispiel Betriebe, Vereine oder Organisationen)? Schreiben Sie an info@kindertraumbaum.de.

Geldspenden an das Diakonische Werk, Kinderförderfonds, Stichwort Kindertraumbaum, Sparkasse Heidelberg, IBAN: DE86 6725 0020 0009 1409 05, BIC: SOLADES1HDB

Abgabe der Geschenke: bis spätestens 9. Dezember bei den Sparkassen Heidelberg in Schwetzingen, Plankstadt, Oftersheim, Ketsch, Eppelheim und Hockenheim oder in der Kanzlei Wettstein, Mannheimer Straße 5 in Schwetzingen.

Abholung der Geschenke vom 19. bis 21. Dezember bei der Awo-Begegnungsstätte, Hebelstraße 5 in Schwetzingen zwischen 9 und 13 Uhr. 

Der Kindertraumbaum bedeutet viel Arbeit. Wünsche müssen eingesammelt und überprüft werden. Mehr als 30 Euro darf es nicht kosten und sie müssen altersgemäß sein. Die Wünsche werden katalogisiert. So können die Wettsteins die Wünsche, die zwar vom Baum genommen, aber nicht erfüllt wurden, selber noch besorgen. „Wir garantieren, dass jeder Wunsch von diesem Baum erfüllt wird.“ Und anschließend werden die Geschenke im Gebäude der Arbeiterwohlfahrt durch Mitarbeiter von „Appel + Ei“ an die Kinder verteilt. Bei 200 bis 300 Geschenken geht das gut, bei 700 eher nicht mehr.

Traumbaum in Schwetzingen dieses Jahr mit Einschränkung: Kinderförderfonds ist wichtig

Auch der Tafelladenleiter Schweitzer weiß um das Problem. Die Zahlen kennen nur eine Richtung, nach oben. Und es gibt keine Faktoren, die hier eine Entspannung versprechen. Eher im Gegenteil, Corona und nun die Inflation würden die Menschen am unteren Ende der ökonomischen Leiter zunehmend unter Druck setzen. Aktuell sind etwas mehr als 2000 Menschen bei der Versorgung mit Lebensnotwendigem auf den Tafelladen angewiesen. Trotzdem macht er sich in Sachen Versorgung gerade keine Sorgen. Ein Aufruf vor zwei Wochen, zu spenden, war gerade sehr erfolgreich, sodass es für die kommenden Wochen gut aussehe. Ganz wichtig: Die alljährliche Nikolausaktion findet vollumfänglich statt. Jedes Kind bekommt eine kleine Nikolausüberraschung. Toll findet er, dass er von der Nikolaustruppe des TV 1864 unterstützt wird. Der Dienstag, 6. Dezember, da ist sich Schweitzer sicher, „wird ein Fest für die Kinder“.

Zum Schluss kommt Wettstein noch auf den Kinderförderfonds Südliche Kurpfalz der Caritas zu sprechen. In ihren Augen ist dieser Förderfond einer der wirklich wichtigen Bausteine, um Kindern aus ökonomisch schwächeren Familien Teilhabe zu ermöglichen. „Eine für Kinder zielführendere Spende, wie hoch auch immer, gibt es nicht.“ Unter Beteiligung der Eltern ermöglicht der Fond unter anderem die Teilnahme an Klassenfahrten, die Anschaffung eines Laptops oder auch eine Vereinsmitgliedschaft. „Er hilft, wo es Not tut.“

Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.

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