Kirche St. Pankratius

„Wir läuten alles oder nichts!“

Nach der Sanierung des Holzgerüsts ertönen jetzt wieder alle Glocken

Von 
Volker Widdrat
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Kolpingsfamilie-Sprecher Peter Schwab (l.) und Glockensachverständiger Stefan Mayer präsentieren im Dreikönigshaus die alte Sterbeglocke aus dem Jahr 1769. Die von Anselm Franz Speck gegossene Glocke wiegt rund 30 Kilogramm. © Widdrat

Fünf lange Jahre waren die kleinen Glocken im Kirchturm von St. Pankratius verstummt. Nach einer Sanierung des Glockenstuhls erklingen sie nun wieder, rechtzeitig zur Advents- und Weihnachtszeit.

Geschichten und Geschichtliches zu den Glocken der von 1737 bis 1739 erbauten Kirche der katholischen Seelsorgeeinheit hörten rund 30 Gäste bei einem Vortrag auf Einladung der Kolpingsfamilie. Der Sprecher des Leitungsteams, Peter Schwab, begrüßte im Dreikönighaus dazu den Glockensachverständigen Stefan Mayer. Der Pastoralreferent aus Mannheim, ehemals Ministrant in St. Pankratius, ging kurz auf die Entstehungsgeschichte der Kirchenglocken ein. Die ersten Exemplare tauchten vor etwa 5000 Jahren in China auf. Ihr Hohlraum war damals die Maßeinheit für Getreide. Über Süd- und Vorderasien gelangten die Klangkörper in den Mittelmeerraum und nach Südeuropa. Der Weg führte von den ersten frühchristlichen Mönchsglocken über Handglocken in Irland und der Bretagne bis zu den frühmittelalterlichen Glockentürmen. Mayer zeigte dazu Bilder und präsentierte einige Hörbeispiele.

Die geschmiedete Eisenblechglocke des Ramsachkircherls St. Georg bei Murnau aus dem 8. Jahrhundert gilt als älteste Glocke Deutschlands. Die älteste Kirchenglocke in Baden-Württemberg stammt aus Gailingen am Hochrhein: Die Bürgli-Glocke, die 1998 zufällig entdeckt worden war, wurde um das Jahr 1050 gegossen. Die Marienglocke im Turm von St. Pankratius, 1484 durch Peter zur Glocken aus Speyer gegossen, ertönte bereits im alten Kirchengebäude.

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Von
Susanne Ebner
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„Mozart hat sie mit Sicherheit bei seinem Besuch in Schwetzingen gehört“, meinte Mayer. Ihre Inschrift in gotischen Buchstaben „unser lieben frawen glock heis ich in s pangrac ere lud“ verbinde ihn heute mit allen Menschen seit 1484, erklärte der Glockensachverständige. Diese Glocke hat beide Weltkriege überlebt und wurde zum Glück nie eingeschmolzen. Ein Schicksal, das viele andere Klangkörper der Kirchen genommen haben. Der 1755 von Hofbaumeister Wilhelm Rabaliatti erbaute barocke Kirchturm für den Heiligen Pankratius hat ein Geläut mit neun Glocken, die mit ihrer Klangvielfalt nicht nur zu Gottesdiensten und hohen kirchlichen Feiertagen einladen. Der etwa 50 Meter hohe Turm beherbergt fünf große Glocken in einem Stahlglockenstuhl. Die kleinen Glocken sechs bis neun, die sogenannten Zimbel-Glocken, sind in der offenen Turmlaterne oberhalb der Glockenstube aufgehängt. Die dynamische Belastung des Turms durch Schwingungen ist enorm. So hatte sich das Holzgerüst um die kleinen Glocken kräftig verzogen, deshalb hatte der Bereich auch saniert werden müssen.

Außer der mit gotischen Minuskeln verzierten Glocke des Speyerer Glockengießers Peter zur Glocken von 1884 sind alle anderen Glocken im Stahlstuhl aus dem Jahr 1964, berichtete Mayer weiter. Gegossen wurden die Glocken von Friedrich Wilhelm Schilling aus Heidelberg. Die Marienglocke läutet täglich um 12 und um 18 Uhr. Die Glocke mit dem Namen „Paulus“ wiegt 1800 Kilogramm und war früher als Totenglocke zu vernehmen. Sie erklingt am häufigsten im Kirchturm – zu jeder Viertelstunde. Die große Festtagsglocke „Christus“ bringt es auf stattliche 2724 Kilogramm.

Die Sterbeglocke der Wittners

Mayer hatte eine besondere Glocke im Dreikönigshaus dabei. Die kunstvoll gestaltete Sterbeglocke der Schwetzinger Familie von Johann Wittner aus dem Jahr 1769, mit der Inschrift „Last mich giesen io. Wittner sambt dessen Ehefrau ma. Eva gebohrne alfflin zvm trost deren Sterbenden in der chatolischen Gemeind zu Schwetzingen im Jahr 1769 A. F. Speck in Heydelberg goss mich“, hing bis 1962 allein in der Turmlaterne. „Sie passte aber nicht mehr ins Geläut, als Sterbeglocke war sie aber gut“, so Mayer. Die kleine Scheidglocke mit einem Gewicht von 30 Kilogramm sei allmählich in Vergessenheit geraten. Deshalb wurde sie nicht einmal in den deutschen Glockenatlas aufgenommen.

Das Werk des Glockengießers Anselm Franz Speck aus Heidelberg steht heute in der Kirche auf der rechten Empore. In den Turm wird sie wohl nicht mehr zurückkehren. Der Glockenschlag von St. Pankratius unterliegt der Läuteordnung der Inspektion des Erzbistums Freiburg. „Wir läuten evangelisch – alles oder nichts“, gab Mayer schmunzelnd an seine Zuhörer weiter. Die Geläute des Rabaliatti-Turms und der evangelischen Stadtkirche sind übrigens aufeinander abgestimmt. Jeden Samstag um 19.30 Uhr läuten sie gemeinsam den Sonntag ein.

Freier Autor Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter.