Technik Museum - Zum 30-jährigen Bestehen wird die Ausstellungshalle komplett renoviert / Feuerwehrabteilung neu konzeptioniert Von Lille nach Speyer gebracht

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zg
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Die Liller Halle war bei der Eröffnung des Technik Museums Speyer im Jahr 1991 das Herzstück. Jetzt wird sie zum 30-jährigen Bestehen komplett renoviert. © Technik Museum

Speyer. Für die Technik Museen Sinsheim und Speyer gibt es 2021 gleich zwei Gründe zum Feiern, denn die Sinsheimer Einrichtung wird 40 und die Speyerer 30 Jahre alt. Geplant sind mehrere Corona-konforme Aktionen, die übers Jahr verteilt an beiden Standorten stattfinden sollen.

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Auch wenn die aktuellen Schutzmaßnahmen dazu führen, dass die Museen derzeit geschlossen sind, im Technik Museum Speyer ist dennoch einiges los. Im größten Exponat der Einrichtung, der über 100 Jahre alten Liller Halle, wird fleißig gearbeitet. Ausstellungsstücke werden aus- oder umgeräumt, Oldtimer und Orgeln mit Planen abgedeckt. Es wird gestrichen, gebohrt, gehämmert oder geschraubt. Die historische Halle bekommt ein Upgrade.

Das Museum nutzt die Wintermonate, um die Ausstellung zu modernisieren und mit neuen Konzepten noch familiengerechter zu gestalten. Obwohl die Planung die ganze Halle betrifft, will man es den Besuchern trotzdem ermöglichen, die Liller Halle zu besichtigen. Daher wird der Umbau in Etappen durchgeführt. Somit gibt es für Gäste, wenn sie dann wieder kommen dürfen, nur wenige Einschränkungen und man kann bei den Arbeiten sogar zusehen.

Als Erstes hat sich das Werkstattteam des Museums den Bereich der historischen Feuerwehrfahrzeuge vorgenommen. Die bisherigen weißen Steine in den Ausstellungsfeldern werden gegen einen robusten, roten Boden getauscht, einige Träger sollen in Aluminiumsilber gestrichen werden und für die kleinen Besucher entsteht eine eigene Feuerwache. Mit den Arbeiten kommt man gut voran. Ziel ist es, mit dem ersten Abschnitt bis zum Jubiläum im April 2021 fertig zu sein. Danach folgen die nächsten Ausstellungsbereiche innerhalb der Halle. Informationen zum aktuellen Stand gibt’s immer unter www.technik-museum.de/lillerhalle.

Das Herz des Museums

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Die denkmalgeschützte Liller Halle ist ein markantes Beispiel der Industriebaukunst aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Als Herz des Technik Museums hat das Gebäude schon viel erlebt. Umso wichtiger ist es, die Arbeiten mit viel Feingefühl durchzuführen. „Am Standort Speyer wurden in den letzten Jahren überwiegend neue Gebäude errichtet wie die Raumfahrthalle oder das Restaurant Hangar 10. Solch einen aufwendigen Umbau gab es in den 30 Jahren des Museums noch nicht“, erklärt Museumsleiter Andreas Hemmer.

Das Werkstattteam samt eigenen Schreinern und Malern ist täglich im Einsatz. Erfahrungen von Neugestaltungen gibt es aus dem Muttermuseum in Sinsheim. Dort wurde in den letzten zwei Jahren verschiedene Ausstellugen wie die American Dream Cars Collection oder die Bereiche der Blue Flame und Concorde umgebaut. Gemeinsam mit den Sinsheimer Kollegen werden nach und nach die Maßnahmen der einzelnen Abschnitte umgesetzt.

Blick in die Geschichte

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Erbaut wurde die Liller Halle 1913 in Lesquin bei Lille in Nordfrankreich – daher rührt der Name – im Auftrag der Firma Thomson aus Houston in den USA. Doch lange sollte sie dort nicht stehen. Als die in Speyer angesiedelten Pfalz-Flugzeugwerke 1917 daran dachten, sogenannte Riesenflugzeuge fürs Militär zu fertigen, war man auf der Suche nach einer passenden Fertigungshalle. Aber woher das Material mitten in der Kriegszeit nehmen? Die Ressourcen, eine neue Halle zu bauen, waren zu knapp. Aus diesem Grund hielt man in den Besatzungsgebieten Ausschau und wurde in Nordfrankreich fündig.

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Die Halle in Lesquin wurde von den deutschen Truppen komplett demontiert, nach Speyer transportiert und hier wiederaufgebaut. Das fünfschiffige Gebäude hat eine Grundfläche von knapp 8000 Quadratmetern und besteht aus einer Stahlkonstruktion, dessen Gerippe mit Ziegeln fest vermauert ist. Ihr Gewicht wurde auf 700 Tonnen geschätzt. Nach ihrem Wiederaufbau 1918 war die Halle jedoch nicht lange in deutscher Hand. Nach Ende des Ersten Weltkrieges zog im Dezember das französische Militär ein und belegte die Liller-Halle mit seinem militärischen Automobilpark.

1926 ging die Liller Halle und das Gelände der ehemaligen Pfalz-Flugzeugwerke wieder in Deutschen Besitz über. Von 1937 bis 1945 diente sie den neugegründeten Flugzeugwerken Saarpfalz zur Instandsetzung und zu Herstellungsarbeiten für die deutsche Luftwaffe. Nach dem Zweiten Weltkrieg belegte wieder das französische Militär das Gelände. 1956 wurden die meisten alten Gebäude abgerissen und stattdessen Kasernenbauten für französische Soldaten errichtet. Es blieben nur das Kesselhaus, die Liller Halle und das Verwaltungsgebäude (heutiges Museum Wilhelmsbau) übrig. Von 1961 bis 1984 residierte das erste Regiment der Spahis das Kasernengelände.

Das ganze Areal verwahrloste

Nach Abzug der französischen Truppen wurde alles als ehemaliger Besitz des Deutschen Reiches an das Bundesvermögensamt übergeben. Das Gelände und die dazugehörigen Gebäude standen ab diesem Zeitpunkt leer. Da das Areal nicht genutzt wrude, verwahrloste es allmälich. Obdachlose hausten in den Kasernen, ein Zirkus überwinterte in der Liller Halle. Fenster wurden eingeschlagen, Wände beschmiert und große Teile des heutigen Wilhelmsbau fielen einem Brand zum Opfer.

Wo einst Flugzeuge hergestellt wurden, bot sich nun ein Bild der Zerstörung. Doch dies sollte sich ändern. Mit dem Kauf des Geländes durch den Museumsverein wurde der Grundstein fürs Technik Museum Speyer gelegt. Im August 1990 begannen die Renovierungsarbeiten. Es musste viel getan werden. Rund 100 Container Müll und Schutt wurden entsorgt, 1500 Glasscheiben und 7000 Meter Elektrokabel verbaut. Alleine für den Innen- und Außenanstrich der Liller Halle benötigte man 26 Tonnen Farbe. Doch all der Aufwand und die Mühe haben sich gelohnt, denn am 11. April 1991 konnte das Technik Museum mit der Liller Halle als Ausstellungsort offiziell eröffnet werden. zg